Archiv

- Fotos: Hendrik Urbin

30.03.09 - EICHENAU

Gemalte Knochen, öfters klopfen: 7. Reiterforum bot zweierlei Pferdestärken

Für Pferdefreunde und Offroad-Fans ist das "Range Rover Reiterforum" am Weidstücker Hof in Großenlüder-Eichenau schon zu einer "festen Größe" im Jahreskalender geworden. Auch in diesem Jahr kamen Hunderte zum Austausch über Pferdestärken - biologische und mechanische. Denn beim Reiterforum gibt es für die interessierten Reiter aus der Region bei freiem Eintritt stets eine Mischung aus dem Erproben der Offroadstrecke mit den - nicht nur bei Reitern beliebten - Fahrzeugen von Range Rover sowie Tipps und Informationen zu den edlen Vierbeinern von erstklassigen Referenten. Das Reiterforum wurde bereits zum 7. Male möglich gemacht durch das Engagement der Firmen SORG Premium Cars (Fulda) und Technolit (Großenlüder) sowie dem Team des "Weidstücker Hofs".

Die Sorg-Geschäftsführerin Dr. Mascha Sorg begrüßte in der randvollen Reithalle die vielen Fachbesucher und interessierten Zuschauer. Sie dankte vor allem den engagierten Mitarbeitern von Ford Premium Cars und vom "Weidstücker Hof" für die perfekte Organisation und Vorbereitung des diesjährigen 7. Reiterforums. Bevor die Arena für die vierbeinigen Hauptdarsteller des Tages frei gegeben wurde, durften die "feurigen motorisierten Rösser" unter den Hauben der Rover Fahrzeuge eine Ehrenrunde drehen. Mit einer Anhängelast von meist 3,5 Tonnen eignen sie sich alle für einen „standesgerechtem“ Transport der vierbeinigen Athleten zu ihren Wettkämpfen. Verkaufsleiter und Offroadspezialist H. Schrimpf von Ford Premium Cars stellte die Modellpalette von Rover - Freelander, gefolgt vom seit 1962 auf dem Markt befindlichen Defender, Discovery, Range Rover Sport und das Aushängschild Range Rover - kurz vor.

Während dann die Motorfans auf den Offroad-Parcours gehen konnten, standen im Viereck wieder die Pferde im Mittelpunkt des Interesses. Karin Kattwinkel hatte für das anwesende Fachpublikum einiges zum Thema „Gutes Reiten hält mein Pferd gesund – Was jeder Reiter über den Körper seines Pferdes wissen sollte" vorbereitet. Zunächst einmal machte die Stute „Arte Fashion“ ihrem Namen schon durch ihren Auftritt alle Ehre. Was für den unbedarften Betrachter wie eine Marketingaktion für „Bodypainting“ oder ein neuer Trend à la „Pferdetattoos“ erschien, hatte in diesem Falle einen im wahrsten Sinne des Wortes „tieferen Sinn“. Während auf der einen Seite des Tieres noch relativ klar die wichtigsten Knochen des Pferdes aufgemalt waren, mutete das bunte Muster auf der anderen Seite schon etwas geheimnisvoller an. Hier wurden in grün, rot, orange und blau die, für den Job als Reitpferd, wichtigsten Muskelgruppen dargestellt.

„Das Pferd ist nicht zum Reiten gemacht," sagte die diplomierte Agrar-Ingenieurin Karin Kattwinkel, die in Walsrode unter dem Namen Equo Vadis ein Pferdegesundheitszentrum betreibt. „Die meisten Pferde kommen zu uns, weil die Reiter aus Unwissenheit ihren Pferden Schaden zufügen.“ Tatsache sei, dass im üblichen Reitunterricht, egal bei welcher Reitweise, nur wenig über die Anatomie des Pferdes und die damit verbundenen Anforderungen an das "geritten werden" bekannt sei oder umgesetzt werde. Das ist der Punkt, an dem Karin Kattwinkel mit ihrem Vortrag ansetzen wollte.

