Jutta Hamberger kandidiert auf Listenplatz 9 für die Fuldaer Stadtverordnetenversammlung - Foto: Nicole Dietzel/Dinias

FULDA Auf Listenplatz 9 der Grünen

Jutta Hamberger: "Auf neue Wege kann man sich nicht oft genug begeben!"

26.02.21 - Bei der hessischen Kommunalwahl am 14. März treten allein in Fulda 850 Kandidat:innen an und werben um die Gunst der Wähler. Auf Programmatik und Parteipolitik kommt es dabei weniger an, gefragt sind engagierte und zupackende Persönlichkeiten. Die werden erfahrungsgemäß beim Kumulieren von ihren "Fans" mit bis zu drei Kreuzchen versehen und können dadurch in der Liste nach oben katapultiert werden - der Bekanntheitsgrad, Glaubwürdigkeit und Beliebtheit zahlen sich aus.

Eine von ihnen ist unsere Fachfrau für Literatur-Rezensionen Jutta Hamberger, die mit ihrer Kolumne "Was wir lesen, was wir schauen" regelmäßig bei O|N erscheint. Zum allerersten Mal steht sie als Kandidatin für die Fuldaer Stadtverordnetenversammlung auf dem Wahlzettel - und das auf Listenplatz 9 von Bündnis 90/Die Grünen. Wir wollten es ganz genau wissen.


O|N: Liebe Frau Hamberger, Sie sind eine "Spätberufene" in der Politik. Warum das politische Engagement, und warum jetzt?

Jutta Hamberger: "Die letzten Jahre standen für mich unter dem Begriff Neuanfang. Im Dezember 2016 gab es einen Cut: ich bin von München nach Fulda zurückgezogen, vor allem, um meine Eltern besser unterstützen zu können. Die beiden ersten Jahre brauchte ich auch in einer mir vertrauten Stadt zur Eingewöhnung. Danach war ich durch zwei schwere Operationen und den Tod meiner Mutter erst einmal lahmgelegt. Dann habe ich mich gefragt: Wie weiter? Meine Antwort an mich selber war: Mach neue Dinge, geh neue Wege."

O|N: Zum Beispiel in die Politik?

"Ja. Bei uns drehte sich bei jeder Mahlzeit alles um Politik. Das war die beste Politikschule, die man sich vorstellen kann – es war aber auch der Grund, warum ich mich zunächst nicht aktiv um Politik gekümmert habe. Jetzt habe ich genügend Abstand, und so wird nun aus dem politisch denkenden auch ein politisch handelnder Mensch."

O|N:  Warum zunächst das Nein zur Politik?

"Weil ich in die Innereien des politischen Betriebs schauen konnte. Ich kenne auch die Schattenseiten. Deshalb habe ich mir meinen Schritt gut überlegt."

O|N:  Der Name Hamberger bei den Grünen: das könnte in Fulda Erstaunen auslösen. Wie kam es dazu?

"Für mein politisches Engagement gab es nur zwei Optionen: grün oder schwarz. In beiden Parteien kenne und schätze ich viele der handelnden Personen, mit dem Programm beider Parteien identifiziere ich mich in sehr weiten Teilen. Meine Sozialisierung ist schwarz-grün. Beides wäre möglich gewesen. Nun ist die CDU aber durch das Wirken meines Vaters in gewisser Weise "besetzt", und ich bin zu den Grünen gegangen."

O|N: Würden Sie uns verraten, wie die Reaktion Ihres Vaters ausgefallen ist?

Alt-OB Wolfgang Hamberger bei der Demonstration gegen den rechtsextremen III. Weg ...Fotos (2): O|N-Archiv

... als Redner bei der Friday-for-Future-Demo im September 2019

"Wir haben über diesen Schritt ausführlich gesprochen. Er hat mir gesagt: "Ich freue mich, dass mein Wirken als Politiker bei Dir nie zu einer Abwendung, sondern jetzt zu einer Hinwendung zur Politik führt. Mir gefällt, dass Du Dich engagierst, dass Du es bei den Grünen tust, kann nicht verkehrt sein, da geht es um viele Zukunftsfragen. Und im Übrigen ist es normal, dass Töchter andere Wege gehen als ihre Väter." Mein Vater ist in seiner aktiven Zeit genauso wie in den Jahren danach immer grün-affin gewesen. "Keine Politik kann sich diesen Themen versagen", ist so ein Satz von ihm. Ihm war schnell klar, dass es gut ist, wenn eine Partei sich der Themen Natur und Umwelt annimmt, weil – ich zitiere ihn – "die CDU sich das längst auf die Fahne hätte schreiben müssen"."

O|N: Wissen Sie, was seine Parteifreunde dazu sagen?

"Corona verhindert, dass es aktuell viele Kontakte gibt. Es gab positive Reaktionen, sicher sehen andere das eher schwarz-weiß. Wenn ich nicht als Mensch überzeuge, hilft mein Name mir aber gar nichts. Man muss schon selber für etwas stehen, selbst überzeugen. Genau das habe ich vor."

O|N:  Was sind für Sie die zentralen Aspekte grüner Politik?

"Dreierlei:

(1) Bis heute sind die Grünen die einzige Partei, die Frauen und Männer paritätisch besetzt. Die einzige Partei!

(2) Die Grünen arbeiten politisch partizipativ. Grün klingt vielstimmig, weil unterschiedliche Sichtweisen einfließen. Wer Lust auf Nachdenklichkeit und Diskurs hat, ist hier gut aufgehoben.

