„Hatschi!“: Allergiker haben es jetzt besonders schwer. - Foto: Adobe Stock / Aleksej

FULDA HNO-Ärztin klärt auf!

Alptraum für Allergiker: Was Sie über Heuschnupfen wissen müssen

Zur PersonDr. med. Evelyn Bryson hat ihr Studium der Humanmedizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen absolviert. Sie hat ihre Tätigkeit im Klinikum Fulda im Jahr 1990 aufgenommen und ist seit 2005 als Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren Heilkunde im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Osthessen am Klinikum Fulda tätig. +++

29.04.21 - Wenn im Frühling zum ersten Mal die Sonne scheint, treibt es viele Menschen vor die Tür. Kaum etwas ist schöner, als der frische Duft dieser Jahreszeit. Für viele Menschen ist der Zeitraum zum Durchatmen jedoch nur sehr kurz. Sie leiden unter Heuschnupfen. In Deutschland sind rund 15 Prozent der Menschen vom allergischen Schnupfen gegen mindestens eine Pollenart betroffen.

Die Pollenallergie ist damit die mit Abstand häufigste Allergie. In den meisten Fällen werden die Symptome um das zwanzigste Lebensjahr als Heuschnupfen erkannt. "Oftmals sind aber schon Kinder betroffen", erklärt Dr. med. Evelyn Bryson, HNO-Ärztin vom MVZ-Osthessen am Klinikum Fulda. Bei Kindern werde eine verstopfte Nase aber meist nicht mit einer Allergie in Verbindung gebracht. Zunächst denken die Eltern oftmals, dass das Kind erkältet sei. Beim Heuschnupfen handelt es sich um einen allergischen Schnupfen. Dieser ist saisonabhängig. Er wird durch Pollen von Bäumen, Sträuchern und Gräsern ausgelöst.

Dr. med. Evelyn Bryson, HNO-Ärztin vom MVZ-Osthessen am Klinikum Fulda. ...Foto: Klinikum Fulda

Die Betroffenen haben einen ständigen Niesreiz. Die Augen sind gerötet, geschwollen und tränen und die Nase ist verstopft und läuft. Das Durchatmen fällt schwer und Hustenreiz und allergisches Asthma können hinzukommen. "Die meisten Patientinnen und Patienten, die in unser MVZ kommen, vermuten schon eine Allergie", bemerkt Bryson. Die typische Erkältung bei einem Virusinfekt dauert rund drei bis fünf Tage. "Pollen machen saisonabhängig und langfristig Probleme, sind aber nicht nur Pollen, sondern auch Pilzsporen der Übeltäter. Wichtig ist auch, dass die Probleme nicht unbedingt erst im Frühling beginnen müssen. In einem warmen Dezember kann die Hasel schon blühen und den Menschen die verstopfte Nase bescheren. Kaum ein Patient denkt dann daran, dass schon Pollen unterwegs sein könnten."

Was ist eine Allergie?

Eine allergische Reaktion ist eine Über- und Fehlreaktion des Immunsystems. Das Immunsystem kommt mit einer eigentlich harmlosen Substanz, die dann zum "Allergen" wird, in Kontakt. Es bildet Antikörper gegen das Allergen. Kommt es nun zu einem erneuten Kontakt, schütten Zellen Botenstoffe wie zum Beispiel Histamin aus. Diese Stoffe lösen dann unter anderem den Niesreiz und das Augenjucken aus. Ein erhöhtes Risiko für Allergien haben Menschen, in deren Familie viele Allergiker sind, sowie Raucher und Menschen, die an Orten mit hoher Luftverschmutzung leben. Haben beide Elternteile zum Beispiel die gleiche Allergie, hat das Kind ein 60- bis 80-prozentiges Risiko, ebenfalls von der Allergie betroffen zu sein. Haben die Eltern unterschiedliche Allergien, beträgt das Risiko für das Kind noch immer 50 bis 60 Prozent. Treten keine Allergien in der Familie auf, ist die Wahrscheinlichkeit, an einer Allergie zu erkranken, bei null bis 15 Prozent. Kleine Kinder haben häufig eine verstopfte Nase und akzeptieren diese oft. Somit werden die Kinder seltener dem Arzt vorgestellt. Kinder von Allergikern werden von den Eltern eher zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gebracht, da die Eltern die Symptome schneller einer Allergie zuordnen.

Abgrenzung zur Hausstauballergie

Das Frühlingswetter bringt mit sich, dass die Natur geradezu explodiert. ...Archivfotos (3): O|N / Stefanie Harth

Pollenallergien treten saisonal auf. Die Hasel blüht zum Beispiel von Mitte Januar bis März, die Erle folgt circa zwei Wochen später. Birkenallergiker bekommen in den letzten Tagen des März die ersten Symptome. Gräser und Getreide fliegen von Anfang Mai bis weit in den Juli. Im Sommer blühen viele Kräuter und im August Ambrosia, mit dem laut Bryson die Menschen in Fulda weniger Probleme haben, da die Pflanze hier weniger wächst. Manche Pilze senden ihre Sporen ebenfalls im August aus und die Brennnessel blüht sogar bis in den November hinein. Die Beschwerden treten hauptsächlich draußen auf.

