Beobachtungen zu den kleinen und großen Ereignissen des Tages werden auf der Internetseite des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) - die auch für den Vogelsbergkreis zuständig ist - veröffentlicht und u.a. auch von "Osthessen-News" weiterverbreitet. Die täglich erscheinende Glosse begann mit dem Start der WM am 9. Juni 2006. Den Anfang machte Schalke-Mitglied Pröpstin Karin Held (Kirchenbezirk Starkenburg). Die Glosse am Schluss wird am 9. Juli 2006 Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker schreiben. Dazwischen kommen auch Menschen zu Wort, für die der Fußball in diesen Tagen nicht im Mittelpunkt steht.
CHAPEAU, URS
Lieber Urs,
Du hast es nicht leicht. Ein Taktik-Freak und Frauenschwarm wie “Kloppo” wirst Du nie. Und gegen einen frotzelnden Dampfplauderer wie Johannes Baptist Kerner ist sowieso kein Kraut gewachsen. Aber Du schlägst Dich tapfer, brichst für die abseitsgeplagten Schiedsrichter-Teams Lanze um Lanze und hältst das Raunen im ZDF-Sony-Center geduldig aus.
Ich gebe zu: Obwohl ich einer aus Deiner Zunft bin und Deine Entscheidung zweifellos richtig war, habe auch ich damals mit Dir gehadert, als Du vor vier Jahren in Südkorea dem Ballack den “Gelben Karton“, wie Du selber diese leuchtende Signalkarte nennst, entgegengestreckt hast.
Fußball ist eben nicht logisch. In einem dramatischen Spiel wird man hineingezogen in den Sog des Geschehens. Wie ein Fieber hat das Spiel einen im Griff. Man wird Teil des Spiels, “der zwölfte Mann” oder “die zwölfte Frau”.
Die Gesänge, die Welle, der Torschrei und das “lähmende Entsetzen” versetzen uns Fans in eine andere Dimension: Wir können irrational sein, und keiner wundert sich. Wir können patriotisch sein und dürfen die politisch Korrekten zutiefst bedauern. Wir können uns bunt anmalen wie auf dem Fasching und die Leute finden es lustig.
Faszination Fußball. - “Fascinosum et tremendum” pur! - Da war doch mal was? Richtig: Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto und sein Buch über “Das Heilige”, das uns fasziniert und gleichzeitig in Schrecken versetzt. Und davor der gute Paulus, der Cheftheortiker des Neuen Testaments, der den Enthusiasten in Korinth seine eigenen ekstatischen Erlebnisse entgegenhielt: Stimmen hatte er gehört und entrückt wurde er bis in den dritten Himmel, nachzulesen in seinem zweiten Schreiben an die Korinther, Kapitel 12, ziemlich am Anfang.
Doch dann kam die kalte Dusche, “der “Pfahl im Fleisch”. Gelehrte glauben, mit dieser körperlichen Schwäche könnten heftige Kopfschmerzen gemeint sein, die ihm immer wieder zusetzten. Paulus sah sie an als eine Art Erziehungsmaßnahme Gottes, damit er nicht völlig überschnappt wegen seiner besonderen religiösen Erlebnisse.
Lieber Urs, damals als Du Ballack die Gelbe Karte zeigtest, habe ich zwar keine Kopfschmerzen bekommen, aber eine kalte Dusche war es trotzdem.
Das ist das Schicksal Deiner und meiner Zunft: Schiedsrichter reißen Fans aus ihrem Fieberträumen, weil sie den Regeln verpflichtet sind. Geliebt und gerühmt werden sie deshalb nicht, höchstens geachtet. Denn sie gehören zwar zum Spiel, dürfen aber nie Teil des Spieles werden. Deshalb Dir ein aufrichtiges “Chapeau”, wie Ihr Schweizer sagt, für Deine Tapferkeit vor den Ballacks und Kerners dieses Spiels.
Dein Schiedsrichter-Kollege Hans-Günther Oelkers,
Pfarrer aus Büdingen
ANMERKUNG: Urs Meier, derzeitiger ZDF-Schiedsrichter-Experte, war bei der letzten WM der Unparteiische im Spiel Südkorea gegen Deutschland. Die Gelbe Karte, die er Michael Ballack in diesem Spiel zeigte, bedeutete für den deutschen Spielmacher ein Spiel Sperre. Tragischerweise war das ausgerechnet das Finale.
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