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Stefan Göbel, Michael Roth und Bettina Müller (von links) - Fotos: Gudrun Schmidl

HAUNECK SPD-Diskussionsrunde: Hausarzt gesucht

Genügend Ärzte - aber ein Verteilungsproblem

04.11.16 - Die flächendeckende hausärztliche Versorgung ist bedroht. Einerseits nimmt der Bedarf medizinischer Versorgung mit dem demografischen Wandel der Gesellschaft zu. Andererseits schließen viele Hausarztpraxen in der Nähe, ohne dass eine Nachfolge gefunden werden konnte. Das Thema ist bereits über die politische Diskussion hinaus mitten in der Gesellschaft angekommen. Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung im Bürgerhaus Unterhaun, zu der die SPD-Bundestagsfraktion eingeladen hatte, wurde die Frage "Wie lässt sich gute ärztliche Versorgung im ländlichen Raum sichern?" erörtert.

MdB Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, hatte mit MdB Bettina Müller, Mitglied des Ausschusses für Gesundheit, eine kompetente Kollegin an seiner Seite, die erklärte: „Wir haben deutschlandweit 370.000 Hausärzte (Stand 2014), aber ein Verteilungsproblem. Während die Ballungsgebiete überversorgt sind, ist der ländliche Raum unterversorgt. Im Durchschnitt sind die praktizierenden Hausärzte 56 Jahre alt. Im Jahr 2020 wird knapp die Hälfte auf Nachfolgersuche sein“.

Bettina Müller MdB, Mitglied des Ausschusses ...

Stefan Göbel, Apotheker in der Heringer ...

Schulärztin Ina Siemers wurde aus ihrem ...

Dr. Christine Bali (67), die sich im Jahr 1993 als Hausärztin in Rotenburg an der Fulda niedergelassen hat, suchte zwei Jahre lang nach einem Nachfolger. Die Suche gestaltete sich schwierig und menschlich ernüchternd für sie. Mit Sybille Totzke hat sie im Frühjahr 2016 eine junge Ärztin gefunden, die - weil sie unbedingt in der Region bleiben will - die Hausarztpraxis übernimmt, ihren Beruf als Berufung ausübt und als Einzelkämpferin den Mut hat, sich dem belastenden Zeitdruck, der überbordenden Bürokratie und einer 80-Stunden-Woche auszusetzen. „Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare“, stöhnt Sybille Totzke über die Papierflut in den vergangenen Monaten der Übernahme, die sie als praktizierende Hausärztin weiterhin heimsuchen wird. Offen und ehrlich berichtet sie von manch schlafloser Nacht, denn um die Praxis auf den neuesten Stand zu bringen, musste sie einen Kredit im sechsstelligen Bereich aufnehmen.

Michael Roth MdB, Staatsminister im Auswärtigen ...

Alle guten Wünsche für die künftige ...

MdB Bettina Müller erläutert die Maßnahmen der SPD-Bundestagsfraktion, um sicherzustellen, dass auch Menschen abseits der Großstädte wohnortnah und umfassend medizinisch und pflegerisch versorgt werden können. Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz und dem Krankenhausstrukturgesetz sind bereits gesetzgeberische Maßnahmen in Kraft getreten. „Die SPD möchte gern rigoroser vorgehen“, versichert Müller. Ein großes Problem sieht sie in der „wenig rühmlichen“ Rolle der Kassenärztlichen Vereinigung, die sich viel mehr anstrengen müsste, ihrem Sicherstellungsauftrag der ärztlichen Versorgung flächendeckend nachzukommen. "35 Millionen Euro haben sie für diese Aufgabe bekommen".Die Gesundheitsausgaben sind in Deutschland inzwischen auf über 300 Milliarden Euro jährlich gestiegen. 40 Euro bekommt ein Hausarzt pro Quartal für einen Patienten, egal wie oft er die Praxis aufsucht. Michael Roth merkt an, dass sich in Deutschland eine spezielle Kultur entwickelt hat: „Fünf Arzt/Patientenkontakte pro Quartal sind die Regel“. Viele Milliarden verschlingen auch die verschriebenen Medikamente.

Der Heringer Apotheker Stefan Göbel möchte nach eigenen Angaben nicht nur die Medikamente, dazu die Apothekenumschau und ein Päckchen Taschentücher über den Tresen reichen. Er hat mit seinem Projekt „Medikationsmanagement Plus“ ein Konzept entwickelt, um Interessenkonflikte zwischen Apothekern, Ärzten und Krankenkassen aufzulösen und dafür den 1. Platz beim Deutschen Apothekenpreis gewonnen. Sein Motiv: Ohne eigenes Medikationsmanagement sterben Apotheken bald aus. „Ausschlaggebend für den Erfolg ist die Auflösung des vorhandenen Interessenkonflikts zwischen Ärzten, Apothekern, Krankenkassen, Honorierung und Refinanzierung“, führt Stefan Göbel aus. Göbels Konzept beruht auf die Einbindung aller Beteiligten.

Sein Vater, der Apotheker Jürgen Göbel, hat mit dem Bau eines Ärztehauses in Heringen ein Zeichen für die Zukunft gesetzt. Fünf Hausärzte mit verschiedenen medizinischen Schwerpunkten können sich in ihrem Wirken ergänzen und gegenseitig entlasten. Die Attraktivität für hausärztlichen Nachwuchs könnte nach Meinung von Sybille Totzke schon mit dem Wegfall des NC von 1,3 für das Medizinstudium steigen. „Danach hat mich nie jemand gefragt. Ärzte brauchen Einfühlungsvermögen“, betont sie. Hausärzte brauchen zudem mehr Zeit, ihren jungen, alten und behinderten Patienten zuzuhören. „Nur dann kann man die richtige Diagnose stellen“, weiß Dr. Christine Bali aus jahrzehntelanger Erfahrung, die außerdem darauf hinweist, dass Hausärzte keine Computer- oder Wirtschaftsexperten sind.

Nicht nur die ambulante, auch die stationäre medizinische Versorgung auf dem Land ist durch die Schließung von Kliniken bedroht, was wiederum lange Wege für die Bevölkerung bedeutet. Michael Roth und Bettina Müller nahmen die Anregungen, die Kritik und die Verbesserungsvorschläge in der sich anschließenden Gesprächsrunde dankend auf, um sie in ihre parlamentarische Arbeit einfließen zu lassen. So sollte nach Meinung der interessierten Gäste das Gesundheitssystem dringend vereinfacht werden. In einer weiteren Wortmeldung wurden die Gesundheitsreformen als Bruchstücke beschrieben, die an der Problematik nichts geändert haben. Hausärzte müssen durch Programme wie „Agnes“ oder „Verah“ entlastet werden, die vielfache Inanspruchnahme der Gerätemedizin muss hinterfragt werden und die ungleiche Behandlung von privat und gesetzlich Versicherten ist sowieso ein Dauerthema. Das Fazit von Michael Roth bringt es auf den Punkt: „Bei dem Problemthema Gesundheit weiß man nicht, wo man anfangen soll und wo man aufhören muss“. (Gudrun Schmidl) +++


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