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- Foto: Carina Jirsch

FULDA "Gehen zu Gott"

„Wort des Bischofs“ von Bischof Heinz Josef ALGERMISSEN

05.05.16 - „Wort des Bischofs“ von Bischof Heinz Josef Algermissen
zum Sonntag, 8. Mai 2016

Gehen zu Gott
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„Manchmal steht einer auf und geht, weil irgendwo im Osten eine Kirche steht“, sagt der Dichter Rainer Maria Rilke in einem von Russland erzählenden Gedicht seines Stundenbuches. Aufstehen und für eine Zeitlang weggehen aus seinem Alltag hin zu einem heiligen Ort, das ist Wallfahrt. Der zu Fuß Pilgernde erfährt den langen, durch Hitze, Schatten und Regen bergauf und bergab führenden Pilgerweg als Symbol für das Leben. Ein Element der Mühe ist jeder echten Wallfahrt eigen und wird so zum Gleichnis für die Mühe des Suchens nach dem richtigen Weg, als Fragen nach dem Sinn, als Suchen nach Gott.

Diese mühselig beglückende Erfahrung durfte ich als Studentenpfarrer mit meinen Studentinnen und Studenten über Jahre je Anfang Mai im Rahmen der internationalen Studentenwallfahrt von Paris nach Chartres teilen: mit 8.000 anderen auf einem Weg von gut 70 Kilometern, gemeinsam beten und singen, miteinander sprechen, des Nachts in offenen Scheunen, gemeinsam essen und trinken. Und am Sonntagabend dann die Ankunft in der herrlichen gotischen Kathedrale zu Chartres, wo alle erschöpft, aber in Freude zur großen Abschlussmesse zusammenkamen. Da war, bildlich gesprochen, der Himmel offen. Beschränkungen des Leibes und der Seele fielen ab, Wunder ereigneten sich.

Spätabends versuchten dann noch viele, trotz aller Erschöpfung, den Weg des Labyrinths im Innenraum der Kathedrale zu gehen. Dieses Labyrinth hat einen Durchmesser von 12,5 bei einer Lauflänge von 305 Metern. Wer sich von außen auf den Weg des Labyrinths begibt, steuert direkt und ungehindert, nur kurz durch einen Schlenker umgeleitet, auf die Mitte zu. Vielleicht wähnt er schon, am Ziel zu sein. Da führt ihn der Weg um die Mitte herum, lässt ihn noch einen Halbkreis lang die Nähe der Mitte erfahren und bringt ihn dann richtig in die Wirrungen des Labyrinths hinein. Schließlich findet er sich ganz an der Peripherie wieder und wird dort endlos entlanggeschickt. Er verliert die Mitte aus den Augen, obschon er sie doch ständig umkreist. Endlich gelangt er dort an, wo er aufgebrochen ist. Aber an diesem Punkt, da er eigentlich keinen Fortschritt zu erkennen vermag, die Mühsal des Weges für vergeblich halten und aufgeben möchte, biegt der Weg auf die Mitte zu und führt ihn jetzt direkt und unmittelbar in das Zentrum hinein.

Der Weg des Labyrinths steht für alle Wege menschlichen Suchens. Im Kontext der gotischen Kathedrale wird er zum Symbol unserer Lebens- und Berufungsgeschichte, deren Ziel und Mitte Jesus Christus selber ist.

Meine jahrelangen Erfahrungen um die Studentenwallfahrt sind seitdem wichtig geworden auch für mein Leben als Priester".  +++


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