Die beiden Literaturpreisträgerinnen Nadine Schneider und Olivia Wenzel mit OB Heiko Wingenfeld - Fotos: Stadt Fulda

FULDA Zwei ausgezeichnete Romandebüts

Fuldaer Literaturpreis an Nadine Schneider und Olivia Wenzel verliehen

11.09.20 - Für ihre Romane "Drei Kilometer" und "1000 Serpentinen Angst" sind die jungen Autorinnen Nadine Schneider und Olivia Wenzel am Mittwochabend von Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld mit dem Literaturpreis der Stadt Fulda 2020 ausgezeichnet worden. Nachdem die für Ende Mai im Fürstensaal vor großem Publikum geplante Verleihung coronabedingt verschoben werden musste, wurde sie nun im kleinen, aber feierlichen Rahmen im Rokokosaal des Palais Altenstein nachgeholt.

Die Siegertitel

Laudator Jan Brandt

"Unsere Stadt steht in einer reichen literarischen Tradition, die das 744 errichtete Kloster Fulda durch seine Schule unter Abt Rabanus Maurus im 9. Jahrhundert begründet hat. Diesem Erbe fühlen wir uns durch die Reihe ,Literatur im Stadtschloss‘ und die Bewerbung zum Europäischen Kulturerbe-Siegel bis heute verpflichtet", sagte Dr. Wingenfeld. Der 2019 erstmals gestiftete und mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Preis für ein literarisches Debüt unterstreiche zusätzlich Fuldas Bedeutung als Stadt der Literatur. Die fünfköpfige Jury habe Ende Januar mit sicherem Gespür für Qualität entschieden, den Preis 2020 zu gleichen Teilen an zwei Autorinnen zu verleihen, die beide eine Thematik von gesellschaftlicher Relevanz aufgegriffen und dabei jeweils einen ganz eigenen formalästhetischen Ansatz gewählt haben, so der OB. "Ich bin glücklich, dass wir mit Nadine Schneider und Olivia Wenzel in diesem Jahr gleich zwei großartige Autorinnen auszeichnen können", betonte Wingenfeld. Für die finanzielle Förderung des Preises dankte das Stadtoberhaupt der Jubiläumsstiftung der Sparkasse Fulda.

Laudatorin Johanna Maxl

Für die Jury würdigten Journalist und Schriftsteller Jan Brandt sowie Schriftstellerin Johanna Maxl, die 2019 den ersten Literaturpreis der Stadt Fulda erhalten hatte, die diesjährigen Preisträgerinnen. "Nadine Schneiders Prosa zeichnet sich durch eine außerordentliche Magie aus: in der Beschreibung der Figuren und Szenen, des Settings sehr genau zu sein und doch vieles in der Schwebe zu lassen", unterstrich Jan Brandt seine Begeisterung für den Wenderoman "Drei Kilometer", den er bislang bereits dreimal gelesen habe. Das Buch erzählt von Anna, Hans und Misch, drei Freunden aus Kindertagen, die im Sommer 1989 überlegen, gemeinsam aus ihrem rumänischen Dorf in die Freiheit zu fliehen. Bereits der Buchtitel, so der Laudator, benenne die räumliche Distanz zwischen dem rumänischen Dorf am Ende der Ceausescu-Diktatur und der jugoslawischen Grenze und "verweist auf diese fantastische Dimension eines Niemandslandes, eine Utopie, ein Un-Ort, an dem alles möglich scheint. Drei Kilometer liegen zwischen Diktatur und Freiheit, Hoffen und Bangen, Scheitern und Erfolg. Drei Kilometer sind nichts – und doch unüberwindbar." Die Autorin zeige ihre erzählerische Virtuosität als "Meisterin des Nichts", indem sie durch bewusste Auslassungen, abgebrochene Dialoge und Ungesagtes große Imaginationsräume schaffe. Zugleich verstehe sie, an den richtigen Stellen ein sprachliches Feuerwerk zu zünden. "Ihre Figuren taugen nicht als Helden, gerade das macht sie zu Menschen", sagte Brandt. Bei diesem Debüt sei das große Weltbeben oft nicht mehr als ein Hintergrundrauschen, vor dem sich dennoch existenzielle Konflikte abspielten und Liebe und Loyalität, Zugehörigkeit und Identität oder einfach nur das Ende der Jugend mit einer souveränen Lässigkeit geschildert würden. "Ihr Roman ist wie ein Lied, das man nicht oft genug hören kann." Von der eingängigen Melodie jenes "Liedes" durfte sich das Publikum gleich im Anschluss überzeugen, als Nadine Schneider aus ihrem Erstling "Drei Kilometer" eine Kostprobe gab. 

