Prof. Dr. Margot Käßmann (links) kam auf Einladung von Pröpstin Sabine Kropf-Brandau nach Bad Hersfeld - Fotos: Gudrun Schmidl

BAD HERSFELD Was bedeutet Luther für uns heute?

Reformationsjubiläum auf Festspielen mit "Botschafterin" Margot Käßmann

03.07.17 - Das Wetter zeigte sich gnädig. Die Podiumsdiskussion zum Thema „Was bedeutet Luther für uns heute?“ im Rahmenprogramm der Bad Hersfelder Festspiele konnte am Sonntagvormittag unter freiem Himmel im „Foyer im Grünen“, angrenzend an die altehrwürdige Stiftsruine, stattfinden. Illustre Gäste gaben Einblick in ihre persönliche Glaubensausrichtung und äußerten sich fachkundig zum Thema. Besonders Prof. Dr. Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017, galt das größte Interesse der über 300 Gäste, die auf dem Podium außerdem den Journalisten und praktizierenden Katholiken Matthias Matussek, Prof. Dr. Heinz-Walter Große, Vorstandsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG und Mitglied der Landessynode Kurhessen-Waldeck und Heinz-Werner Kubitza, Theologe und Autor von Büchern zur Religions- und Christentumskritik, erleben konnten.

Matthias Matussek

Die Bad Hersfelder Festspiele wurden vertreten von dem künstlerischen Leiter Joern Hinkel und der Schauspielerin Elisabeth Lanz, die im diesjährigen „Luther-Stück“ die Rolle der Katharina von Bora verkörpert. Moderiert wurde die Gesprächsrunde von dem Journalisten und Buchautor Manfred Otzelberger, der – sich mitgezählt – vier der Kirche Fernstehende mit einem katholischen und zwei protestantischen Christen ins Gespräch bringen und sie dabei ausreden lassen musste, auch wenn "mittellange Referate" seine Geduld strapazierten.

Joern Hinkel bekannte auf Nachfrage, dass er bis zum 18. Lebensjahr im katholisch geprägten Bayern ein glühender Kirchgänger war. Hier lernte er Gemeinschaft, Kunst und Kultur kennen, sang zudem im Kirchenchor. Auf die Fragen: „Wer bin ich, wo komme ich her, warum bin ich hier?“ bekam er Antworten. Trotzdem kamen Zweifel, die zum Kirchenaustritt führten. „Wenn du gehst, begibst du dich auf die Seite des Teufels und wirst nicht ins Himmelreich kommen“ gab ihm ein Priester mit auf den Weg.

Joern Hinkel, künstlerischer Leiter der Festspiele

Heinz-Walter Große ist als Protestant am 31. Oktober und damit „zur Reformation geboren“. Er bekräftigt seine Einstellung: „In der Ausrichtung des täglichen Lebens ist die christliche Botschaft fantastisch“. Er betont, dass auch ein Unternehmen nicht unchristlich geführt werden kann. Als Vorstandsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG trägt er Verantwortung für über 60.000 Mitarbeiter weltweit. Motiviert werden sollen die deutschen Mitarbeiter täglich zur Mittagszeit mit ausgewählten Bibelsprüchen.

Moderator Manfred Otzelberger (links)

Heinz-Werner Kubitza, der „atheistische Elemente“ in die Runde brachte, findet die Verteilung von Bibelsprüchen übergriffig. Der Doktor der evangelischen Theologie, der 2011 aus der Kirche ausgetreten ist, veröffentlichte im gleichen Jahr sein Buch „Der Jesuswahn. Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch wissenschaftliche Forschung“, in dem er aus historisch-kritischer Sicht über Jesus von Nazareth schreibt. „Er hat sich bis zum Ende als frommer Jude verstanden, der das nahe Gottesreich ankündigt. In diesem zentralen Punkt hat er sich geirrt, denn das Gottesreich kam nicht“. Im Buch wie in der Gesprächsrunde fragt er: Haben die Kirchen das Recht, sich auf Jesus von Nazareth zu berufen, den sie als Gottes Sohn verkündigen?“

Elisabeth Lanz

„Gott können wir nicht beweisen, aber auch nicht beweisen, dass es keinen Gott gibt“, kontert Margot Käßmann, bekräftigt dennoch: „Zweifeln ist wichtig, das gehört zum Glauben dazu“. Margot Käsmann gehört zu den bekanntesten Deutschen der Gegenwart. Sie hat sich als Herausgeberin von Luther-Texten und –Gebeten einen Namen gemacht. Als Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages bis 1999, als hannoversche Landesbischöfin und auch als Ratsvorsitzende der EKD bis 2010 ist sie mit ihrer von Luther geprägten Frömmigkeit von Kindesbeinen an einem immer größer werdenden Publikum bekannt geworden.

Zum Glück kamen nur einige Tropfen ...

Sie bekräftigt, dass die Auseinandersetzung mit der Bibel zur Allgemeinbildung gehört. „Luther selbst hat dazu aufgefordert, dass jeder Mann und auch jede Frau lesen lernen soll, um die Bibel selbst lesen zu können und sich ein Bild zu machen. Der protestantische Glaube will, dass wir selbst denken können“. Martin Luther wünschte sich eine Kirche, die offen ist für Fragen und hat stets gesagt, dass sich die Kirche der Reformation immer wieder reformieren muss. „Luther ging es um eine christliche Freiheit, nicht um die bürgerliche Freiheit“. Margot Käßmann plädiert für einen jährlichen bundesweiten Feiertag am 31. Oktober, nicht nur aus Anlass des Reformationsjubiläums.

Hein-Werner Kubitza

Matthias Matussek ist praktizierender Katholik, geht regelmäßig beichten, tritt für den Erhalt des Zölibats ein und kritisiert die Kirchensteuer als eine „moderne Form von Ablasshandel. Matussek fragt sich, warum die katholische Kirche die Sakramente an Mitgliedsbeiträge bindet und plädiert für Freiwilligkeit. Er betont: „Unsere Gesellschaft ist ohne das Christentum nicht denkbar“. Für ihn vereint sich im „Vater unser“ alles, woran er glaubt. Für Elisabeth Lanz ist es das Gebet des Heiligen Franziskus von Assisi, das sie berührt. Die Schauspielerin ist die Tochter eines ehemaligen Priesters, der sich aus Liebe zu ihrer Mutter entschied, nicht mehr zölibatär zu leben. Die erste Phase der Ehe ihrer Eltern erlebte sie als sehr schuldbelastet, sie selbst fühlte sich wie eine „Frucht der Sünde“. Elisabeth Lanz verlässt sich auf den „von ihr erfahrenen Glauben in ihrem Leben“.

Eineinhalb höchst interessante Stunden vergingen wie im Flug, konfrontierten mit unterschiedlichsten Glaubensansätzen, die zum Nachdenken anregen. Viele offene und dringliche Fragen zur Ökumene, der Verschiedenheit der beiden großen Kirchen, fehlender Nachwuchs in der Gemeindearbeit oder den Gründen für die zahlreichen Kirchenaustritte, von denen beide große Kirchen betroffen sind, konnten auf die Schnelle natürlich nicht diskutiert werden. Margot Käsmann und Heinz-Walter Große sind sich abschließend einig: „Es kommt im Wesentlichen auf das Evangelium an“ würden sie als eigene These den 95 Thesen Luthers hinzufügen. (Gudrun Schmidl) +++


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