Archiv
- Fotos: Dietmar Kelkel

SCHLÜCHTERN Achim FREUND steht mitten im Leben

Querschnittgelähmter Motorsportler kämpft für selbstbestimmtes Leben von Rollstuhlfahrern

25.12.14 - Zweimal ist Achim Freund bei Seitenwagenrennen schwer verunglückt. Vor vier Jahren im niederländischen Assen und vor vier Monaten am Frohburger Dreieck in Sachsen. Jetzt ist Schluss mit dem aktiven Seitenwagen-Sport. „Ich habe es meiner Frau versprochen“, sagt der 55-jährige Wächtersbacher. Und Bettina Freund fügt hinzu: „Sonst kracht es nach 30 Ehejahren.“ Seit dem schweren Unfall vor vier Jahren sitzt der Aufenauer im Rollstuhl. Die Begeisterung für den Motorsport ist ungebrochen. „Als ich in Assen in die Leitplanke gekracht bin, war ich bei vollem Bewusstsein. Ich hatte nur einen Gedanken. Wann kann ich wieder Rennen fahren? Klingt verrückt. Oder?“

Achim Freund hatte nur ein großes Ziel vor Augen. Er wollte beweisen, dass Querschnittgelähmte Seitenwagen-Rennen fahren können. „Es funktioniert. Jetzt will ich meine Erfahrungen an junge Sportbegeisterte mit / und ohne Handicap weitergeben.“

So besessen wie er damals in der Reha stundenlang an der Seilzug-Maschine Muskeln aufbaute, so besessen arbeitete er an seinem Comeback. Gründete das Para Racing Team Germany, baute mit seinem damaligen Mechaniker Kai Kragenings und seinem Rennkollegen Mike Roscher sein Gespann neu auf und startete in der Sidecar Trophy. „Es hat so Laune gemacht. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich nie Beifahrer geworden.“ Insgesamt neun Rennen ist Achim Freund gefahren. Als er in Frohburg auf ein vermeintlich schnelleres Gespann auffuhr, verunglückte er ein zweites Mal.

Achim Freund jammert nicht. Er steht mitten im Leben. „Es geht mir noch gut“, zeigt er auf ein älteres Siegerfoto des Sidecar-Piloten Kurt Hock. Bei der Seitenwagen-Weltmeisterschaft vor fünf Monaten verunglückte das Gespann des Bad Homburgers beim Zeittraining auf dem Sachsenring. Beifahrer Enrico Becker starb bei dem schweren Unfall, Kurt Hock liegt noch immer im Koma. „Wie gefährlich dieser Sport ist, wird verdrängt. Rennen sind wie eine Sucht. Der Gespann-Sport war mein Leben.“

Depressionen sind für Achim Freund ein Fremdwort. „Einen Durchhänger hatte ich bisher nicht. Ich bin mit 52 Jahren in den Rollstuhl gekommen. Ich vermisse nichts. Das wäre vielleicht anders, wenn man mit 20 querschnittgelähmt wird.“ Vom Motorsport hat er sich aber noch nicht verabschiedet. Dem bleibt er als Sportkommissar für Straßenrennen treu und sucht einen jungen (auch querschnittgelähmten) Fahrer für seinen Rennstall, dem er seine Erfahrungen weitergeben kann.

Aus dem ambitionierten Sportler Achim Freund, der zehn Marathons gelaufen ist und zweimal Deutscher Meister bei der historischen Motorradmeisterschaft war, bevor er auf das „Boot“ von Sidecar-Pilot Dieters Eilers aufsprang, ist ein sozial engagierter Mensch geworden. Er setzt sich für die Belange von Rollstuhlfahrern ein. „Selbständigkeit und Mobilität vertreibt die trüben Gedanken. Es ist ein großes Selbstwertgefühl, von A nach B zu fahren und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“ Aus diesem Grund will er anderen „Leidensgenossen“ helfen. Und tut dies auf vielfältige Art und Weise.

Achim Freund will Lehrgänge für Rollstuhlfahrer anbieten. „90 Prozent von ihnen kommen mit dem Rolli nicht klar.“ Der Frührentner sucht eine Halle, wo er einen Parcours aufbauen kann, bei dem Rampen und Treppen wie im realen Leben überwunden werden. „Ein erhöhter Bürgersteig oder eine Treppenstufe müssen keine unüberwindbaren Hindernisse bleiben.“ Er hat auch ein Patent angemeldet, das akustisch und visuell Autofahrer darauf aufmerksam macht, dass sie zu nah an einem Behindertenauto parken. Erst ab einem gewissen Abstand könne ein Rollstuhlfahrer in sein Fahrzeug einsteigen. „Das ist den Nichtbehinderten überhaupt nicht bewusst.“

Das gleiche gelte für die überall propagierte Barrierefreiheit. „In Wächtersbach komme ich höchstens in die Hälfte der Geschäfte mit meinem Rollstuhl rein.“ Doch für Menschen mit Behinderung etwas zu bewirken, sei nur möglich, wenn die Medien aufmerksam würden. „Jeder Behinderte ist ein Einzelkämpfer und hat wenig Lobby.“ Um so mehr bedauert es Achim Freund, dass ein Film über das Para-Racing Team nicht zustande gekommen ist. „Ein Fernsehteam wollte mich Ende September zum Rennen nach Assen begleiten. Daraus wurde nichts, weil ich eine Woche davor in Frohburg verunglückte.“ Man müsse bekannt sein, um sozial etwas zu bewegen. Das hätte der Beitrag bestimmt bewirkt. Wenn der Bekanntheitsgrad groß genug sei, finde man für seine sozialen Projekte eher Sponsoren.

Auch wenn Achim Freund im Rollstuhl sitzt, steht der 55-Jährige mitten im Leben. Er hat sein Schicksal gemeistert. Und schon bald wird er auf dem Exo-Skelett, einem Rewalk-System aus Israel, das Gehen üben. Das bringt Auftrieb und Motivation, noch mehr für sich und andere zu tun. (Dietmar Kelkel)  +++


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum
Cookie-Einstellungen anpassen

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Whatsapp
Instagram
TikTok

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön