Das "Deutsche Haus" in Alsfeld: wo früher glanzvoll gefeiert wurde, im Alten Festsaal, klafft seit 2006 ein Riesenloch - Fotos: Angela Zimmer

Zu einer letzten Begehung trafen sich am Freitag die Fachleute von Stadt, Verkehrs- und Straßenbau, Verkehrsgesellschaft, Feuerwehr, Polizei und Abbruchfirma

27.10.07 - Alsfeld

Historisches "Deutsches Haus" nicht zu retten: Stadt verfügte Abbruch der Ruine

Hotel der gehobenen Klasse mit Veranstaltungssälen, dann Möbelhaus und schließlich Spekulationsobjekt: die rund 100-jährige Geschichte des traditionsreichen „Deutschen Hauses“ in Alsfeld geht wohl in den nächsten Tagen unrühmlich zu Ende. Die Stadtverwaltung hat nach einer gestrigen letzten Begehung beraten und dann eine Abrissverfügung erlassen - die „Teilruine“ des historischen Gebäudes ist einsturzgefährdet. Nachdem im Frühsommer 2006 bereits „Gefahr im Verzug“ war und die Stadt einen Teil einreißen ließ, wird der Rest des einstigen Alsfelder Veranstaltungsmittelpunkts höchstwahrscheinlich ab 01. November dem Boden gleich gemacht. "Der Zustand kann so nicht weiter hingenommen werden, er stört nicht nur in erheblichem Umfange das Bild in der Stadt, sondern ist für eine notwendige städtebauliche Entwicklung nicht mehr tragbar," erklärten Bürgermeister Ralf A. Becker sowie die Fachleute des Alsfelder Bauamtes zu der Situation vor Journalisten im Alsfelder Rathaus.

Der Abbruch beginnt am 01. November - wenn nicht noch ein Wunder geschieht und die Eigentümerin, die Firma Widuckel GmbH, das Gebäude absichert, Geld aus dem Hut zieht und ein Nutzungskonzept vorliegt. Doch damit ist nicht zu rechnen: die Firma hat das Gebäude Ende der neunziger Jahre vermutlich aus Spekulationsgründen gekauft, für den verlangten Millionenkaufpreis nicht weiterverkaufen können, keine sonstige Nutzung realisiert und die ganze Liegenschaft - trotz oder gerade durch bauhandwerkliche „Eigenleistungen“ - verkommen lassen. Jetzt geht die Stadt Alsfeld davon aus, dass der Abriss bis 1. Dezember abgeschlossen ist, die Eigentümer die kommunale Forderung von mehr als 130.000 Euro nicht zahlen werden und das Grundstück nach einem mehrjährigen Enteignungsverfahren - eventuell im Zusammenhang mit der Fläche des nahen, leerstehenden Kaufhauses Zinner - städtebaulich neu entwickelt werden kann.

Der Eindruck einer Baufälligkeit beim „Deutschen Haus“ drängte sich jedem aufmerksamen Beobachter auf. Bis heute liegen die Bauwerksteile, wie gerade erst eingestürzt, innerhalb des Sperrzauns und irritieren so manchen Besucher ebenso wie sie die Anwohner ärgern. Warum die Stadt Alsfeld nicht für eine Beseitigung sorgen konnte, erklärten gestern bei einem Pressegespräch Bauamtsleiter Bernhard Hoffmann und die Sachgebietsleiterin der Bauaufsicht, Ute Koch: wegen der akuten Situation habe die Stadt Alsfeld 2006 handeln müssen, doch für die Beseitigung des Schutts sei allein der Eigentümer zuständig. Und der habe sich nicht darum gekümmert bzw. vertrete die Auffassung, er habe nicht dafür aufzukommen. „Die Kommune kann nur eingreifen, wenn akute >Gefahr im Verzug< besteht und abgewendet werden muss. Eine Entsorgung der Trümmer dürften wir rechtlich gesehen gar nicht bezahlen,“ sagten Hofmann und Koch.

Mehrere Begehungen hätten den Zerfall des Gebäudes gezeigt und klar gemacht, dass eine Nutzung nicht mehr möglich sei. Da mit dem Eigentümer keine Einigung erzielt werden konnte, setzte Alsfeld der Widuckel GmbH „die letzte Frist“ bis zum 31. Oktober. Wenn die ohne Bausicherung verstreicht, rücken ab 01. November die Bagger an.