Geritten werden ist wie Bodybuilding

Anschaulich demonstrierte sie, was passiert, wenn das Pferd sich mit dem Maul in Richtung Boden bewegt. Das vom Hals bis zur Kruppe des Pferdes verlaufende Nackenrückenband strecke sich und wölbe den Rücken des Pferdes auf, das Hinterbein könne weit nach vorne treten und ohne großen Energieaufwand sei alles so, wie es sich der Reiter auch unter dem Sattel wünsche. "Dies ist die natürliche Haltung, die das Pferd bis zu 16 Stunden am Tag inne hat.“ So lange benötige das Steppentier Pferd, unterbrochen von immer wieder einigen Schritten, unter natürlichen Bedingungen zur Futtersuche. Werde dieser - von Natur aus "perfekten Konstruktion" - allerdings ein Reitergewicht aufgebürdet, funktioniere das so nicht mehr. „Jetzt muss das Pferd Bodybuilding machen, um das auszugleichen“ schilderte die Referentin und kam zur "Kehrseite der Medaille" - also zur Überlastung des Pferdes bei Fehlern.

Anhand der anschaulich gemachten Muskelgruppen verdeutlichte die Referentin, warum das „richtige“ Reiten so wichtig sei - damit die Halsmuskeln des Pferdes den langen Rückenmuskel bei seiner Aufgabe richtig unterstützen können. Mit Seitengängen an der Hand sowie "Schulter-herein" demonstrierte die Pferdetherapeutin wie durch falsches Reiten entstandene Verspannungen gelöst werden könnten. Unbehandelt aber könne diese - durch Schmerz bedingte - Widersetzlichkeit des Pferdes über das bekannten "Kissing Spine Syndrom" bis hin zur Unreitbarkeit des Pferdes führen.

Wie Problemen unter dem Sattel vorgebeugt werden kann, demonstrierte Julia Faust mit der 16-jährigen Stute Gina. Hier gelang es, unter Anleitung, schon nach wenigen Minuten und trotz der - durch die vielen Zuschauer - angespannten Situation, eine deutliche Verbesserung von Takt und Losgelassenheit zu erzielen.

Auch wenn sich dieses Thema in einer knappen Stunde kaum umfassend vermitteln lässt, konnten die Besucher hier einige wichtige Informationen mitnehmen. Zumindest wurde veranschaulicht, warum das Hinterbein das Gewicht tragen soll und Reitlehrer in allen Reitbahnen der Region vom Geraderichten reden, um der natürlichen Schiefe des Pferdes - und somit einer ungleichmäßigen Belastung der „Schokoladenseite“ - entgegen zu wirken. So setze Equo Vadis auch bei der Ausbildung von Reiter und Pferd an. Weitere Informationen zu Kursen, Rehabiliation von Pferde bis hin zur beruflichen Fortbildung finden Interessierte auf der Homepage www.equo-vadis.de

Romeikes Anregungen: viel loben, viel wiederholen

Mit Spannung wurde natürlich Hinrich Romeike, der Doppelolympiasieger in der Vielseitigkeit Peking 2008, in Eichenau erwartet. „Präzision ist keine Hexerei - Genauigkeit macht den Unterschied“ hieß es in der Einladung zur Veranstaltung. Aber wer nun einen Vortrag zum korrekten Reiten von Distanzen mit Abstandsmessung und Schrittzählen erwartete, wurde enttäuscht. Hinrich Romeike überzeugte nicht nur als Reiter, der im „richtigen Leben“ als Zahnarzt den Hafer für sein Paradepferd Marius verdient, sondern als Ausbilder. „Ich bin kein Reitlehrer, das kann der Herr Kircher hier viel besser: ich möchte nur ein paar Anregungen geben.“ Vor allem die Pferde werden seine Anregungen super finden, denn die Reiterinnen in der Bahn wurden ständig zum Loben und Klopfen der Pferde aufgefordert.

„Lässig wie die Jungs, die die Hose nur halb überm Hintern haben“, sollte die Reiterin des übereifrigen Fuchses über die Cavalettis reiten. Und genau so lässig versuchte Hinrichs die Anwesenden zu ermuntern, ihren Pferden mehr zuzutrauen. In der Reitbahn setzten die jungen Amazonen Lena Hesseldick auf der braunen Stute Pretty Woman, Eva Weitzel mit der dunkelbraunen Florenzia und Stefanie Bartosch, immer recht flott auf ihrem Fuchs Chaptier Deux, die Anweisungen um.

