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10.07.06 - WM-Glosse

Weltmeister der Herzen - Zizou, el toro - Mein Gott, Beckmann!

Wer am gestrigen Sonntag den Empfang der deutschen National-Elf auf der Berliner "Fanmeile" mitverfolgt hat, hätte meinen können, "wir" seien doch Weltmeister geworden. Ja, Fußball-Weltmeister der Herzen. Vermutlich wird in keinem anderen Land der Welt diese Kultur des eigentlich siegreichen Verlierers so vehement gepflegt wie in deutschen Landen. Weltmeister des FIFA World Cup indes sind die Italiener geworden. Und damit nicht unbedingt die fußballerisch beste Mannschaft des Turniers, sondern die mit den stärksten Nerven. Hätten die Franzosen gesiegt, wenn Zidane nicht kurz vor Ablauf der Nachspielzeit einen seiner berühmten Aussetzer gehabt hätte? "Doctor Jekyll y míster Hyde" nennt ihn die spanische "el pais digital". Für das gestrige Spiel trifft es "el toro" vermutlich besser. Und für Fußball-Kommentator Reinhold Beckmann muss eine Welt zusammen gebrochen sein: Wen soll er jetzt noch vergöttern?

Ach, ein schönes Bild war das: Eine halbe Million Menschen vor dem Brandenburger Tor wartete auf ihre Helden. Unvergessliches spielte sich ab, als sie endlich kamen. Lauter, begeisterter und herzlicher hätte man sie auch nicht empfangen können, wären sie Weltmeister geworden. Schon lustig, dass man sich über den dritten Platz mehr freuen kann als über den zweiten ... Die Moderatoren des Spektakels gaben sich alle Mühe, uns mit ihren Sprüchen das Spektakel zu verleiden, was ihnen zum Glück nicht gelang. Unvergesslich das Interview mit dem kleinen Mädchen in der vordersten Reihe, das den Mann mit dem Mikrofon erst mal gekonnt ignorierte, dann seine erste überflüssige Frage mit Nichtbeantwortung strafte und auf eine Entweder-oder-Frage ein überzeugtes "Ja" erwiderte. Kinder interviewen ist eine Kunst, die dieser Reporter nicht beherrscht. Und ging uns nicht allen das nationale Herz auf, als das Mädchen gefragt wurde, welchen Spieler sie am besten fand, und für die ganze Nation gut hörbar, in Mimik und Tonfall verzückt, "Ballack!" ins Mikrofon schwärmte?

Die deutschen Fußballer zeigten gewohnte Interview-Qualität. So beeindruckte Lukas Podolski auf die Frage, warum denn auf der Rückseite der von adidas gesponserten Mannschafts-Shirts die Zahl 82 Mio. abgedruckt sei, mit folgender Antwort: "Ja, das ist ja schon eine beeindruckende Zahl". Die Antwort auf die Frage, ob er überhaupt weiß, was die Zahl besagt, bleibt er uns schuldig. Per Mertesacker, der sich mit Krücken auf dem Laufsteg zeigte, gab eine beeindruckend klare Antwort - auf eine Frage, die ihm gar nicht gestellt worden war. Jens Lehmann offenbarte den wahren Zweck des Ersatztorwarts Timo Hildebrand: "Wenn wir mal keine Lust hatten, in der Hitze zu trainieren, konnten wir immer auf ihn zurückgreifen". Und Michael Ballack bewies, dass die Jungs trotz des dritten Platzes ihren Humor nicht verloren hatten: Erst ein Zettel aus dem berühmten Strumpf des Jens Lehmann half ihm, Dankesworte zu finden. Jaja, unsere Jungs ... Trotzdem danke!

Wie es mit Jürgen Klinsmann weitergehen wird? Diese Frage wollte der Bundestrainer nicht in aller Öffentlichkeit beantworten. Irgendwo verständlich, wenn man bedenkt, dass er eigentlich in den USA wohnt. Ständig hin und her fliegen - kann ein Trainer, der permanent unter Jet-Lag leidet, eine Fußballmannschaft erfolgreich trainieren? Aber was wird aus dieser gut funktionierenden Nationalmannschaft, wenn man ihnen plötzlich schon wieder einen neuen Trainer vor den Kopf stößt?

