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Das sind die ehemaligen NVA Zelte, die heute noch im Missio-Camp Jahr für Jahr genutzt werden. Rainer Eppelmann und Fritz Schroth erinnern sich gerne an diesen „Deal“. - Fotos: Marion Eckert

HASELBACH 30 Jahre Mauerfall

Zeitzeuge der DDR: Rainer Eppelmann zu Gast im Missio-Camp

02.08.19 - Dass die Zelte, die beim Missio-Camp für die Übernachtungen zur Verfügung stehen, aus dem Bestand der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR stammen, erzählt Fritz Schroth immer wieder gerne. Im Sommer 1990, als bekannt wurde, dass die Armee der DDR aufgelöst werde, habe er an den damaligen Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, Rainer Eppelmann geschrieben und ihn um Zelte aus dem Armeebestand für das Missio-Camp gebeten.

Demokratie oder Diktatur? Rainer Eppelmann ging ...

Rainer Eppelmann kann sich an dieses Schreiben noch sehr gut erinnern. „Ich ging davon aus, dass es die NVA in spätestens zwei Jahren nicht mehr geben wird. Da flatterte der Brief von Fritz auf meinen Schreibtisch. Mir gefiel der Gedanke, dass die Zelte, die für Offiziere und Soldaten da waren, nun von jungen Leuten genutzt werden. Das ist doch wahre Abrüstung.“ Eppelmann entschied kurzerhand: „Der soll seine Zelte kriegen. Damals kannte ich Fritz Schroth ja noch gar nicht. Er kriegte sie und sie stehen heute noch beim Missio-Camp.“ Seither sind Rainer Eppelmann und Fritz Schroth befreundet und Eppelmann konnte zum diesjährigem Missio-Camp als Gastredner begrüßt werden. Fritz Schroth und Rainer Eppelmann ging es darum, den „Nachgeborenen“ die Geschichte der DDR und des Mauerfalls zu erzählen.

„Die Deutsche Einheit ist ein Geschenk und Rainer Eppelmann ist ein Zeitzeuge. Zeitzeugen muss man befragen“, erklärte Schroth. „Es ist wichtig, dass Geschichte nicht vergessen wird. Sich der Geschichte zu erinnern ist dazu da, sie nicht wiederholen zu müssen.“ Rainer Eppelmann, geboren 1943, ist Pfarrer, DDR-Bürgerrechtler, ehemaliger Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR und ehemaliger Bundestagsabgeordneter. Heute ist er ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Als junger Mensch weigerte er sich in die Freie Deutsche Jugend einzutreten, so dass ihm das Abitur verwehrt wurde. 1966 verweigerte er den Dienst an der Waffe in der NVA sowie die Ablegung des Fahneneides und wurde daraufhin zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Wie er später erfuhr, hatte die Stasi in den 1980er Jahren seine Ermordung geplant, er galt als Staatsfeind, vier Anschläge seien fehlgeschlagen. Eppelmann war Gründungsmitglied der Partei „Demokratischer Aufbruch“ in der DDR, die später dann mit der CDU fusionierte und gehörte 1990 als Minister für Abrüstung und Verteidigung der letzten DDR-Regierung an.

Sich der Geschichte erinnern, um sie ...

Rainer Eppelmann nahm seine Zuhörer mit auf einen spannenden und faszinierenden Abriss über Entstehung, Entwicklung und Ende der DDR. Angefangen bei den Schubladenplänen, die Stalin und Ulbricht bereits 1944 geschmiedet hatten, über den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 und dessen blutige Zerschlagung. Was folgte war eine massenhafte Republikflucht, der das Regime nur durch den Bau einer Mauer zu begegnen wusste, 17 Millionen Bürger wurden eingesperrt. Und schließlich die Friedensbewegung, an der Eppelmann beteiligt war und die unter anderem schließlich zu den Montagsdemonstrationen und zum Fall der Mauer am 9. November 1989 führte.

Auch wenn die DDR längst Geschichte ist, sei die Frage nach Demokratie oder Diktatur zu allen Zeiten relevant. Für Eppelmann ist es die „Schicksalsfrage der Deutschen“, die zentrale Frage im Lebens eines Menschen. „Durfte ich in einer Demokratie oder musste ich in einer Diktatur leben?“, diese Frage sei entscheidend. Und so zog sich die Frage "Diktatur oder Demokratie?" wie ein roter Faden durch den einstündigen Vortrag, den er anhand persönlicher Beispiele eindrucksvoll bereicherte.

In der anschließenden Fragerunde wurde Eppelmann gefragt, wie er sich erkläre, dass die Menschen, die in der DDR-Diktatur groß geworden sind, mit der Demokratie nun so offensichtlich unzufrieden seien. Eppelmann versuchte sich an einer einfachen Antwort auf einen komplexen Zusammenhang. Noch heute seien viele Menschen im Osten Deutschlands auf der Suche nach ihrer Identität, die durch die Einheit komplett verändert wurde. „Wir waren eingesperrt und haben darunter gelitten, jetzt haben wir so viele Freiheiten auf einmal und es gibt so viel Fremdes“, beschrieb er Unsicherheiten, die auch nach 30 Jahre noch da seien, und er gab zu Bedenken: „Wir haben 40 Jahre weniger Demokratieerfahrung als der Westen.“ (me) +++


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