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28.06.06 - DIE WM-GLOSSE (20)

- von Ralf-Rainer KLATT, Sportberater in Darmstadt

Beobachtungen zu den kleinen und großen Ereignissen des Tages werden auf der Internetseite des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) - die auch für den Vogelsbergkreis zuständig ist - veröffentlicht und u.a. auch von "Osthessen-News" weiterverbreitet. Die täglich erscheinende Glosse begann mit dem Start der WM am 9. Juni 2006. Den Anfang machte Schalke-Mitglied Pröpstin Karin Held (Kirchenbezirk Starkenburg). Die Glosse am Schluss wird am 9. Juli 2006 Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker schreiben. Dazwischen kommen auch Menschen zu Wort, für die der Fußball in diesen Tagen nicht im Mittelpunkt steht.

"VATER und SOHN"

WM-Karten für Brasilien gegen Australien. Mit meinem elfjährigen Sohn mache ich mich auf den Weg nach München. Beide haben wir einen Rucksack gepackt, beide sind wir voller Spannung und Vorfreude auf das Spiel, eine Brasilienfahne zeigt unsere Sympathien. Wir fahren mit dem Zug.

Da taucht das Bild des WM-Zugs von 1954 auf, die Bilder aus Sönke Worthmanns Film „Das Wunder von Bern“, die Szenen von Vater und Sohn. Gemeinsam mit meinem Vater und meinem Sohn habe ich diesen Film im Kino gesehen. Mein Vater ist auch nach langer Kriegsgefangenschaft aus Sibirien zurückgekehrt. Wie hat sich mein Großvater über den verloren geglaubten Sohn gefreut – hat er mir erzählt, 1966.

Genau. Wembley-Tor, Deutschland gegen die Schweiz im ersten Gruppenspiel 5:0, zwei Tore Von Helmut Haller, zwei von Beckenbauer, das andere weiß ich nicht mehr. Ich wurde elf. Unser erster Fernseher, schwarz-weiß natürlich. Mein Großvater konnte uns endlich, aus der DDR kommend, besuchen, zur WM. Wie hat sich der Sohn (mein Vater) über seinen Vater gefreut – auch daran erinnere ich mich gut.

Mein Großvater war damals 81 Jahre alt, so alt wie mein Vater heute – und wie hat er sich gefreut, als er uns mit meiner Mutter vor ein paar Tagen während der WM in Griesheim besuchte – ich habe es gespürt, auch wenn wir kein Spiel gemeinsam angeschaut haben.

Väter und Söhne in den Stadien, vor den Leinwänden oder vor den Bildschirmen, gemeinsam fiebern, gemeinsam Tooor! brüllen, gemeinsam feiern und sich freuen. Wie wird es Franz Beckenbauer gehen, wenn er liest, dass der Lieblingstrainer eines deutschen Nationalspielers sein Sohn Stefan sei? Und was fühlte der kroatische Trainer Kranjcar, als er öffentlich kritisiert wurde, weil er seinen Sohn Niko in den WM-Kader des Landes berufen hat?

Nähe, Freude, Liebe. Wie schön ist es, Liebe zu spüren und Liebe zu geben, ob als Vater oder als Sohn. Und wie schön ist es zu wissen, geliebt zu werden – vom Vater und vom Sohn.

Am Samstag gehen wir übrigens noch einmal ins Stadion. Nach Frankfurt. Viertelfinale! Noch einmal Brasilien? Gegen Frankreich oder Spanien? Die Spannung wächst, meine Vorfreude steigt wieder. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn wir im Stadion sitzen – meine Tochter, elf Jahre, und ich!

Ralf-Rainer Klatt,

Sportberater in Darmstadt, Mitglied des Präsidiums des

Landessportbundes Hessen und des Arbeitskreises „Kirche und Sport“

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