Der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber - Archivbilder: O|N

FULDA Aufruf zum Einsatz für die Frohe Botschaft

Hirtenbrief zur Fastenzeit von Bischof Dr. Michael Gerber

21.02.21 - "Als Getaufte und Gefirmte sind wir herausgefordert, uns mit ganzer Kraft und ganzer Leidenschaft für die Frohe Botschaft einzusetzen. Was wir als wertvoll erkannt haben, will weitergegeben und vor allem auch gelebt werden. Wir stehen damit unter dem Anspruch der Nachfolge Jesu, der in ganzer Hingabe seine Sendung lebt." Das hebt der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber im diesjährigen Hirtenbrief zur Fastenzeit an die Gläubigen seiner Diözese hervor.

Jesus habe mit seiner ganzen Existenz die Frohe Botschaft verkündet, Menschen geheilt und zusammengeführt, was zerstreut war. In seinem Hirtenbrief, der am Sonntag und in den Vorabendmessen vom Samstag in der ganzen Diözese verlesen wurde, erinnert der Oberhirte daran, dass Jesus aus der Hingabe und der inneren Offenheit für das Wirken Gottes gelebt habe in der Ahnung, dass ihm am Ende seines Lebens äußerlich alles genommen werden würde. Im Garten von Getsemani sei er von seinen Jüngern verraten bzw. im Stich gelassen worden. "Und wie zeigt sich unsere Getsemani-Situation heute? Keine Frage – als Kirche sind wir gerade in unseren Tagen oft weit weg vom Anspruch der Botschaft Jesu. Gerade deswegen ist unser ganzer Einsatz gefordert", so Gerber. Die Gebetsbitte "Dein Wille geschehe" sei keine Entschuldigung für fehlende Einsatzbereitschaft. Es dränge sich die Frage auf, ob die gegenwärtige Situation nicht auch das Potential habe, zu einer Zeit der tiefgreifenden inneren Formung der Kirche zu werden, und "die aktuellen Grenzerfahrungen, inneren Widersprüche, kaum auflösbaren Spannungen zu einem Anstoß für eine sehr grundlegende innere Formung werden" müssten.


Der Dom in Fulda

Aktualität des Auftrags der Kirche heute

Der Blick auf die Situation von Kirche und Gesellschaft sei heute nicht einfach, betont Bischof Gerber. "Mehr denn je erleben wir in diesen Wochen einen Zustand unserer Kirche, den man mit dem Begriff ‚armselig‘ umschreiben kann. Finanzielle Mittel sind zwar weiterhin vorhanden, wenn sie auch beunruhigend schnell abschmelzen. Aber der Kredit, den die Kirche im wahrsten Sinne des Wortes aktuell hat, ihre Glaubwürdigkeit, sie tendiert steil nach unten. Das ist sehr schmerzlich." Denn der Auftrag, den die Kirche vom Evangelium her habe, sei bleibend aktuell. "Die Kirche soll leben, wozu sie berufen ist: Sie soll der Ort sein, wo das Salz der Erde zu finden ist, sie soll eine Fackel sein, durch die das Licht der Welt in unseren Tagen zum Leuchten kommt." Es sei nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. "Wir dürfen gerade in dieser Zeit der Pandemie, wo Menschen sich mit ganzer Kraft für das Evangelium einsetzen, dankbar feststellen: Es gibt ihn, den solidarischen, oft stillen Dienst am Nächsten; der Glaube wird weiterhin wirksam verkündet, etwa in der Katechese oder auch in unseren Kindertagesstätten; unsere Pfarreien sind aktiv in vielen Initiativen, die sich aus einer persönlichen Glaubensüberzeugung nähren; und nicht zu vergessen ist das begleitende Gebet für das Volk Gottes, das in Gruppen und von Einzelpersonen, auch von vielen Kranken, gepflegt wird." Zu jeder Zeit brauche das Evangelium Menschen, die sich mit ganzer Leidenschaft, mit ihrem Verstand und mit Herzblut einbrächten.


Kritik von beiden Seiten ernst nehmen

Viele Menschen machten sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft der Kirche. Nicht wenige forderten deshalb: "Wenn nur endlich Gleichberechtigung, transparente Entscheidungsstrukturen, Macht- und Gewaltenteilung in unserer Kirche ihren festen Platz hätten, dann hätte die Kirche eine Zukunft." Dahinter stecke in vielen Fällen laut Bischof Gerber nicht einfach eine sogenannte "Anbiederung an den Zeitgeist". Oft hätten Menschen konkrete Zurückweisung oder Demütigung erlebt, die nicht der Botschaft des Evangeliums entsprächen. Man müsse sich fragen, ob es sich dabei um Einzelfälle handle und wo sich strukturelle Defizite zeigten. Bei anderen Kritikern finde man das Postulat: "Wenn nur endlich die ewige Wahrheit und Schönheit des katholischen Glaubens überzeugend dargelegt würde, dann käme das große Projekt der Neuevangelisierung voran." Oft seien dies Menschen, die erleben durften, dass die Lehre der Kirche nicht nur eine abstrakte Abhandlung sei, sondern ihnen persönlich wesentliche Impulse für ihr Leben mitgegeben habe." Sie – und ich gebe zu, ich auch – leiden darunter, dass diese Lebensrelevanz oft kaum noch wahrgenommen wird", unterstreicht der Oberhirte. Beide Formen der Kritik gelte es ernst zu nehmen. "Wenn wir genau hinschauen, können wir auch da, wo wir einzelne Positionen nicht teilen, gleichwohl im Kern berechtigte Anliegen erkennen."

Bischof Gerber zeigt sich in seinem Hirtenbrief überzeugt, dass die Kirche in Deutschland "bei allem, was von uns selbst an notwendiger Aufklärung, Aufarbeitung und Selbstkorrektur gefordert ist, vor einem entscheidenden Lern-Schritt" stehe. Es sei der Schritt heraus aus einer Wenn-Dann-Logik, die dem Grundsatz folge: "Wenn wir nur dies oder jenes tun würden, dann ...". Das sei der entscheidende Schritt hinein in die Erfahrung, die Jesus in jenen 40 Tagen in der Wüste gemacht habe. "Jesus spürt seine Kraft, und er spürt zugleich seine Grenzen. Im heutigen Evangelium heißt es, er lebt zwischen wilden Tieren und es sorgen Engel für ihn." Die Wüstenerfahrung Jesu sei es, sich dem anzuvertrauen, der ihm die Engel sende. Er lebe ganz aus der Beziehung zu seinem himmlischen Vater, den er in neuer Weise als "Gott für uns" den Menschen verkünde.


Von Gott geführt werden und loslassen

"Es sind in letzter Konsequenz nicht wir, die die ‚Kirche machen‘, sondern es ist der Herr, der uns führt. Nicht wir kennen das Ziel, sondern er", macht der Bischof deutlich. Man müsse damit rechnen, dass einen manches Etappenziel ähnlich verstört zurücklasse, wie es damals bei den Jüngern in der historischen Getsemani-Nacht der Fall gewesen sei. "Es ist möglich, dass der Herr uns in eine Gestalt von Kirche hineinführt, die uns auf den ersten und auch auf den zweiten Blick armselig vorkommen wird, eine Form, die jenseits dessen liegt, was wir gerne hätten. Und doch ist ihr das Wesentliche mitgegeben in der Spur, die sie vom Abendmahlsaal nach Ostern führen wird."

Die Kirche werde viel loslassen müssen in der kommenden Zeit, auch vieles, was noch vor wenigen Jahren als unaufgebbar schien. Die finanziellen und personellen Engpässe zeigten das deutlich an. "Widerstehen wir dem Impuls, festhalten zu wollen, sondern lassen wir zu, dass wir – im Bild gesprochen – hinausgeführt werden in die Wüste oder hineingeschubst sind in den Garten Getsemani", ruft Bischof Gerber auf. "Lassen wir das zu im Vertrauen, dass wir ihn, Jesus, genau dort finden: in der Wüste wie im nächtlichen Garten." Es sei ein wesentlicher Auftrag der Kirche der heutigen Zeit, Jesus zu finden in der eigenen Armseligkeit und in der Armseligkeit Anderer. Dies sei ein Vorgang, der mit dem Osterereignis zu tun habe, von dem her die Kirche auch heute ihre Erneuerung erhalte. "Denn geeint und ausgerichtet auf ihre Sendung wurde die Kirche von ihrem Ursprung her durch die Erfahrung von Ostern. Durch das Osterereignis bekam das, was die Frauen und Männer zuvor in der Nachfolge Jesu erlebt hatten, einen neuen Wert. Alles erscheint in einem ganz neuen Licht", so Gerber.
 
Ausrichtung aufs Osterereignis

"Das Osterereignis ist deshalb nicht einfach die Fortführung, Perfektionierung oder Optimierung des bisher Erlebten." Ostern sei Geschenk und Gnade jenseits alles Machbaren, unverdient, "Handeln Gottes an uns jenseits all dessen, was wir selbst tun können". Es füge Bruchstückhaftes und Unvollendetes neu zusammen, und so werde das, was die Jünger Jesu miteinander erlebt hätten, zur überzeugenden Botschaft für viele. Bischof Gerber gibt seinem Wunsch Ausdruck, "dass wir uns mit der begonnenen Fastenzeit nicht nur auf das kommende Osterfest am 4. April ausrichten, sondern auch auf das Osterereignis, aus dem sich unser Kirche-Sein als Kirche im Bistum Fulda erneuert". Diese Ausrichtung sei ein existenzieller Vorgang, der das Potential habe, das eigene Selbstverständnis als Getaufte und als Gemeinschaft der Getauften entscheidend zu verändern und zu prägen. "Wesentliche Impulse gingen in unserer Kirche oft von Frauen und Männern aus, die aus diesem Osterereignis und dem österlichen Glauben gelebt haben. Es sind Menschen, die sich mit ganzer Kraft hineingegeben haben in die Erneuerung der Kirche und die zugleich Zeugen der eigenen Armseligkeit wurden", schreibt Bischof Gerber und erinnert an den seligen Charles de Foucauld, dessen Wirken erst nach seinem Tod fruchtbar wurde und inspirierend für unzählige Berufungswege bis heute sei. (pm) +++


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