(3) Die Grünen sind innovativ und haben Mut. Sie schrecken nicht davor zurück, Wähler auch mit unbequemen Wahrheiten zu konfrontieren. Deutschland im Frühjahr 2021 vermittelt politisch oft den Eindruck von Bräsigkeit und Ideenlosigkeit. Wir brauchen dringend Aufbruch und frischen Wind. Da kommen die Grünen genau richtig."

O|N:  Wie sehen Sie die Kommunalpolitik in Fulda?

Fotos (2): Walter M. Rammler

"Die CDU hat von 1946 bis 2021 mit zwei Ausnahmen mit absoluter Mehrheit regiert. Das ist eine lange Zeit. Sie hat in diesen Jahren sehr viel sehr gut gemacht, und hatte Oberbürgermeister, die – folgt man Dr. Heiler in seiner "Kleinen Stadtgeschichte Fuldas" – jeweils eine Ära prägten und den Weitblick und das Gespür dafür hatten, ihre Stadt strategisch weiterzuentwickeln. Davon zehrt Fulda bis heute. Aber: in 70 Jahren nutzt sich viel ab, und reißt viel ein. Heißt für mich: Time for Change. Fulda täte es gut, wenn auch andere Ideen und Perspektiven die Stadtpolitik mitbestimmen."

O|N:  Welche Themen sehen Sie da besonders?

"Grüne! In anderen Städten gibt es längst innovative Ideen für eine grüne Verkehrswende. Es kann nicht sein, dass wir weiterhin dem Auto den Verkehrsprimat einräumen. Es kann nicht sein, dass wir uns darüber freuen sollen, Parkuhren jetzt per Handy zu bezahlen oder dass die Friedrichsstraße weiter vor allem als Durchgangsstraße genutzt wird. Es kann nicht sein, dass ein so geniales Konzept wie der Transity nicht längst wiederbelebt und weiterentwickelt worden ist. Es kann nicht sein, dass Radwege im Nirwana enden oder der ÖPNV gerade abends und am Wochenende nicht mehr funktioniert.

Es gibt so unglaublich begeisternde Beispiele, wie man eine Stadt ergrünen lassen kann – zum Wohle aller Menschen, die in ihr leben. Und weil dieser Einwand ja gebetsmühlenartig immer kommt: Doch ja, das ist auch ökonomisch sinnvoll. Lesen Sie einmal nach, welche Argumente seinerzeit gegen die Einführung der Fuldaer Fußgängerzone vorgebracht wurden. Alles hinfällig, wie die Geschichte der drittgrößten Fußgängerzone Hessens zeigt."

O|N:  Was werden Ihre Themen sein?

"Das entscheiden wir als Grüne gemeinsam, ich kann Ihnen aber sagen, was mich reizt. Die Verkehrswende habe ich bereits genannt. Und dann – die Reihenfolge ist aber keine Wertung:

(1) Medien und Kultur. Fulda hat schon viel zu bieten, aber das soll erweitert werden. Kultur ist das zentrale Narrativ unserer Gesellschaft. Kultur ist kein Luxus. Wir brauchen mehr und vielfältigere Kultur für alle Fuldaer:innen.

(2) Hochschulstadt Fulda. Die räumliche und inhaltliche Weiterentwicklung der Hochschule (mehr Raum für Forschung und Lehre, neue Studiengänge, innovative Kooperationen) sicherzustellen, ist ein in meinen Augen zentraler strategischer Zukunftsaspekt für die Stadt.

(3) Frauenthemen. Ich möchte, dass Frauen sichtbar werden, in allen Bereichen des politischen Lebens in Fulda. Ich möchte, dass Frauen ihre Perspektiven und Wünsche besser einbringen können.

(4) Digitalisierung. Wir haben alle ein Jahr hinter uns, in dem wir erleben konnten, wie weit der Weg da noch ist. Teilweise haben sich erschütternde Defizite aufgetan.

Jutta Hamberger kandidiert auf Listenplatz 9 für die Fuldaer Stadtverordnetenversammlung ...

(5) Sternenstadt. Es ist wunderbar, dass Fulda diesen Titel errungen hat. Jetzt geht es darum, dies in eine praktikable und verständliche Lichtsatzung für Bürger:innen und Geschäftsleute umzusetzen.

(6) Partnerstädte. Ich bin Fuldaerin, Deutsche, Europäerin, Weltbürgerin. Unsere Partnerstädte stehen für das europäische Motto "in Vielfalt geeint" und liegen mir deshalb besonders am Herzen."

O|N: Welche "Farben" bringt Jutta Hamberger in die Grüne Partei ein?

"Die Grünen leben die Diversität der Gesellschaft auch politisch. Wir haben Mitglieder mit sehr unterschiedlichen Herkunftsländern, Berufswegen und Schwerpunkten. Wir haben junge Mitglieder voller Idealismus und ältere, die diesen Idealismus mit Lebensklugheit und Erfahrung anreichern. Wir haben Mitglieder mit einer eher linken und solche mit einer eher konservativen Sozialisierung. Das trägt dazu bei, für anderen Sichten und Einsichten offen zu sein.

In der Fuldaer Kommunalpolitik herrschte meist ein angenehmer Umgangston zwischen den Fraktionen. Ich möchte dazu beitragen, dass das so bleibt, und ich möchte gute Ideen parteiübergreifend verfolgen. Denn Offenheit, Neugier, Empathie und Engagement sind die besten Voraussetzungen für gute Politik."

Wir danken für das Gespräch und Ihre Offenheit. (Carla Ihle-Becker) +++


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