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18.06.06 - DIE WM-GLOSSE (10)

- von Paul-Ulrich LENZ, Pfarrer und noch nicht WM-geschädigt

Beobachtungen zu den kleinen und großen Ereignissen des Tages werden auf der Internetseite des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) - die auch für den Vogelsbergkreis zuständig ist - veröffentlicht und u.a. auch von "Osthessen-News" weiterverbreitet. Die täglich erscheinende Glosse begann mit dem Start der WM am 9. Juni 2006. Den Anfang machte Schalke-Mitglied Pröpstin Karin Held (Kirchenbezirk Starkenburg). Die Glosse am Schluss wird am 9. Juli 2006 Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker schreiben. Dazwischen kommen auch Menschen zu Wort, für die der Fußball in diesen Tagen nicht im Mittelpunkt steht.

BRUCE ALLMÄCHTIG UND DIE SCHIEDSRICHTER

Vielleicht haben Sie auch vor einigen Wochen den Film „Bruce Allmächtig“ gesehen. Bruce ist ein guter Kerl, dem furchtbar viel im Leben schief geht. Und er weiß auch, wer Schuld an seinen Kalamitäten trägt – der da oben. So beschwert er sich nachdrücklich – mit dem Ergebnis, dass Gott ihm für einige zeit seinen „Job“ überträgt. Bruche nimmt dankend an und hat die Absicht, nun alles besser zu machen.

Aber: Sehr schnell bemerkt er, dass das anstrengend ist, auf alles ein Auge zu haben, für alle ein Ohr zu haben, die unterschiedlichen Lebenslagen wahrzunehmen. Und so geht ihm die Lust schnell verloren, er will Pause machen, nur für sich selbst sorgen, alles mit Serien-E-Mail erledigen. Es kommt, wie es kommen muss: Am Ende will er nur einfach wieder Bruce sein, ohne diesen Job, das Ganze lenken zu müssen….

Jeden Abend stehen sie am Pranger, die Herren in Gelb, Grün, Rot, Anthrazit – so bunt sind ja die früher schwarzen Männer geworden. Jeder hat ihre Fehler gesehen – sie haben Abseits gepfiffen, wo keines war und nicht gepfiffen, wo eines war. Sie haben Fouls übersehen oder für Hühnerkram gelbe Karten verteilt. Und die Kritiker an den Fernsehschirmen denken wohl oft genug: Das kann doch nicht wahr sein – so eine Pfeife!

Ja, wenn man nur diese eine Szene sieht – da kann man aus der haut fahren. Aber keiner der Kritiker muss ein ganzes Spiel pfeifen, sich mit Schauspielern, Flugkünstler, Provokateuren herumschlagen, mit Unschuldslämmern, die ganz und gar nicht unschuldig sind.

Stellen Sie sich einen Augenblick vor, Sie wären der Mann in Bunt: Sie müssen nicht nur die eine Szene sehen, möglichst noch in Zeitlupe, dreimal wiederholt, sondern jetzt gleich und sofort entscheiden und 50. 000 Zuschauern schreien auf Sie ein.

Vielleicht geht es Ihnen dann auch wie Bruce Allmächtig. Sie sind froh, dass Sie diesen Job nicht haben, den Job des letzten Alleinentscheiders, den es weltweit noch gibt und der so unter Beobachtung steht.

Mir jedenfalls ist es sehr recht, dass ich nicht Schiedsrichter sein muss – nicht bei den WM-Spielen und auch nicht im großen Spiel der Welt. Da ist die Aufgabe, das Ganze im Blick zu halten und auch jedem einzelnen gerecht zu werden doch besser bei ihm aufgehoben – von dem wir sagen: Er ist allmächtig und barmherzig, geduldig und von großer Güte.

Paul-Ulrich Lenz

Pfarrer im Zentrum Verkündigung, Friedberg

und noch nicht WM-geschädigt

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