Ein persönlicher Brief heute wieder von Jochen Wieloch ... -

REGION Die MITTWOCHS-KOLUMNE

WIELOCH schreibt an (6) …die Planer der Suedlink-Stromtrasse

05.10.16 - Liebe Planer der Suedlink-Stromtrasse,

Sie sind entweder naiv oder genial. Bis zum Jahr 2025 wollen Sie die neue Stromautobahn von der Nordsee bis nach Bayern realisieren, die möglicherweise auch durch Osthessen verläuft. Knapp 800 Kilometer Kabel müssen Sie dazu metertief verbuddeln. Die reinen Erdarbeiten sind das eine. Für Sie wahrscheinlich ein Klacks. Eine Herkules-Aufgabe dürften vielmehr die Proteste der Anwohner und Bürgerinitiativen darstellen. Niemand möchte die Leitungen in seinem Vorgarten verlegt haben. Wer gibt seinen Wald her, damit hier die Bagger anrollen und alles platt machen? Welche Landwirte opfern ihre Acker- und Weideflächen? Wie wollen Sie Hobbygärtnern die Angst davor nehmen, künftig oberhalb der Stromkabel nur noch Bratkartoffeln und Schmorgemüse zu ernten? Wie gehen Sie mit Grundstücksbesitzern um, die einfach nicht verkaufen?

Neun Jahre sind für die Realisierung Ihres Monsterprojekts wie der Flügelschlag eines Schmetterlings in unserer Geschichte. Sie sind nichts. Der Lückenschluss der A 66 in Richtung Frankfurt hat Jahrzehnte gedauert. 30 Jahre vergingen, bis am neuen Flughafen in München endlich die ersten Maschinen abhoben. Am Berliner Pannen-Airport scheitern die Ingenieure regelmäßig an den strengen Vorgaben und an sich selbst. Generell werden die Zeiten für Großvorhaben wie das Ihrige nicht einfacher. Mittlerweile kann jeder die Erweiterung der Gartenhütte seines Nachbarn wochen- oder gar monatelang verhindern, wenn diese drei Zentimeter zu nah an die Grundstücksgrenze heranreicht. Die Suedlink-Trasse führt durch mehrere Bundesländer. Und sie ist gefürchtet wie Fußpilz.

Als die Römer ihre imposanten Aquädukte zum Transport von Quellwasser erschufen, spielte Zeit keine Rolle. Ob ein Jahr oder ein Jahrhundert – ein Tropfen auf den heißen Stein in der langen Geschichte des Römischen Reiches. Die Konstrukteure waren Helden. Sie steigerten den Lebenskomfort spürbar. Der Pont du Gard im Süden Frankreichs ist heute noch eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten des Landes.

Liebe Suedlink-Macher, Sie tragen einen Rucksack voller Probleme. Niemand erwartet Sie mit offenen Armen. Und Sie vergraben Ihr Know-how und Ihre Technik unter der Erde. Später Ruhm wird Ihnen nicht vergönnt sein. Sie können nur verlieren. Denn Sie stehen unter enormem finanziellen und zeitlichen Druck. Schlappe neun Jahre bleiben Ihnen, um zu planen, zu verhandeln, zu schlichten, zu überzeugen und zu bauen. Dazu kommt: Sie sind zur schnellen Umsetzung der Stromtrasse verdonnert. 2022 soll eigentlich das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Ohne Ihre Energie-Pipeline gen Süden gehen die Lichter aus. Drei Milliarden Euro waren einst für Ihr XXL-Projekt kalkuliert. Jetzt rechnen Experten mit zehn Milliarden Euro und mehr. Mich würde es nicht wundern, wenn die Kosten explodieren. Die Elbphilharmonie in Hamburg und Stuttgart 21 lassen grüßen.

Liebe Planer der Suedlink-Stromtrasse, Sie erinnern mich an Chirurgen, die eine lebensrettende Herz-OP durchführen wollen, aber nicht in den Operationssaal dürfen. Ihre Stromautobahn wird immer wieder als Hauptschlagader der Energiewende bezeichnet, ohne die der Kollaps droht. Doch anstatt dem Patienten zu helfen, müssen Sie sich mit schwierigen Angehörigen herumschlagen. Kritiker sehen in Suedlink wiederum die Achillesferse der Energiewende, die kommen muss.

Ich weiß nicht, ob wir Sie brauchen oder ob Sie verzichtbar sind. Aber ich bin mir sicher: Eher starten und landen am neuen Berliner Flughafen Passagierjets, bevor Sie Strom von der Nordsee bis nach Bayern und möglicherweise durch unsere Region befördern.


Mit herzlichen Grüßen


Jochen Wieloch


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