Die Hausstauballergie wird durch die Hausstaubmilbe verursacht und tritt nur im Haus oder der Wohnung auf. "Typisch in der Anamnese sind Beschwerden am Abend, im Bett oder am Morgen nach dem Aufstehen. Auch sind die Symptome eher ganzjährig, wobei die schlimmsten Beschwerden von Oktober bis April anzutreffen sind", erklärt die Ärztin. Dies sei auf das Verhalten der Menschen in der kalten Jahreszeit zurückzuführen. Man heize mehr, lüfte weniger und befinde sich generell mehr in der Wohnung. Generell sollte man feucht Staub wischen und regelmäßig lüften. Vor allem im Schlafzimmer empfiehlt sich eine niedrige Luftfeuchtigkeit und eine Temperatur unter 18 Grad. Die Bettwäsche sollte einmal in der Woche gewechselt werden und bei 60 bis 90 Grad gewaschen werden. Ein weiterer Tipp ist es laut Dr. Bryson, die Bettdecken und Kopfkissen ab und zu für ein paar Stunden in den Gefrierschrank zu packen, denn Kälte tötet die Milben ab. Spezielle Überzüge, sogenannte Encasings, verschaffen Allergikern Linderung. "Gerade im Schlafzimmer liegt oftmals Wäsche auf einem Stuhl, die man ja nochmal anziehen kann", bemerkt die Ärztin mit einem Augenzwinkern. "Aber Unordnung und offene Schränke bieten der Milbe einen optimalen Lebensraum." Ein gutes Hilfsmittel stellen zudem pflanzliche Sprays, wie zum Beispiel Milbopax, dar. Die Milben ernähren sich von den Hautschüppchen des Menschen und das Mittel macht diese ungenießbar.

Tipps für Allergiker

In Deutschland sind rund 15 Prozent der Menschen vom allergischen Schnupfen gegen ...

Als wichtigste Regel sieht Dr. Bryson die Allergenvermeidung an. Die ist bei einer Pollenallergie natürlich extrem schwierig. Jedoch kann man mit einigen Tipps und Tricks die Pollenanzahl, die einen umgibt, deutlich reduzieren. Zunächst sollten Allergiker die Kleidung bereits im Hausflur ablegen und somit ein Verschleppen der Pollen in die Wohnung vermeiden. Nachdem man nach längerem Aufenthalt im Freien zuhause angekommen ist, sollte man duschen und sich die Haare waschen, um somit die am Körper haftenden Pollen abzuspülen. Zudem sollte zur Trocknung der Wäsche lieber der Trockner oder der Wäscheständer in der Wohnung, als die Wäscheleine im heimischen Garten genutzt werden. Bei akuten Beschwerden kann man die Augen mit Kochsalztropfen und die Nase und den Rachen mit einer Nasendusche reinigen.

Sportler sollten die frühen Morgenstunden oder den späten Abend für Sport im Freien nutzen. Laut Dr. Bryson ist die Pollenbelastung in der Stadt morgens und am Land abends am geringsten. Hier hilft gründliches Händewaschen. Zuhause sollte man den Boden und die Oberflächen feucht wischen. Das Lüften sollte ebenfalls in den frühen Morgenstunden oder am Abend erfolgen. Spezielle Pollenfilter für den Staubsauger können sinnvoll sein. Auch die Klimaanlagen moderner Pkw haben Filter. Bei diesen sollte man unbedingt die Wartungsintervalle einhalten. Pollenschutzgitter sind eine weitere Möglichkeit, die sind

allerdings relativ teuer und müssen letztlich an allen Fenstern angebracht werden. Kommerzielle Raumluftfilter sind oftmals ebenfalls teuer. Auch hier müssten Geräte für alle Wohn- bzw. Schlafräume angeschafft werden.
 

Was sind medikamentöse Therapiemöglichkeiten für Allergiker?

Die Pollenallergie ist damit die mit Abstand häufigste Allergie.

