Eine großartige Nachricht erreichte die Redaktion: In Zeiten, da ganz Deutschland die Fußballfahne schwenkt und sich in einen WM-Rausch sondergleichen hinein fiebert, ist für eine damit beinahe zwingend verbundene andere Fahne ein Produkt auf den Markt gekommen – die Alkoholfahne. Künftig kann man nach Hause kommen und bringt genauso viele Fahnen wieder zurück, wie man bei Verlassen des Hauses vorzuweisen hat. „St. Sin N° 1“ macht es möglich: Der Traubenzucker-Drops mit Himbeergeschmack bindet freie Alkoholgruppen in geruchsneutrale Verbindungen. Und freie Alkoholgruppen trifft man derzeit ja vor jeder Großleinwand.
Es geht natürlich vorrangig um die Nase: Wenn er vom feucht-fröhlichen Fußball-Event und sie vom cocktail-lastigen Weiberabend kommt, riecht es dennoch im Schlafzimmer nicht mehr nach Alkohol, sondern nach Himbeere, und damit kann man doch leben bzw. schlafen. Und wenn er nachts den Alkoholkonsum vor ihr verheimlichen will, kann er ihr sogar vorgaukeln, er habe endlich mal Vitamine zu sich genommen. Das wird sie freuen, und so wahrt das Produkt sogar den Hausfrieden. Eine heilige Sünde kann sowas.
Dass eine Alkoholfahne nicht nur in der Atemluft flattert, sondern auch aus Kleidungsstücken dünstet, ganz zu schweigen vom kneipenüblichen Zigarettenrauch, sei mal dahin gestellt. Die Firma St. Sin jedenfalls wirbt mit dem Spruch „Die Alkoholfahne ist gegessen!“ Das komme auch der heimlichen Leidenschaft so mancher Berufstätiger entgegen, die sich in der Mittagspause gerne mal eine Weinschorle genehmigen, so das Beispiel der Firma. Nur 30 Sekunden nach Einnahme des Drops muss man dann nie mehr vor dem Chef Fahne zeigen.
Die Zielgruppe ist allerdings durchaus eingeschränkt. Denn es geht a) um Leute, die etwas zu verbergen haben, b) um solche Schluckspechte, die genug trinken, um eine Fahne zu entrollen, aber nicht genug, um verhaltensauffällig zu werden, und c) Diabetiker sollten vorsichtig sein. Was nützt der Himbeer-Atem, wenn man den Weg zur Liebsten nicht mehr findet? Ein vergeudeter Drops, denn wen will man dann noch belügen? Und wenn man minutenlang lallend auf die Haustür einstochert, weil man das Schlüsselloch nicht mehr findet oder der Autoschlüssel nun mal nicht hinein passt, dann wird besagte Liebste vielleicht sehr schnell auf die Idee kommen, sich auf der Suche nach der Ursache für dieses seltsame Verhalten nicht mehr nur auf ihre Nase zu verlassen. Wieder ein vergeudeter Drops. Will heißen: Fahnenflucht will gelernt sein.
Jahrelang habe man geforscht, um die „hartnäckige Alkoholfahne zu knacken“, gesteht der Erfinder des Wunderdrops. Aber im Sinne der Firmenphilosophie – „Wir haben eine eigene St. Sin Welt geschaffen, in der das Leben und die Freude zelebriert werden“ – war man sich für diesen Aufwand nicht zu schade. Zu Leben und Freude gehört nun mal auch der Alkohol. Zelebrieren kann man das also künftig für 3 Euro, erhältlich sind die Drops in der Apotheke. Ein Heilmittel für zwischenmenschliche Beziehungen.
Nachzulesen ist das alles auf der Internetseite www.st-sin.com, wo man das Produkt auch bestellen kann. Man ist gespannt, was die Hersteller als nächstes präsentieren. Denkbar wären Korianderdrops gegen Knoblauchfahne – und da es dergleichen schon gibt, am besten mit Kirschgeschmack – oder Anti-Amor Magendrops, damit Liebe nicht mehr durch den Magen geht. Oder vielleicht auch etwas Sinnvolles wie Bonbons gegen Mundgeruch, bevorzugt magenfreundlich, denn wir wissen ja, dass diese unangenehme Fahne trotz des Namens nicht im Rachen entsteht ... (S.K.) +++