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An dem Infoabend der Interessengemeinschaft „Unsere Heimat Müs“ wegen den Erweiterungsplänen der Steinbruchs nahmen 360 Teilnehmer teil. - Fotos: "Unsere Heimat Müs"

FULDA 360 Bürger bei Infoabend in Müs

"Kein Gesetz der Welt kann die Bürger beruhigen, wenn der Putz bröckelt"

30.12.19 - Die Interessengemeinschaft (IG) „Unsere Heimat Müs“ hatte am Freitag zu einer Veranstaltung ins Bürgerhaus nach Müs eingeladen. Der Grund: Die umstrittenen Pläne des Zementkalkwerks Otterbein, den Steinbruch in dem Großenlüderer Ortsteil zu erweitern. Dass die mit den Plänen verbundene Angst um Lebensqualität und Gesundheit eine große emotionale Sprengkraft hat, zeigte das rege Interesse an der Veranstaltung. Unter den etwa 360 Bürgern aus Müs und den angrenzenden Ortschaften war auch Bürgermeister Werner Dietrich (Unabhängige Bürgerliste). Dietrich beantwortete Fragen – formulierte aber auch einen konkreten Rat.

Wie weit würde die Zunahme von LKW-Lärm, Staub und Sprengungen die Lebensqualität der Einwohner des Ortes reduzieren? Welche Einflüsse hat die Zementklinkerherstellung auf Umwelt und Gesundheit generell? Und: Stehen zehn Jahre Planungssicherheit eines Unternehmens in Relation mit der Zerstörung von Natur und Heimat, die ewig währt?

Diese und viele solcher Fragen standen auf der Agenda des Abends. Als direkt Betroffener und Mitglied der Interessengemeinschaft führte Günther Peschau (61) durch die Veranstaltung. „Wir sind nicht gegen die Erweiterungspläne, sondern dafür, dass dieser Ort erhalten bleibt. Dieser Ort ist schließlich unsere Heimat. Wofür lohnt es sich wohl mehr zu kämpfen?“, stellte Peschau, der nur etwa 300 Meter vom Steinbruch entfernt lebt, zu Beginn der Präsentation heraus. Zwar komme es etwas darauf an, auf welcher Seite des Ortes man wohne, aber die Ein-schränkung der Lebensqualität trage bereits jeder – der eine schon mehr, der andere bislang noch weniger.

Bislang – denn neue Pläne sehen eine Verlegung bisheriger Abbaugrenzen vor: Endet das Abbaugebiet bisher 288 Meter vor dem Kernort, soll der Steinbruch künftig bis auf 135 Meter an die Bürger heranrücken dürfen. Dazu benötigt das Unternehmen jedoch eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz durch das Regierungspräsidium Kassel. Denn: Landwirtschaftliche Flächen müssten in ein Vorranggebiet umgewandelt werden, was eine Abweichung vom Regionalplan bedeuten würde.

Vorausgesetzt, so die bisherige Annahme: Die Gemeinde stimmt dem zu und stellt einen entsprechenden Antrag beim Regierungspräsidium. Doch Bürgermeister Werner Dietrich (UBL) hatte neue Informationen mitgebracht: „Mir wurde signalisiert, ich werde nicht sagen von wem, dass es wohl auch ohne die Gemeinde gehe.“ In dem Fall müsse der Antrag dann aus der Regionalvertretung selbst kommen. Eine Stellungnahme der Gemeinde könnte dadurch wegfallen, berichtete Dietrich.

Mithilfe einer Präsentation brachte die IG das ins Sichtbare, was bislang noch hinter Hügeln und Wäldern verstreckt bleibt: riesige Abbauterrassen. Die Grafiken zeigten ein Szenario, das bald zur Realität werden könnte: Durch den Wegfall eines solchen natürlichen „Sichtschutzes“ durch Hügel und Wälder würde der Lebensraum der Bewohner mehr und mehr nur noch zur Kulisse; Heimat würde zum Abbauprodukt, das zu Straßen und Gebäuden verarbeitet wird.