Bei der medikamentösen Therapie von Pollenallergikern nutzt man ein Stufenkonzept, um den Betroffenen zu helfen. "Präventiv, also bevor die Allergie-Saison anfängt, können Patienten sogenannte Cromoglicin-haltige Tropfen in den Augen und in der Nase einsetzen. Diese stabilisieren die Mastzellen. Das sind die Zellen, die im Falle einer allergischen Reaktion den Botenstoff Histamin ausschütten, der für die typischen Symptome verantwortlich ist", stellt Bryson fest. In einem weiteren Schritt kommen antiallergische/Antihistamin-haltige Augen- und Nasentropfen zum Einsatz, die auch wirken, wenn die Allergie ausgebrochen ist. Außerdem können Cortisonsprays für die Nase angewendet werden. Diese lindern auch zusätzlich die Symptome der Augen, können jedoch bei langer Anwendung zum Austrocknen der Nasenschleimhaut führen. Rein abschwellende Nasensprays, also Schnupfensprays, sieht Bryson skeptisch. "Die Wirkung ist nur kurzfristig und die Sprays machen schnell abhängig. Cortison-Depot Spritzen werden auch von einigen Patienten gewünscht. Die machen zwar für zwei bis drei Monate beschwerdefrei, können jedoch auch mit schweren Nebenwirkungen wie Osteoporose oder Problemen mit der Nebennierenrinde einhergehen."

Helfen Tropfen und Sprays nicht weiter, kann man Antihistaminika als Saft oder Tablette einnehmen. Gängige Präparate sind hier laut Dr. Bryson z.B. Cetirizin und Loratidin. "Die Nebenwirkungen bei der Einnahme, wie zum Beispiel die Müdigkeit, sind hier sehr individuell und von Fall zu Fall verschieden. Hier hilft nur eins: ausprobieren." Patienten, die mit Müdigkeit durch die Präparate zu kämpfen haben, empfiehlt die Ärztin, die Medikamente am Abend einzunehmen, da sie 24 Stunden wirken. Fälle von Allergischem Asthma stellt die HNO-Spezialistin zusätzlich beim Lungenfacharzt vor.

Wann lohnt sich die spezifische Immuntherapie?

Das Klinikum Fulda. Archivfoto: O|N / Hendrik Urbin

"Die Therapie ist seit vielen Jahren der Standard, einfach weil sie sehr gut funktioniert; vorausgesetzt, man wendet sie konsequent an." Bevor die Pollensaison beginnt, spritzt man in aufsteigender Dosis/Menge das Allergen unter die Haut. Über vier bis zwölf Wochen wird die Dosis langsam gesteigert. Diese Therapie muss mindestens über drei Jahre - eventuell auch länger - erfolgen. Konsequent angewendet, sind hervorragende Ergebnisse mit hoher Zufriedenheit bei den Patienten erreichbar. Bei ganzjährigen Allergenen, wie Tierhaaren oder Hausstaub, wird eine wöchentliche "Aufdosierung" für vier bis sieben Wochen durchgeführt. Diese wird dann im Abstand von vier bis sechs Wochen fortgesetzt. Diese Immunisierung wird wieder für mindestens drei Jahre fortgesetzt. "Die Therapie ist mit 400 bis 800 Euro relativ teuer, wird aber von der Krankenkasse getragen. Ein vorzeitiger Therapieabbruch oder verpasste Termine machen die Therapie nutzlos", sagt die Ärztin. Mit der Desensibilisierung lindert man nicht nur die Symptome der Allergiker, sondern verhindert auch den gefährlichen "Etagenwechsel", also das Ausbreiten der Allergie auf die Bronchien und die Lunge und damit den Beginn eines allergischen Asthmas. Einziger Nachteil für Patienten ist, dass man die Therapie nicht während einer Schwangerschaft fortsetzen sollte. Die spezifische Immuntherapie kann auch über Einnahme von dem Allergen in Tropfen- oder Tablettenform erfolgen, die dann allerdings täglich erfolgen muss.

Kreuzallergien

Allergiker, die auf Pollen reagieren, können auch auf bestimmte Lebensmittel allergisch reagieren. Dies nennt man "Kreuzallergie". "Menschen, die auf Birke, Erle oder Hasel reagieren, können auch auf z.B. Kartoffeln, Paprika, Tomate oder Äpfel reagieren. Glücklicherweise sind nahezu alle Kreuzallergene säure- und hitzelabil", beruhigt Bryson. "Kocht oder backt man die Lebensmittel, hat man keine Probleme mehr. Der frische Apfel macht zum Beispiel ein Kribbeln im Mund, den Apfelkuchen oder das Kompott kann man sich jedoch ohne Probleme schmecken lassen." Generell gilt, dass traditionelle Sorten und alte Züchtungen besser verträglich sind. Hier sollte der Patient ausprobieren, was vertragen wird. Bei der Kreuzallergie kann die spezifische Immuntherapie zu einer deutlichen Reduktion der allergischen Reaktion führen.

Abschließend stellt Dr. Bryson fest, dass man Allergikern mit einer individuellen Therapie gut helfen kann. Zum Arzt zu gehen, sei dabei jedoch immer der entscheidende Schritt, den der Patient selbst machen muss. (Adrian Böhm) +++


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