Nadine Schneider

Johanna Maxl hielt die Laudatio auf Preisträgerin Olivia Wenzel: "Szenisch, poetisch und mit geradezu körperlicher Unmittelbarkeit verhandelt ,1000 Serpentinen Angst‘ Fragen von akut gegenwärtiger Relevanz: Nach der Konstruktion von Zugehörigkeiten zu Klassen und ,Ethnien‘, nach deren Erlerntsein, danach wie wir sprachlich damit umgehen; Fragen, die zugleich literarisch unterrepräsentiert sind, jetzt immerhin ein bisschen weniger." Diese Fragen, so die Laudatorin, würden ganz beiläufig eingestreut in die eigentliche Geschichte. Sie handele von einer ostdeutschen Frau mit flüchtiger Punk-Mutter, einem Vater, der sich nach seiner Rückkehr nach Angola kaum mehr meldet, einem Zwillingsbruder, der mit 19 Jahren vor einen Zug sprang, und der thüringischen Großmutter, einer ehemals treuen SED-Anhängerin. Die Ich-Erzählerin in Olivia Wenzels Roman sei immer unterwegs, "angetrieben von einer der vielen Stimmen, in denen die Autorin die Geschichte die Protagonistin sich erzählt, und die für das unglaubliche Tempo dieses Romans sorgen, immer wieder anfeuernd: ,WEITER, WEITER‘". Johanna Maxl: "Diese Stimmen fordern, verhören, sie singen, dichten, bieten Kekse an, und vor allem stellen sie eine Menge extrem wichtiger Fragen." Dem Roman gelinge es stets von Neuem, festgelegte Kategorisierungen auszuweisen und zu hinterfragen – zum Beispiel , "was das am Regal angebrachte Label Black Music eigentlich bedeuten sollte. Beziehungsweise in welchem Regal die Kategorie White Music zu finden sei und was man darunter alles fasse? Die Beatles, Madonna, Vivaldi, Andrea Berg und Rammstein?" Das Buch zeige genau, "wie scharf die Trennungen verlaufen, die die Marker unserer Herkünfte ziehen", und frage danach, wie es wäre, wenn es uns gelänge, sie nicht länger als Gegebenheit anzunehmen, und wie es aussähe, "wenn wir uns darauf konzentrieren, was wesentlich ist, zum Beispiel das, was  verbindet", schloss Johanna Maxl.

Olivia Wenzel

nschließend präsentierte Olivia Wenzel eindrucksvoll Passagen aus ihrem Buch "1000 Serpentinen Angst", das derzeit auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht. Die Preisträgerinnen nahmen die Urkunden aus den Händen von Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld entgegen und bedankten sich für die Auszeichnung.

Für alle Fuldaer Literaturfreundinnen und -freundinnen hatten beide Autorinnen noch eine Überraschung: Nadine Schneider und Olivia Wenzel haben Auszüge aus ihren Büchern eingelesen und die Aufnahmen für zwei Podcasts zur Verfügung gestellt. Beide stehen ab Freitag, 11. September 2020 (ab 15 Uhr), mit der jeweiligen Würdigung von Jan Brandt beziehungsweise Johanna Maxl zum Streaming und zum Download bereit unter www.kreuz.com/podcast

Die Preisträgerinnen mit Ortrun Tornow

Im Anschluss an die Verleihung des Literaturpreises Fulda 2020 übergab Ortrud Tornow, Präsidentin Soroptimist International (SI) Club Fulda, den "Preis für mutige Frauen in Kultur und Literatur" an Nadine Schneider und Olivia Wenzel. Mit der Auszeichnung, die mit einem Pokal und einem Preisgeld von jeweils von 500 Euro verbunden ist, würdige der SI Club Fulda das Engagement der Autorinnen. Auf Initiative von Ortrud Tornow hatten die Preisträgerinnen bereits im Sommer während halbstündiger Zoom-Konferenzen den Clubschwestern des SI Club Fulda eindrucksvolle Lesungen geboten, die auf große Begeisterung gestoßen sind.+++


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