09.06.16 - Was für ein Spiel, was für eine Dramatik: Die SG Kerzell steigt trotz einer 1:2 (0:0)-Niederlage am Mittwochabend in Kirchheim bei der SG Aulatal in die Fußball-Gruppenliga auf. Nach 75 harmlosen Minuten überschlugen sich die Ereignisse. Erst führt Kerzell, dann dreht Aulatal in zwei Minuten das Spiel. In der Schlussphase fliegen drei Aulataler vom Platz und haben in letzter Sekunde noch die große Chance zum 3:1 - der Ball geht drüber. Kerzell mit ganz viel Dusel in der Gruppenliga.
Ein Tor. Ein mickriges Törchen fehlte der SG Aulatal am Ende, um den Aufstieg in die Gruppenliga doch noch zu realisieren. Der Wahnsinn in einer über weite Strecken schwachen Begegnung kumulierte in der letzten Szene des Spiels. Nach drei Platzverweisen agierten die Hausherren die letzten Minuten in Unterzahl und hatten doch die große, ja tausendprozentige, Möglichkeit, das erlösende dritte Tor zu erzwingen. Eine letzte hohe Hereingabe fand irgendwie den Weg zu Stürmer Bogdan-Samuil Cojacaru, der den Ball aus kürzester Distanz aber nicht ins Tor, sondern Richtung nahe gelegene Autobahn kloppte. Schluss, aus, vorbei.
Jubel bei Kerzell über eine Niederlage, die sich selten so schön angefühlt haben dürfte. „Da denkt man eigentlich gar nichts“, sagte Gäste-Keeper Dennis Hohmann über die letzte Aktion, in der die Helvetia das Glück auf ihrer Seite hatte. „Das war für mich ein wundervoller Abschluss“, so Hohmann weiter, der zum letzten Mal zwischen den Pfosten stand und den zweiten Aufstieg seiner Karriere - beide mit Kerzell - feiern durfte. Dass er vor fünf Wochen Vater wurde, rundete Hohmanns persönliches Glück ab.
Völlig bedient war auf der Gegenseite Aulatals Trainer Markus Pflanz - und hatte vor allem Schiedsrichter Boris Borschel im Visier. „Es gab eine Person auf dem Feld, die ein falsches Hobby gewählt hat. Vielleicht sollte sie ein Musikinstrument spielen“, fand Pflanz deutliche Worte. Anlass seiner Kritik war vor allem der ausgebliebene Elfmeterpfiff, als Viktor Kibenko mit Torwart Hohmann zusammen stieß (52.) und der Elfmeterpfiff auf der Gegenseite, nachdem Aulatals Schlussmann Fabian Leppner mit Timo Hasenauer zusammen stieß - Kerzells Spielertrainer Heiko Rützel verwandelte sicher (64.). „Eigentlich hatten wir da alles im Griff“, sagt Rützel nach dem Abpfiff. Aber nur eigentlich. Denn Aulatal schaffte die schon nicht mehr für möglich gehaltene Wende durch einen Doppelschlag von von Kai Stiebeling (73.) und Coracaju (75.). Jetzt war Feuer in der Partie und es kam endlich die typische Relegations-Stimmung auf, die bislang fehlte. Am Ende kochten aber die Emotionen deutlich über.
„Das war unschön“, sagte Kerzells Rützel, der kurz vor dem Abpfiff von Georg Muratidi und André Honstein attackiert wurde. „Ich habe einen Schlag bekommen und wurde getreten“, beschrieb Rützel die Szene, in der Muratidi mit der Ampelkarte wegen wiederholten Foulspiels und Honstein mit glattrot wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Feld geschickt wurden. Kerzells Spielertrainer war da schon mit Turban unterwegs, der die Blutung an seinem eingerissenen, linken Ohr stoppen sollte, „Ich hoffe nicht, dass ich ins Krankenhaus muss. Ich will feiern“, sagte Rützel, der mit seinen Schützlingen das glücklichere Ende hatte und noch auf dem Feld die große Aufstiegs-Sause startete. Ganz vage Chancen haben aber auch noch die Aulataler auf den Aufstieg. Sollte Schwalmstadt am Samstag in die Hessenliga aufsteigen, dürfte Aulatal noch in die Gruppenliga hoch, weil Bronnzell als Zweiter der Verbandsliga-Relegation auch noch hochgehen dürfte. (Tobias Herrling)
DIE STATISTIK ZUM SPIEL:
SG Aulatal: Fabian Lepper – Michael Mc Donald, Georg Muratidi, Steffen Schneider, Marcel Naumann (71. André Honstein) – Daniel Weber, Moritz Wernick – Viktor Kibenko, Kai Stiebeling (46. Paul Kozik), Daniel Naumann – Bogdan-Samuil Cojocaru.
SG Kerzell: Dennis Hohmann– Tom Schnopp, Stephan Depta, George Kitagenda, Raphael Witzel – Hysen Haxhiu, Timo Hasenauer, Nico Bensing (72. Besfort Tafolli), Sascha Heil- Dominik Günther, Heiko Rützel.
Schiedsrichter: Boris Borschel (SG Pfaffenbachtal).
Zuschauer: 650.
Tore: 0:1 Heiko Rützel (64., Foulelfmeter), 1:1 Daniel Naumann (73.), 2:1 Bogdan Corocaju (75.).
Gelb-Rote Karten: Paul Kozik (88., Aulatal, Foulspiel/Meckern), Georg Muratidi (90., Aulatal, wiederholtes Foulspiel).
Rote Karte: André Honstein (Aulatal) wegen Schiedsrichterbeleidigung (90.). +++
