Ein bewegender Vortrag von Dr. Martin Doerry (rechts im Bild). - Fotos: Walter M. Rammler

FULDA Bewegender Vortrag im Online-Format

"Das Leben der Lilli Jahn": Einblick in das Schicksal einer jüdischen Familie

10.06.21 - Es war ein emotional aufrüttelnder Vortrag: Am Mittwochabend fand eine Veranstaltung in digitaler Form statt, organisiert von der Stadt Fulda und dem Fuldaer Geschichtsverein im Rahmen der Reihe: "Unbekannte Nachbarn. Gespräche zum jüdischen Fulda." Dr. Martin Doerry - Publizist und Buchautor - berichtete vom Leben seiner Großmutter. Er gewährte Einblicke in die Passagen seines Buches "Mein verwundetes Herz - das Leben der Lilli Jahn 1900-1944". 

Publizist und Autor Dr. Martin Doerry stellte ausgewählte Passagen des Buches vor. ...

Der Vortrag wurde online übertragen. Screenshot: Stadt Fulda/Fuldaer Geschichtsverein

Ex-OB Gerhard Möller war ebenfalls vor Ort.

Aus dem ehemaligen Wohnhaus des Bezirksrabinners Dr. Cahn in Fulda schilderte Doerry das dramatische Schicksal seiner deutsch-jüdischen Familie im Dritten Reich. Seine jüdische Großmutter, Ärztin Lilli Jahn (geb. Schlüchterer), heiratete den protestantischen Arzt Ernst Jahn. Sie lebten mit den fünf Kindern in Immenhausen bei Kassel, bis ihr Leben nach und nach vom Nationalsozialismus erschüttert wurde. Ernst Jahn verliebte sich in eine andere Frau, es folgte die Scheidung und später der Umzug nach Kassel. Lilli Jahn wurde in der darauffolgenden Zeit mehrfach mit der Gestapo konfrontiert. 

Arbeitserziehungslager: Intensive Briefkorrespondenz mit Familie

1943 wurde Lilli Jahn in das Arbeitserziehungslager Breitenau geschickt. Es folgte eine intensive Briefkorrespondenz mit den Kindern. "Sie hat heimlich viel mehr Briefe geschrieben als eigentlich erlaubt waren. Dabei ist sie ein großes Risiko für die Familie eingegangen", erklärte Doerry. Die Haftbedingungen vor Ort seien alles andere als erträglich gewesen. "Die Ungewissheit, das Eingesperrtsein, die mangelhafte Ernährung - all das belasteten die Häftlinge. Immer mit der großen Frage im Raum, wann endlich die Entlassung naht."

Lilli Jahn zu den Kindern: "Meine größte Freude, sind eure Briefe"

Die Sehnsucht nach der Familie sei groß gewesen, wie Lilli Jahn in einem Brief schreibt: "Ich bin nun 14 Tage fort. Ich bin froh, über jeden Tag, der vorbei ist. Ich habe Sehnsucht nach euch und Heimweh. Macht euch aber keine Sorgen." Ihr Appell: Ein regelmäßiger Briefaustausch. Denn es stellte sich für die fünffache Mutter heraus: "Meine größte Freude, sind eure Briefe." Schließlich kam Lilli Jahn im Frühjahr 1944 in das Konzentrationslager nach Auschwitz. "Unter furchtbaren Bedingungen mussten die Häftlinge dort arbeiten. Eine Million Menschen wurden dort getötet", konstatierte Doerry. Im Oktober 1944 erhielten die Kinder dann die traurige Nachricht: Ihre Mutter sei im Juli 1944 verstorben. Das Erstaunliche: Noch vor der Deportation nach Auschwitz gelang es Lilli Jahn, die ganzen Briefe heimlich einer Wärterin anzuvertrauen, die sie letztlich den Kindern übergeben konnte. "Sie hat wahrscheinlich gewusst, dass sie das Ganze nicht aufheben konnte und wie wertvoll die Briefe sind", so der 65-Jährige.  

Persönliche Einzelfallgeschichte

Ingeborg Kropp-Arend (mitte) stellte zu Beginn den Autor vor.

Nach dem Krieg gerieten die Briefe zunächst in Vergessenheit, bis der ehemalige Bundesjustizminister im Kabinett Willi Brandts und gleichzeitig Sohn von Lilli Jahn - Gerhard Jahn - im Jahr 1998 starb. Erst da fand die Familie die Dokumente in seinem Nachlass. Es folgten intensive Gespräche unter den Familienmitgliedern, Doerry stellte eine Auswahl der Briefe in einem Buch zusammen. Die Veröffentlichung im Jahr 2002 sorgte für ein "starkes Echo". "Bis heute wird über das Werk gesprochen. Es sind private Zeugnisse. Keiner der Briefe wurde in dem Bewusstsein geschrieben, später veröffentlicht zu werden. Es sind besonders die Einzelfälle, die den Holocaust und seine Umstände, am besten näherbringen können", lautete das Conclusio des Historikers. Die Geschichte zeige den Menschen, was passiert, wenn Intoleranz und Wegschauen sich in der Gesellschaft durchsetzen. (mkr) +++


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