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16.06.06 - DIE WM-GLOSSE (8)

- von Paul-Ulrich LENZ, Pfarrer und noch nicht WM-geschädigt

Beobachtungen zu den kleinen und großen Ereignissen des Tages werden auf der Internetseite des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) - die auch für den Vogelsbergkreis zuständig ist - veröffentlicht und u.a. auch von "Osthessen-News" weiterverbreitet. Die täglich erscheinende Glosse begann mit dem Start der WM am 9. Juni 2006. Den Anfang machte Schalke-Mitglied Pröpstin Karin Held (Kirchenbezirk Starkenburg). Die Glosse am Schluss wird am 9. Juli 2006 Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker schreiben. Dazwischen kommen auch Menschen zu Wort, für die der Fußball in diesen Tagen nicht im Mittelpunkt steht.

DIE WICHTIGSTEN MINUTEN DES LEBENS

Es ist schon vier Tage her…

.... Japan führt gegen Australien 1:0. Es ist nicht mehr viel Zeit, noch 10 Minuten. Deshalb bleibe ich am Bildschirm sitzen, obwohl ich eigentlich weg muss. Australien wehrt sich gegen die Niederlage. 84. Minute: Ein Angriff – Flanke, Gewühl vor dem Tor und der Ball ist drin: 1:!. Torschütze: Tim Cahill gerade erst eingewechselt. Die Japaner antworten mit Gegenangriffen und der gleiche Tim Cahill legt seinen Gegenspieler im eigenen Strafraum - 86. Minute. Aber der Elfmeter-Pfiff bleibt aus. Wieder zwei Minuten später ein Angriff von Australien und an der Strafraumlinie steht Tim Cahill. Fast aus Verlegenheit – wo soll ich mit dem Ball hin – schießt er aus Tor und trifft. Die alte Fußball-Wahrheit bestätigt sich: Nur wer aufs Tor schießt, kann auch Tore schießen. Und dann auch noch das 3: 1 – diesmal durch John Aloisi.

Ich bin hängen geblieben an dem Satz des Reporters über Tim Cahill: „Das waren die wichtigsten zehn Minuten seines Lebens. Die wird er wohl nie vergessen.“ Es waren nur fünf Minuten – 84 – 89 Minute. Aber darum geht es nicht.

Sind es wirklich die wichtigsten Minuten seines Lebens? Sie sind wichtig und Millionen Menschen haben dabei zugesehen. Sie sind bejubelt worden in Australien und beweint in Japan. Sie sind vielleicht viel Geld wert, weil sie ihm einen neuen, besser dotierten Vertrag einbringen können.

Aber die wichtigsten Minuten seines Lebens? Wichtiger als die Geburt, Wichtiger als die Zeiten an der Brust der Mutter? wichtiger als der Satz des Vaters: Junge, das hast Du gut gemacht!? Wichtiger als der erste Schulweg, der erste Kuss? Wichtiger als die erste Begegnung mit dem Tod?

Was sind die wichtigsten Minuten des Lebens? Vielleicht kann das jede und jeder nur für sich selbst beantworten. Aber ich will es mir nicht so leicht einreden lassen, dass der Spektakuläre sportliche Höhepunkt in der Öffentlichkeit wichtiger für ein Leben sein soll als der stille Augenblick, über den nie einer schreiben wird und von dem es keine Fernsehbilder gibt.

Für mich gibt es ein paar wichtigste Minuten meines Lebens – dazu gehören die Minuten, als mir unverbrüchliche Liebe zugesagt worden ist – von Gott, aber auch von Menschen. Liebe, die ich mir nicht erkämpfen und verdienen musste, sondern die mir geschenkt wurde.

Das gilt trotz des gestrigen 1:0!

Paul-Ulrich Lenz

Pfarrer im Zentrum Verkündigung, Friedberg

und noch nicht WM-geschädigt

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