Genauigkeit sei vom Reiter gefragt, denn das Pferd habe nur "ein relativ kleines Hirn", so Hinrichs. Was es allerdings mit seinen Beinen mache, sei sein Job. Mit diesem Job taten sich die drei Vierbeiner zunächst auch richtig schwer, als sie am hingegebenen Zügel ihre Hufe über eine Reihe Stangen sortieren sollten. „Ein Pferd lernt nur durch Wiederholung," sagte der Referent. Bis zu 50 mal übte er mit seinem Schimmelwallach einen Wassereinsprung, bis sich dies im Unterbewusstsein seines Pferdes festgesetzt hatte.„Marius ist schon viele Stunden über solche Stangen gegangen“ - ob auf gebogener Linie oder im Schulter-herein, im Schritt, Trab oder Galopp.

"Redet mit euren Pferden - Stimme ist wichtiger als Peitsche"

Auch die Pferde in Eichenau lernten schnell, selbst auf ihre Hufe aufzupassen. Gerade bei temperamentvollen Pferden werde die „Zauberhandlung Klopfen“ zum Mittel der Wahl. Und immer wieder bringe er die Stimme des Reiters als wichtige Hilfe für das Pferd in Erinnerung. „Redet mit dem Pferd, die Stimme ist wichtiger als die Peitsche!“ Die Pferde fühlten sich dann anerkannt, hätten Spaß an der Arbeit und gäben sich Mühe. Von den Reiterinnen allerdings wurde ein "genaues Anreiten" der Stangen an einer bestimmten Stelle gefordert. „Das Nachgeben wird oft vergessen - das Ziehen nie“ sagte Romeike in Bezug auf die Zügelhilfen und: „..der Zügel ist nur der Impuls, dass das Pferd weiß, die Reitstunde ist noch nicht vorbei." Wichtiger sei das Bein des Reiters, denn nur eine „tiefe Hacke und harte Wade kann gefühlvoll sein!“

Am Ende der kurzweiligen Reitstunde überwanden alle Reiterinnen mit Pferden noch zwei kleine Sprünge nach Ansage, mit 4 oder 5 Galoppsprüngen bei gleicher Distanz. Immer wieder aber mussten die Reiterinnen auch das Loben der Pferde üben „Zügel in eine Hand und dann mit der Hand auf der anderen Seite den Pferdehals klopfen, dass man es auch hört!“ Zwischen den einzelnen Aufgaben wurden Pferden und Reitern immer wieder kurze Schrittpausen gewährt, deren Wichtigkeit der Olmpiasieger immer wieder ins Bewusstsein rief. Ebenso gehöre mindestens eine Viertelstunde Schritt reiten vor dem Training dazu. Entsprechend seines Alters habe sein Marius sogar Anspruch auf 20 Minuten Schritt zum Aufwärmen, so sein Besitzer.

Auch für die „noch fortgeschritteneren“ Reiter der zweiten Abteilung Katherina Müller auf Lady Lalotta, Katie Elm auf Raffiness und Nadine Kircher mit dem routinierten Belcanto gab es ähnliche Aufgaben, mit natürlich höheren Anforderungen. Auch hier galt es, den nervösen Vierbeinern mit viel Lob und Stimme zu zeigen, was er richtig macht. „Die kriegen ja sonst Angst - sie möchten doch keine Fehler machen“ versuchte der Reitsportler den Pferden "aus der Seele zu sprechen".

Doppelolympiasieger lobte Arbeit auf "Weidstücker Hof"

Die Arbeit mit den Stangen stehe zwei Mal die Woche auf dem Plan in seinem Stall. „Das macht den Pferden Spaß, bringt Kraft, fördert das Taxiervermögen und schult das Auge des Reiters.“ Sicher werden die Anregungen des Vielseitigkeitsreiters in das tägliche Training auf dem "Weidstücker Hof" einfließen. Für dieses Training sprach Romeike viel Lob aus. So fand er etwa gut, dass die Reiter ihre Pferde „im Maul in Ruhe lassen“ und auch die Kondition der Pferde beeindruckte den Weltklassereiter. Vielleicht kam daher auch seine Vermutung, dass die „hessischen Hochleistungskühe hier sogar 1,30 Meter hoch springen statt des bundesweit bekannten 1,20 Meter“.

Nach diesem interessanten und unterhaltsamen Nachmittag war den Pferdefreunden klar, warum der sympathische Zahnarzt problemlos "große Hallen füllt". Und die Pferde? Die waren von Hinrich Romeike bestimmt begeistert! Denn so viel Lob, Klopfen und gute Worte hat für sie bis jetzt noch kaum jemand eingefordert. (Bettina Masché) +++

















































Über Osthessen News

Kontakt
Impressum
Cookie-Einstellungen anpassen

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Whatsapp
Instagram
TikTok

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön