Dr. Malte Kollert steht seit mittlerweile eineinhalb Jahren an der vordersten Corona-Front - Fotos: Miriam Rommel

HÜNFELD "Man darf als Arzt nicht ängstlich sein"

Eineinhalb Jahre Corona-Pandemie: Dr. Malte Kollert zieht Bilanz

27.07.21 - Nach rund eineinhalb Jahren Pandemie ziehen viele Menschen Bilanz: Als Corona im März 2020 Deutschland erreichte, wusste niemand, wie es weitergeht. Monatelange Lockdowns folgten und damit auch massive Einschränkungen im privaten, wie auch beruflichen Bereich. OSTHESSEN|NEWS hat mit einem, der permanent "an der Front" stand, gesprochen.

Die Hals-Nasen-Ohren-Praxis Dr. Kollert und Dr. Liebetrau in Hünfeld versorgt seit etlichen Jahren zahlreiche Patienten aus dem gesamten Umland. Abstand zu halten war hier von Tag 1 der Pandemie nicht möglich. Schließlich müssen die Kranken untersucht werden – und dafür, natürlich, auch die Maske abziehen.

"Trotz des persönlichen Risikos haben wir immer alles dafür getan, die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten."

Zur Untersuchung müssen die Patienten die Maske abnehmen Symbolbild: Pixabay

Davor, sich bei einem Patienten möglicherweise anzustecken, hatte Dr. Kollert nie Angst, erklärt er im O|N-Gespräch. "Als Arzt, insbesondere als HNO, hat man mit so vielem infektiösen Material, ob es Schleim oder Blut ist, zu tun. Man weiß nie, ob der Patient, der gerade vor einem sitzt, nicht vielleicht HIV oder Hepatitis C hat." Mit dem Corona-Virus verhalte es sich nicht anders. "Wenn man zu viel Angst um sich selbst hat, kann man – denke ich zumindest – diese Tätigkeit gar nicht ausüben, denn das ist einfach etwas, dass der Arztberuf mit sich bringt." Natürlich sei er so vorsichtig, wie es nur ginge. "Ich kann mich aber eben auch nicht einfach zurückziehen und niemanden mehr behandeln, der Hilfe benötigt."

"Gerade zu Beginn eine harte Zeit"

Dr. Kollert wünscht sich eine sachliche Aufklärung über die Impfung Symbolbild: Pixabay

Direkt neben dem Hünfelder Krankenhaus liegt die HNO-Praxis Dr. Liebetrau und Dr. ...

Die Pandemie sei für alle, die in der Praxis arbeiteten, gerade zu Beginn anstrengend gewesen. "Wir mussten unser ganzes Konzept anpassen und hatten damit zu kämpfen, dass die Krankenhäuser nur noch Notfallpatienten aufgenommen haben. Eine für uns schwierige Zeit, da der Zugang zu den Kliniken für unsere Patienten stark eingeschränkt war."  Am Anfang der Virus-Krise sei außerdem die Verunsicherung der Menschen groß gewesen. "Nur raus gehen, wenn unbedingt erforderlich, Mund-und-Nasen-Schutz-tragen, Abstand halten – dadurch sind bei uns die Patientenzahlen spürbar gesunken." Jetzt, eineinhalb Jahre später, habe sich alles ein wenig normalisiert, nicht zuletzt deswegen, weil rund die Hälfte der Menschen geimpft wäre.

Die Arztpraxis, die sowieso grundsätzlich auch Reise- oder Grippeschutzimpfungen anbietet, impft nun auch gegen Corona. "Zu 90 Prozent haben wir bisher Biontech verspritzt, 10 Prozent fallen auf Johnson und Johnson. Die Impfbereitschaft sei bei der Einführung des Angebotes zwar größer gewesen, dennoch ließen sich nach wie vor viele Patienten immunisieren. Dr. Kollert ist, genau wie sein Kollege Dr. Liebetrau, bereits seit längerem geschützt. "Wir haben uns alleine schon wegen der Arbeit impfen lassen."

Sich impfen lassen oder nicht

"Ich finde es sehr schade – es war letzten Sommer so und scheint auch in diesem wieder zu sein –dass die Politik die Zeit zum Durchschnaufen nimmt. Das Virus geht in den warmen Monaten offenbar ein Stück weit von alleine zurück, man hält sich außerdem viel im Freien auf. Es wäre gut, die Impfkampagne ein wenig zu pushen, weil man doch merkt, dass die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, nun langsam sinkt." Eine vierte Welle im Herbst, glaubt er, sei bei derart nachlässigem Vorgehen wahrscheinlich.

Dr. Kollert würde dabei am liebsten eine sachliche Berichterstattung sehen, keine Übertreibungen. "Aufklärung sollte auf Tatsachen beruhen und ganz ohne Vorwürfe auskommen. Ich glaube, dass das bei den Leuten besser ankommt, niemand will sich manipuliert fühlen. Im Endeffekt muss sich schließlich jeder selbst entscheiden."

Auch bei jungen Patienten, erklärt er, seien schwere Krankheitsverläufe nicht ausgeschlossen. Dazu kämen die durchaus häufigeren Langzeitfolgen. "Ich habe fünf oder sechs junge Patienten, die einen leichten Krankheitsverlauf hatten, jetzt aber noch immer mit Spätfolgen kämpfen. Sie riechen und schmecken nichts, obwohl die Infektion bei manchen schon ein Jahr her ist." Wahrscheinlich sei, so der Facharzt, dass das dauerhaft so bleiben würde.

"Das ist schon hart und ein echter Einschnitt in die Lebensqualität. Wenn man zum Beispiel niemals mehr ein Stück Schokolade oder einen Wein schmecken kann." Jeder, insbesondere auch die Jüngeren, meint er, sollte sich Gedanken darüber machen, ob man das möglicherweise in Kauf nehmen möchten.

"Freiheit ist ein großes Gut – man sollte auf die schweren Verläufe schauen, nicht auf bloße Zahlen"

Dr. Kollert hofft, dass die Politik nun neue Wege geht. "Natürlich muss auch auf die Inzidenzen geschaut werden, ausschlaggebend sollten allerdings andere Zahlen sein." Beispielsweise nennt er die Krankenhausbelegung. "Wie viele Leute liegen in den Kliniken, wie viele sind schwer erkrankt. Ist der Patient geimpft, hat er sich mit einer Variante infiziert und muss der Impfstoff angepasst werden?" Seines Erachtens wäre es der richtige Schritt, nicht mehr derart auf die Inzidenzen zu starren. "Corona wird, wie auch die Grippe, bleiben. Aber dagegen impfen wir ja auch." (Miriam Rommel) +++


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