"Aus der Tiefe ruf ich zu dir! Alexander Maier berührte mit seinem Sologesang in der Kirche und an der Gedenkstätte - Fotos: Gudrun Schmidl

BAD HERSFELDDie Nacht, in der die Synagoge brannte

Das Bekenntnis der Schuld muss bezogen sein auf unser Denken

10.11.17 - Zum Gedenken an „Die Nacht, in der die Synagoge brannte“ luden die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit am Mittwochabend nach Bad Hersfeld ein. An diesem Tag brannte 1938 die Hersfelder Synagoge – als erste in Deutschland im Zuge der sogenannten „Novemberpogrome“. 79 Jahre später versammelten sich zur ökumenischen Gedenkandacht Repräsentanten des öffentlichen Lebens und viele weitere, die gedenken wollten, zunächst in der katholischen Kirche St. Lullus-Sturmius in Bad Hersfeld. Werner Schnitzlein, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Hersfeld-Rotenburg sagte, dass diese Andacht ein Gedenken sein soll an die schrecklichen Geschehnisse der 30er- und 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. „Das ist Anlass zur Trauer, zur Klage und zum Ruf aus der Tiefe“. Die Gedenkpredigt hielt Diakon Hans-Joachim Kuhn von der Alt-Katholischen Kirche.

Pröpstin Sabine Kropf-Brandau

Monsignore Bernhard Schiller

Ungefähr 1.200 Synagogen und jüdische Gebetshäuser wurden in jenen Tagen geschändet und niedergebrannt, sie waren nur noch Schutt und Asche. 7.500 jüdische Geschäfte wurden demoliert und Privatwohnungen verwüstet, das gesamte Hab und Gut vernichtet. Auch Schulen und Waisenhäuser wurden nicht verschont. Die Polizei sah zu. Die Feuerwehr war nur vor Ort, um ein Übergreifen der Brände auf nichtjüdische Häuser zu verhindern. Mehr als 30.000 Menschen wurden deportiert, andere grausam ermordet oder in den Selbstmord getrieben.

Werner Schnitzlein, 1. Vorsitzender der ...

Ein Attentat in Paris am Morgen des 7. November, bei dem der Diplomat Ernst vom Rath von dem 17-jährigen Herschel Grynszpan getötet wurde, nutzen die Nationalsozialisten als Vorwand für den schrecklichen Pogrom, der nur wenige Tage später die Juden im Deutschen Reich traf. Grynszpan gab an, dass er aus Protest gegen die judenfeindliche Politik der Deutschen und aus Rache für das schlimme Schicksal seiner Eltern und Geschwister geschossen hätte. Im Rahmen der Gedenkandacht wurde greifbar nahe aus dem Erleben der jüdischen Familie Goldschmidt, ehemals wohnhaft in der Bahnhofstraße 11 in Bad Hersfeld, berichtet. Im Grunde war dieses „Ghetto-Haus“ der Vorhof zur Deportation der darin zusammengepferchten Juden am 30. Mai 1942. Und es sollte noch schlimmer kommen. Diese Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung und Ermordung in ganz Europa – mit mehr als sechs Millionen Opfern.

Landrat Dr. Michael Koch

Erster Stadtrat Gunter Grimm

Das Gedenken wurde an der Gedenkstätte für die jüdischen Opfer am Schillerplatz fortgesetzt. Pröpstin Sabine Kropf-Brandau betonte in ihrer Ansprache, dass am 8. und 9. November vor aller Augen offenbar wurde, dass das jüdische Volk vernichtet werden sollte. Der Satz: „Wir konnten es ja nicht wissen“, gilt seit diesem Zeitpunkt nicht mehr. Auch hier in Hersfeld brannte die Synagoge. Sabine Kropf-Brandau führte im Wortlaut aus: „Im Namen des deutschen Volkes“ – nein, es waren nicht eine oder einer, die meinten, über Leben und Tod eines Volkes entscheiden zu können und den Tod eines Volkes herbeiführen zu müssen, es waren so viele Menschen, die jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger gedemütigt und in den Tod getrieben haben – es waren unzählige, bekannte und unbekannte Menschen, die sich zum Werkzeug des Todes haben machen lassen. Sie mussten nicht – sie haben es getan! Es waren nicht die Irren, dann wäre alles leichter zu erklären. Es waren unsere Vormütter und Vorväter, die sich zu Werkzeugen der Hölle haben machen lassen, oft getrieben von existentieller Angst. Das ist ein schwerer Satz, weil wir aus ihrer Geschichte leben“.

Reden und Zuhören hält Erinnerung wach und schafft eine Gegenwart, bekräftigt die Pröpstin und weiter: „Die Anteilnahme, die aus dem Zuhören erwächst, muss dazu mobilisieren, jedem Anfang von menschenverachtendem, rechtsextremem Verhalten zu wehren. Und die Anfänge sind da“. Genau wie die ihr folgenden Redner, Landrat Dr. Michael Koch und Erster Stadtrat Gunter Grimm, forderte sie auf, dass gemeinsames gesellschaftliches Handeln von Nöten ist. „Worte und Taten, die die Menschenwürde außer Acht lassen, die die Ehrfurcht vor dem Leben mit Füßen treten, dürfen hier und an keinem Ort der Welt gesprochen und getan werden. Alle sind sich einig, dass das Bekennen der Schuld nicht einzig bezogen auf die Taten der Vergangenheit werden darf und kann. Das Bekenntnis der Schuld muss bezogen sein auf unser Denken“. Gunter Grimm richtet seine Worte besonders an die neuen Generationen, die sich für die unrühmliche Vergangenheit nicht nicht länger verantwortlich und schuldig fühlen wollen.

Die Gedenkveranstaltung wurde musikalisch begleitet von Udo Diegel an der Orgel, dem Solisten Alexander Maier und dem Posaunenchor des CVJM und der ev. Kirche in Bad Hersfeld unter der Leitung von Gesa Hild. Das „Totengedenken“ übernahmen Werner Schnitzlein von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und Christopher Willing von der Jüdischen Liberalen Gemeinde Region Kassel e.V. Emet weschalom. (gs) +++



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