Á propos Kopfstoß: Aussetzer oder Absicht, Herr Zidane? Die großartigste, weltberühmteste, einzigartigste aller Fußball-Ikonen der letzten 20 Jahre hat auf beispiellose Weise einer ruhmreichen Fußball-Karriere ein unrühmliches Ende gesetzt. In der 110. Minute sah "Zizou" wie ein gereizter Stier plötzlich rot, oder vielmehr blau, aber am Ende eigentlich doch wieder rot: Mit seiner Kopfnuss gegen den Solar Plexus des italienischen Elfmeter-Verusachers und Torschützen Marco Materazzi sorgte er für das Foul des Turniers und wurde von Schiedsrichter Horacio Elizondo aus Argentinien vom Platz gestellt. Sicher wird sein Gesicht dieses Mal nicht den Arc de Triomph zieren, vermutlich bleiben ihm die Verewigung durch diverse Statuen und die Erhebung in den Götterstatus nun erspart. Ist es vielleicht genau das, was er wollte?

Möglicherweise hat Kommentator Reinhold Beckmann bereits einen Zinédine-Zidane-Schrein errichtet, jedenfalls kam er gestern bei der Kommentierung des Endspiels 110 Minuten lang nicht aus seinen Lobpreisungen über diesen Fußballer heraus. Bereits als er den ersten Ballkontakt Zidanes verbal heraushob, stand zu befürchten, dass er das nun mit jedem nachfolgenden Zizou-Ballkontakt auch machen würde. Völlig verblendet von der engelsgleichen Zidane-Aura ignorierte er, dass der Elfmeter-Lattenschuss des Franzosen in der siebten Minute genauso gut hätte auf statt hinter die Torlinie treffen können, der Abprallwinkel war vermutlich eine Millimeter-Entscheidung. Anders ausgedrückt: Zidane hatte Glück mit seinem Lupfer, und alle Welt nennt diesen Schuss genial.

Beckmann, der sich auch in früheren Kommentationen schon nicht mit stilistischen Lorbeeren geschmückt hat - "Beide Torpfosten sind besetzt, der erste und der zweite" -, schwelgte weiter in Zidane-Euphorie. Klasse, großartig, genial - der Adjektive konnten nicht genug verwendet werden. Und es konnte nicht oft genug wiederholt werden, dass dieses Spiel sein Abschiedsspiel sei und er sich mit diesem Elfmeter unsterblich gemacht habe. Dann die Rote Karte für seinen Halbgott: Wie konnte er nur? Beckmann rang hörbar nach Worten. Natürlich bleibt es dabei, Zidane war und ist ein herausragender Fußballspieler. Aber nun konnte man gar keine Lobeshymnen mehr auf diesen Mann anstimmen, der sich eben erst den guten Ruf ruiniert hatte, indem er Materazzis Brust die Stirn bot ...

Beckmann in der Krise, Frankreich in der Krise, dem Tricolore-Zug war der Antriebswagen genommen worden. So rollte dieser Zug langsam und apathisch aus. Frankreich hat nunmal eine Nationalmannschaft, die von einem Zidane lebt. Eine Mannschaft wie ihr Land: Eine Hauptstadt und eine Reihe Nebenschauplätze. Gewonnen hat Italien als dezentral organisierte Mannschaft. Sie dürfen sich noch einmal freuen, bevor heute das Urteil über den Skandal des Juventus Turin gesprochen wird. Für einige Nationalspieler heißt es dann vielleicht: Heute Weltmeister, morgen in der dritten Liga.

Nun ist alles vorbei, man ist gespannt, wie lange sich die Deutschland-Fahnen an den Autos halten werden, Deutschland hat auf jeden Fall einen guten Schwung Selbstbewusstsein aus dieser WM mitgenommen und sich den Respekt der Welt verdient, die hier zu Gast bei Freunden war. Die internationale Presse zeigt sich zufrieden und lobend, allein die Briten haben gemeckert über mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und schlechte Verkehrsverbindungen. Vielleicht ging es auch um die viel zu harten deutschen Brötchen und den lästigen Gegenverkehr auf der linken Fahrbahn ... Oder darum, dass es einfach nicht ihre WM war. (S.K.) +++

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