19.01.15 - Cornelia Ziehn, Vorsitzende des SPD-Gemeindeverbandes Hauneck, freute sich über die zahlreichen Gäste, die am Sonntag der Einladung zum 5. Neujahrsempfang in das Unterhauner Bürgerhaus gefolgt sind. MdB Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, nahm sich trotz straffem Terminplan Zeit für einen Besuch ebenso wie die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz, die sich am 15. März 2015 zur Wahl als mögliche künftige Landrätin des Landkreises Hersfeld-Rotenburg stellt. Als Ehrengast konnte Cornelia Ziehn die Enkeltochter von Elisabeth Selbert gewinnen. Susanne Selbert ist als Rechtsanwältin beruflich in die Fußstapfen ihrer Großmutter getreten und inzwischen Vizelandrätin des Landkreises Kassel.
„Ich fühle mich der Region sehr verbunden“, bedankte sie sich für die Einladung, denn sie hat ihre Kindheit in Bad Hersfeld in der Nähe des Finanzamtes – der Arbeitsstätte ihres Vaters Gerhart Selbert - verbracht. Ihr Redebeitrag wurde mit großer Spannung erwartet, denn sie stellte das Leben und Wirken ihrer Großmutter vor. Ein Leben, das mit Iris Berben in der Hauptrolle verfilmt wurde und unter dem Titel „Sternstunde ihres Lebens“ im vergangenen Jahr in der ARD gesendet wurde.
Der 18.01.1949 war die Sternstunde einer der Mütter des Grundgesetzes, die Sternstunde – so hat sie es selbst bezeichnet – von Elisabeth Selbert. Es war der Tag, als die Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ vom Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates, in dem neben 61 Männern auch vier Frauen vertreten waren, angenommen wurde, bevor am 23. Mai 1949 das Grundgesetz insgesamt verabschiedet und verkündet wurde. Diese wichtige grundgesetzlich verankerte Basis aller zukünftigen Forderungen nach Gleichberechtigung für die Frauen zu schaffen, war seinerzeit alles andere als selbstverständlich.
Nachdem die Formulierung von Elisabeth Selbert ein zweites Mal abgelehnt wurde, erklärt sie: „In meinen kühnsten Träumen habe ich nicht erwartet, dass dieser Antrag abgelehnt würde. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man heute weiter gehen muss als in Weimar und dass man den Frauen die Gleichberechtigung auf allen Gebieten geben muss. Die Frau soll nicht nur in staatsbürgerlichen Dingen gleichstehen, sondern muss auf allen Rechtsgebieten dem Mann gleichgestellt werden. Die Frau, die während der Kriegsjahre auf den Trümmern gestanden und den Mann an der Arbeitsstelle ersetzt hat, hat einen moralischen Anspruch darauf, so wie der Mann bewertet zu werden.“ Elisabeth Selbert startet eine deutschlandweite, überparteiliche Kampagne für ihr Anliegen, die letztendlich Wirkung zeigt. Übrigens war Elisabeth Selbert im Jahr 1949 nicht nur Mitglied des Parlamentarischen Rates, sondern auch Abgeordnete des Hessischen Landtages, Mitglied des Bundes-Vorstandes ihrer Partei und Stadtverordnete in Kassel.
Dass sie einmal eine der Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau sein würde, war noch nicht abzusehen, als Elisabeth Rohde im Jahr 1896 in ein kleinbürgerlich-protestantisches Elternhaus geboren wurde.
Wie ihre Enkeltochter den interessierten Gästen berichtete, war eines ihrer Schlüsselerlebnisse die Verweigerung des Realschulabschlusses nach dem Besuch der Mittelschule – im Lehrplan für Mädchenschulen hätten schlicht die mathematisch—naturwissenschaftlichen Fächer gefehlt. Elisabeth Rohde wird 1918 Mitglied der SPD. Zwei Jahre später heiratet sie den sozialdemokratischen Kommunalpolitiker Adam Selbert. Im mühsamen zweiten Bildungsweg legte sie das Abitur ab, das ihr ein Jurastudium ermöglichte.
Dies, so berichtete Susanne Selbert, tat sie als Mutter von zwei Kleinkindern und wohl als einzige weibliche Jura-Studentin zunächst an der Universität Marburg, abschließend in Göttingen. Dass es für sie überhaupt möglich war, nicht nur zu studieren, sondern am Ende auch noch eine Promotion anzuschließen, hatte sie nicht zuletzt ihrem Ehemann zu verdanken, mit dem sie ein für diese Zeit ungewöhnliches Beziehungsmodell lebte. Unterstützt durch andere Familienmitglieder war er es, der weitgehend den Part des "Hausmannes" übernahm. 1930 promoviert Elisabeth Selbert. Ihre Dissertation trägt den Titel "Ehezerrüttung als Scheidungsgrund." Es gelang Elisabeth Selbert 1934, unmittelbar bevor dieser Weg 1935 für Frauen endgültig verschlossen wurde, eine Zulassung als Rechtsanwältin und Notarin zu erhalten. Während des Krieges waren es zeitweise bis zu vier Kanzleien, die von jüdischen Kollegen und die des späteren hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn, für deren Weiterbetrieb sie Verantwortung übernahm. Elisabeth Selbert arbeitete bis zu ihrem 85. Lebensjahr bei vollkommener geistiger Frische in ihrer eigenen Kanzlei in Kassel. Sie starb 1986 mit knapp 90 Jahren.
Susanne Selbert hatte die Möglichkeit, ihre Großmutter sowohl während der Kindheit als auch in der Zeit als Jurastudentin sehr intensiv kennen zu lernen. Sie sei keine „klassische“ Großmutter gewesen, die mit ihr Apfelkuchen gebacken oder Grimms´ Märchen gelesen habe. Sie habe aber von ihr viele andere Dinge gelernt, die ihr in ihrem eigenen Leben - auch und gerade als Politikerin - immens wichtig geworden seien: Demokratieverständnis, Engagement für die Gesellschaft und Mut.
Mit diesen Eigenschaften gesegnet, verbunden mit einer gewissen Hartnäckigkeit, hat Elisabeth Selbert mit dem Art. 3 Abs. 2 GG den entscheidenden Grundstein gelegt, der es abertausenden von Frauen in der Folgezeit ermöglicht hat, mit völliger Selbstverständlichkeit eine Ausbildung zu absolvieren oder zu studieren. Trotzdem muss erwähnt werden, dass jeder Fortschritt in der Frauenfrage auf hinhaltenden Widerstand traf. Willi Brand formulierte es so: „Gleichberechtigung kommt voran wie eine Schnecke auf Glatteis“. Elisabeth Selbert ist schon über 80 Jahre alt, als „ihr Zerrüttungsprinzip“ bei uns im Westen in das Ehe- und Familienrecht eingeführt und das alte Verschuldensprinzip abgeschafft wird. Sie gab den Frauen noch im hohen Alter mit auf den Weg, „sich stärker politisch zu organisieren und zu engagieren, um die Gleichberechtigung in steigendem und in erforderlichem Maße durchzusetzen. „Wir können dies nicht von den Männern erwarten – das ist Frauensache“. (Gudrun Schmidl) +++