Traurig für viele „alte“ Alsfelder, von denen beinahe jeder in Jugenderinnerungen schwelgen kann, wenn das Gespräch auf das Haus kommt: Gleichzeitig schöne wie unvergessliche Erlebnisse sind mit dem Haus in vielen Köpfen verknüpft, rauschende Bälle, fröhliche Tanzstunden, Karneval, Vereinstreffen, Jubiläen... - Trotz Umbauarbeiten (1964 -1966) und noch bis zum Jahr 1972, als die „moderne Stadthalle“ am Festplatz die Funktion des „Deutschen Hauses“ übernahm, blieb das vor rund 100 Jahren erbaute Haus „erste Adresse für stilvolles Feiern“.

Dann folgte die Umwandlung in ein Möbelhaus, die deutliche Veränderungen brachte: außen wurden unter anderem die Sandsteinsimse abgeschlagen. Weiße Plastikelemente zur Fassadenverkleidung standen für den „designorientierten Wohnstil der grellen 70er Jahr“; auch im Inneren wurden starke Umbauten vorgenommen: „Durchgezogene Leitungen, der Einzug von Stahlbetondecken sowie der Abbruch von Wänden und wesentlichen Bauteilen ließ schon damals eine Rückführung in den ursprünglichen Zustand unmöglich werden“, erklärte Ute Koch.

Nach dem Ende als Möbelhaus ersteigerte Ende der neunziger Jahre die jetzige Eigentümerin, die Geschäftsführerin der Widuckel GmbH, einer damaligen Wirtschafts- und Finanzberatung aus Nettetal am Niederrhein das Anwesen für etwa 140.000 D-Mark – offenbar als Spekulationsobjekt. Nachdem ein gewinnbringender Verkauf des Gebäudes - das unter anderem auch im Internet für 2 Millionen Euro angeboten wurde - fehlschlug, begann der Lebensgefährte der Eigentümerin selbst mit Heimwerkerarbeiten: „Er entfernte mutwillig zwei Geschossdecken“, berichtete Ute Koch. Dazu addierte sich ein Wasserschaden: „Wasser ist über eine undichte Stelle im Dach kontinuierlich ins Mauerwerk gedrungen. Die Mauer war zuletzt nur noch wenige Zentimeter dick und man konnte zugucken, wie sich die Außenwand zur Alicestraße hin bewegte“.

In Sachen Umbau oder neuer Nutzung tat sich jedoch nichts und 2006 schließlich musste das Bauamt einschreiten. „Privateigentum steht in Deutschland unter einem hohen staatlichen Schutz, doch in Fällen, in denen Gefahr für die Öffentlichkeit besteht, darf die Bauaufsicht handeln“, erklärte Ute Koch. Genau über die Pfingstfeiertage des letzten Jahres rückten Bagger an und der gesamte Vorderteil des Gebäudes wurde innerhalb von drei Tagen vor den Augen zahlreicher Alsfelder, die das Ereignis verfolgten, in Schutt und Asche gelegt. Trotz des Teilabbruches vergrößerten sich die Schäden: am 2. August 2007 beschädigten herabfallende Fassadenplatten ein parkendes Auto.

Als erste Notmaßnahme wurde die halbseitige Straßensperrung der Marburger Straße angeordnet. Anschließend erstritt das Bauamt eine weitere Begutachtung, die erstmals auch die Innenräume umfasste. Am 2. Oktober wurde in Begleitung von zugezogenen Experten - Dr. Hellmuth Sassenberg, staatlich anerkannter Sachverständiger für Standsicherheit, und Fred Dehn, Sachverständiger für Bauschäden - ein erneutes Fortschreiten der Bauschäden festgestellt. Ute Koch präsentierte gestern Fotos dieser Besichtigung, die das „Chaos“ in den Räumen belegen: überall heruntergefallene Teile der Deckenverkleidung, Schimmel, Müll - eine Nutzung des Gebäudes wird ausgeschlossen. Die anschließende Anhörung des Lebensgefährten der Eigentümerin bleibt praktisch ohne Ergebnis, da sich „die Situation für ihn vollkommen anders darstellt“, berichteten die Bauamts-Verantwortlichen.

Zusammen mit den Sachverständigen und einem Vertreter des Amtsgerichts findet schließlich am 17. Oktober eine erneute Begutachtung statt, um zu entscheiden, ob eine Sicherung des Gebäudes sinnvoll und möglich ist. Das Ergebnis ist eindeutig: auf die offensichtliche Verschlechterung des Zustandes folgt am 18. Oktober die Abbruchverfügung. Zwar, so das neueste Gutachten, besteht für die Anwohner keine akute Gefahr, wie im letzten Jahr, doch „kann nicht garantiert werden, dass das in ein paar Wochen auch noch so ist“, erläutert die Leiterin der Bauaufsicht. Da das Gebäude schon seit vielen Jahren nicht mehr genutzt wird, besteht kein Bestandsschutz und das Ultimatium der Stadt zum 31. Oktober war juristisch möglich. Sollte die Eigentümerin nicht mit einer Gegenklage beim Verwaltungsgericht Gießen reagieren - womit niemand rechnet-, wird am kommenden Donnerstag der „Sofortvollzug“ eingeleitet.

Dafür muss die Stadt die Vorfinanzierung übernehmen, denn auch ein Verkauf des leer geräumten Grundstückes wird die Kosten nicht decken. „Die Abrisskosten sind höher, als der Bodenwert“, stellte Dieter Granaß, Sachverständiger vom Amtsgericht Alsfeld, bei der Begehung des Gebäudes gestern fest. Zu den Kosten für den Notabbruch im Juni 2006 von knapp 72.000 Euro addieren sich geschätzte 137.000 Euro für den gesamten Abbruch inklusive der Planierung des Grundstückes. Diese Forderungen will die Stadt von der Widuckel GmbH eintreiben.

Bauamtsleiter Bernhard Hoffmann rechnet sogar damit, dass dieser im Vogelsbergkreis einmalige Fall „plus minus Null ausgehen kann“. Doch das dürfte noch dauern. Mit 70 Prozent werden zunächst die Abrisskosten vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung gefördert, weil Alsfeld an dem Programm Stadtumbau in Hessen teilnimmt. Das bedeutet: gut 60.000 Euro muss die Stadt selbst aufbringen. Doch wenn, wie Bürgermeister Ralf A. Becker anfügte, nach drei bis fünf Jahren ein potentielles Enteignungsverfahren abgeschlossen sei, könnte ein Käufer gefunden werden. Und letzlich gebe es dann die Chance, dem geschichtsträchtigen Grundstück neben dem ehemaligen Casinoplatz - auf dem ja auch das leer stehende Kaufhaus Zinner dem Ende seines Dornröschenschlafes entgegen fiebert - neues Leben einzuhauchen. Die Einschätzung des Bürgermeisters: „Die Fläche ist von einem hohen städtebaulichen Interesse und es ist sinnvoll, sie in unsere Hand zu bekommen“.

Was kommt auf Alsfeld zu - Der Abrisszeitplan:

Wenn die Widuckel GmbH ihrer Sicherungspflicht bis 31.10. nicht nachkommt, läuft die Frist für die Abbruchverfügung ab und die Ersatzvornahme wird festgesetzt.

Schon am Donnerstag, 1. November, werden die Versorgungsleitungen aus Sicherheitsgründen gekappt und Baumaschinen sollen zunächst den bereits vorhandenen Schuttberg abtransportieren und die Fläche planieren.

Bis zum 2. November wird die Alicestraße voll gesperrt. Die Zufahrt zu Apotheke und Dönerladen bleibt offen ebenso wie für Anwohner der Fußweg.

Ab Montag, 5. November, übernimmt die Abrissfirma aus Wetter Räumung und Entkernung des Gebäudes; asbesthaltige Dachabdeckung wird abgenommen.

Etwa ab 12. November sollen die Wände fallen und dann muss die Marburger Straße für eine Woche komplett gesperrt werden.

Weil der Abbruch zum Teil den Busverkehr beeinträchtigt, müssen auch Umleitungen und Verlegungen der Bushaltestellen erfolgen. Bis zum 01. Dezember sollen die Abrissmaßnahmen beendet sein. (Angela Zimmer / gw) +++


In den vergangenen Monaten immer wieder dokumentiert: die Schäden an dem Gebäude. "Nicht auszudenken, wenn da was nachgibt", sagte Ute Koch vor Ort zu der irreparablen Bausubstanz

Für die Fachleute die einzig mögliche Entscheidung: Abriss. Auch über den Ablauf der Maßnahme stimmten sich die Beteiligten ab


Dieser "Schandfleck" in der Alsfelder Innenstadt wird voraussichtlich am kommenden Donnerstag geräumt

Bürgermeister Ralf Becker, die Leiterin der Bauaufsicht Ute Koch und der Alsfelder Bauamtsleiter Bernhard Hofmann (v. rechts) erläuterten den Medien die Abrissverfügung


Seit Ende der neunziger Jahre wurde von dem heutigen Eigentümer an dem Gebäude nichts Wesentliches saniert oder erhalten

Enorme Schäden auch an tragenden Teilen wie den Außenwänden. "Die Mauern biegen sich unter der Last des Schutts sichtbar nach außen", stellte Bauamtsleiter Hofmann fest


Einen ironischen "Glückwunsch" haben Anwohner des einsturzgefährdeten Anwesens am Zaun angebracht

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