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12.06.06 - DIE WM-GLOSSE (4)

- von Volker HOFMANN, Pfarrer Ev. Auferstehungsgemeinde Ffm

Beobachtungen zu den kleinen und großen Ereignissen des Tages werden auf der Internetseite des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) - die auch für den Vogelsbergkreis zuständig ist - veröffentlicht. Die täglich erscheinende Glosse begann mit dem Start der WM am 9. Juni 2006. Den Anfang machte Schalke-Mitglied Pröpstin Karin Held (Kirchenbezirk Starkenburg). Die Glosse am Schluss wird am 9. Juli 2006 Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker schreiben. Dazwischen kommen auch Menschen zu Wort, für die der Fußball in diesen Tagen nicht im Mittelpunkt steht.

STADIONLITURGIE

Ich hatte am Samstag die Gelegenheit, mit meinem jüngsten Sohn das Spiel England – Paraguay im Stadion zu erleben. Trotz eines eher bescheidenen Spiels war die Atmosphäre mitten in einem Blick englischer Fans sehr spannend. Immer wieder begannen sie lautstark zu singen, die eigene Mannschaft anzufeuern, unermüdlich ohne Rücksicht auf die Stimmbänder. Dazu die wütenden Ausbrüche einzelner, die sich gegen Fouls von Paraguay und gegen vermeintliche Fehlentscheidungen vom Schiedsrichter richteten. Gleichzeitig der faire Applaus für den Torwart von Paraguay, der bereits in der Anfangsphase des Spiels verletzt ausgewechselt werden musste.

Offensichtlich kommen bei einer solchen Gelegenheit tiefe Gefühle an die Oberfläche. Hier wurde richtig „Dampf abgelassen“. Nach dem Spiel erlebte ich, wie sich Anhänger beider Mannschaften freundlich und fröhlich auf der Fan-Meile am Mainufer begegneten. Sicher ist das nicht bei jedem Fußballspiel so. Aber es ist möglich und auch verständlich: Wer die Möglichkeit hat, seinen Gefühlen im Stadion freien Lauf zu lassen; wer Gelegenheit hat, sich richtig zu freuen und zu ärgern, der kann dann auch neu die anderen Menschen in den Blick nehmen, denen er begegnet.

Auf dem Heimweg dachte ich an unsere Gottesdienste: Auch da soll doch eigentlich Befreiung geschehen: Dass ich das loswerde, was mich belastet und beschwert; dass ich getröstet werde und neuen Mut finde, mein Leben zu leben; dass ich Anstöße bekomme, auf andere zuzugehen; dass ich gestärkt werde für mein Leben mit Gott und mit den Menschen. Aber mein Eindruck ist: Nur wenige werden befreit, und noch weniger sind der Meinung, dass im Gottesdienst Befreiung überhaupt geschehen könnte.

Vielleicht sind unsere Gottesdienste zu sehr vom Kopf bestimmt und zu wenig von dem, was uns auf der Seele liegt und auf den Magen drückt. Da können wir von der „Stadion-Liturgie“ lernen. Hier entdecke ich eine Lebendigkeit, wie ich sie mir auch in unseren Gemeinden wünsche.

Pfarrer Volker Hofmann

Ev. Auferstehungsgemeinde Frankfurt/Praunheim

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wm-glossezentrum-verkuendigung.de +++

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