Dietrich lobte den sachlichen Ton der Veranstaltung und riet: „Die Argumente der einen Seite müssen durch bessere Argumente der anderen Seite ersetzt werden.“ Der Bürgermeister betonte, dass er sich nicht als Politiker sieht, sondern als Bürgermeister, also als Teil einer Gemeinschaft. Eine solche müsse stets versuchen, die Lösung zu finden, mit der alle betroffenen Bürger leben können. Deshalb rate er der Geschäftsführung des ZKW Otterbein von Praktiken ab, die zwar gegebenenfalls rechtlich zulässig sind, den Bürger aber nicht einbeziehen. Das Ziel müsse lauten, den Bürgern das Minimum an Belastung zuzumuten – und nicht das Maximum.

Natürlich müsse das Unternehmen auch die Sicherheit der Arbeitsplätze im Auge behalten, aber wie in den meisten Branchen der Fall könne heutzutage keine Planungssicherheit über viele Jahre gewährleistet werden. Die moralische Komponente der Entscheidung dürfe nicht vergessen werden, denn die zentrale Frage laute: Stehen weitere zehn Jahre Zeitaufschub und Planbarkeit für das ZKW im Verhältnis mit den nicht wiedergutzumachenden Narben in der Natur und im Ortsbild? „Das Gebiet ist endlich, nicht unendlich“, so Dietrich.

Zwar stellt das Thema Sprengung nur einen Teil der Umstände dar, mit denen die Müser seit vielen Jahrzehnten leben müssen, aber ein gewaltiges. Risse in Wänden, von Staub bedeckte Autos und Tassen, die aus Regalen fallen: Dietrich bekomme jeden Monat einige solcher Beschwerden, die er an das Regierungspräsidium Kassel weiterleitet, damit dieses informiert ist. „Kein Gesetz der Welt kann die Bürger beruhigen, wenn der Putz bröckelt“, so Dietrich. Doch müsse, was den Einsatz von Technik betrifft, auch die Zumutbarkeit für das Unternehmen beachtet werden. Ein Thema, das bei den Anwesenden zu Diskussionen führte. Er selbst habe Kontakt zu einer Firma aufgenommen, die Spezialgeräte für den Abbau von Kalkgestein herstellt.

Allgemein aber erhielten der Bürgermeister und die zahlreichen Wortbeiträge viel zustimmenden Applaus; die unbeantworteten Fragen an die Geschäftsführung des ZKW Otterbein, von deren Seite kein Offizieller vertreten war, wird die Interessensgemeinschaft weiterleiten.

Die Themen Müllverbrennung und die gesundheitliche Belastung mit Quecksilber waren Teil der Veranstaltung. So habe sich laut einer offiziellen Auswertung der Quecksilberausstoß der Produktionsanlage zwischen 2008 und 2012 verdoppelt. Damit liegt Müs in puncto Quecksilberflächenbelastung durch das ZKW auf Platz drei in Hessen. Nur knapp hinter Großkrotzenburg und Frankfurt. Eine Platzierung, auf die die Bürger augenscheinlich lieber verzichtet hätten.

Ob mehr Messstationen im Ort installiert werden müssten, weshalb diese aber immer wieder abgelehnt werden, wurde ebenso thematisiert und diskutiert wie das Thema Bürgerbefragung - ja oder nein. Mit einer anonymen Bürgerbefragung möchte Dietrich die Stimmung und Einstellung der Bürger einfangen und als Entscheidungshilfe und Mandat für die Gemeindepolitik werten. Dazu betonte Dietrich: Eine solche Befragung solle den Ort ja nicht spalten, wie auch, denn es ginge schließlich um mündige Bürger.

Da mehr als 300 Unterschriften an dem Abend zusammengekommen waren, wird es zu einer offiziellen Gründung einer Bürgerinitiative Anfang 2020 kommen. (pm) +++


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