Ein besonderes Konzert für die im Juli verstorbene Esther Bejarano. - Fotos (4): Veranstalter

FULDA Im Museumshof

Konzert für Esther Bejarano: Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht

02.09.21 - Ein Konzert mit Esther Bejarano am 1. September, dem Tag, an dem Deutschland vor 82 Jahren Polen überfiel und der Zweite Weltkrieg begann, dem Tag, den wir heute als Antikriegs-Tag begehen. Die Frage, was tun mit dem Konzerttermin nach dem Tod Bejaranos am 10. Juli, war nicht ganz einfach zu lösen. Die Veranstalter entschieden sich für ein Gedenkkonzert.

Viel Musik – und viele Appelle

Die Veranstaltung fand im Museumshof statt.

Das war eine zugleich ehrenwerte und interessante Idee – und, ich nehme es vorweg, es funktionierte in weiten Teilen sehr gut. Der Abend gliederte sich in vier sehr unterschiedliche Teile: Gypsy Jazz mit den Ladscho Swings, eine Lesung aus den Erinnerungen Bejaranos, vorgetragen von ihrem Sohn Yoram, Rap mit der Microphone Mafia und Kutlu Yurtseven, und zum Schluss Folk mit Wild im Wald.  

Esther Bejarano. Screenshots: © Hamburg Journal

Weil die Veranstalter wohl dachten, Musik allein reiche bei einer Gedenkveranstaltung nicht aus, gab es noch Auftritte mit Appellen gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus. Mit dabei waren Andreas Goerke ("Fulda stellt sich quer") und das Fuldaer Jugendforum deluxe. Die Jugendlichen trugen Esther Bejaranos "Appell an die Jugend" vor und moderierten den Abend. Mein Eindruck war, weniger wäre hier deutlich mehr gewesen, und man hätte auf Esther Bejarano vertrauen können. Denn die Kraft ihrer Persönlichkeit und Musik ist so überwältigend, ihre Botschaft so glasklar, dass ihr Anliegen nicht derart appellativ hätte vorgetragen werden müssen. Wir im Museumshof haben auch so verstanden.

Ob meine Vorstellung von der auf einer Wolke über dem Museumshof sitzenden und wohlwollend auf uns schauenden Esther so ganz konform mit dem jüdischen Glauben ist? Sicher bin ich mir, sie hätte heute ihre Freude gehabt. Lachen, Tanzen und Singen – das war für sie das Wichtigste, Musik war ihr Schlüssel zu den Menschen. Und sie wäre erfreut gewesen über das Engagement junger Menschen, sich wie sie selbst gegen Faschismus einzusetzen.

Gypsy Jazz à la Django Reinhardt

Den Auftakt machten die Ladscho Swings mit Gypsy Jazz – kurz schoss mir durch den Kopf, ob die Sprachpolizei dieses Wort eigentlich noch durchgehen lässt? Ganz und gar egal, denn was die vier Musiker vortrugen, begeisterte alle im Museumshof. Gypsy Jazz wurde von dem genialen Django Reinhardt zusammen mit dem Geiger Stéphane Grappelli im Paris der 1930er Jahre entwickelt. Beim Hören wurde man sofort dorthin versetzt. Das ist eine Musik, die immer haarscharf auf der Kante zwischen Fröhlichkeit und Traurigkeit balanciert, eine Musik, bei der man sich des plötzlichen Absturzes immer bewusst ist. Beispiele dafür waren die grandios gespielten "All of me", "Je suis seul ce soir" und "Tico-Tico" – und was für Riffs Silvio Munk und Mike Jehn (Gitarren) drauf hatten! Martin Welter ließ die Geige abwechselnd schluchzen und jubilieren, Stefan Jäger (Kontrabass) war der ruhende Pol des Ensembles. Einfach nur Wow! Nur ungern ließ das Publikum die Musiker von der Bühne.

Aus Fulda geht eine Stimme in die Welt

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld begrüßte dann Künstler und Zuschauer und gestand, ein Zitat Esther Bejaranos hätte ihn besonders berührt: "Ihr tragt keine Schuld an dem, was passiert ist. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt." Wie schön, dass genau dieses Zitat die Bühne schmückte! Wehmütig erzählte er, dass der geplante Eintrag ins Goldene Buch der Stadt nun leider nicht mehr möglich gewesen sei. Aber die Erinnerung an Esther Bejarano sei und bleibe in Fulda lebendig.

Esther Bejarano als junges Mädchen. Etwa in diesem Alter wurde sie deportiert. ...

Das Mädchenorchester von Auschwitz. Zeichnung von Mieczyslaw Koscielniak. ...

Esther und ihr Sohn Yoram Bejarano gemeinsam im Konzert.

Viele im Publikum dürften mit Bejaranos Leben halbwegs vertraut gewesen sein, die vorgetragene biographische Zusammenfassung war aber eine gute Hinführung zu Yoram Bejaranos Lesung aus den "Erinnerungen" seiner Mutter. Was für ein Leben! Begonnen hatte es gutbürgerlich in einer Kantorsfamilie in Saarlouis, der Vater – ein deutscher Patriot – hielt Hitler für eine vorübergehende Erscheinung. Die zunehmende Entrechtung der Juden in Deutschland führte dazu, dass zwei der Kinder ins Ausland geschickt wurden, er selbst und seine Frau gingen nach Breslau. Von dort wurden sie mit 1.000 Breslauer Juden im November 1941 nach Kowno deportiert und im nahegelegenen Fort IX erschossen. Ein Schicksal, von dem Esther erst nach Kriegsende erfuhr.

Ein Orchester am düstersten Ort der Welt

Esther selbst wurde 1943 nach Auschwitz deportiert. Und überlebte, weil sie "Bel Ami" auf dem Akkordeon spielen konnte. "Das Lied hat mir das Leben gerettet", sinnierte sie später einmal. Dass es in Auschwitz ein Mädchenorchester gegeben hatte, erfuhr ich durch den Film "Spiel um Zeit" mit Vanessa Redgrave in der Hauptrolle. Der kam 1980 in die Kinos, zwei Jahre nach der TV-Serie "Holocaust". Der Film und die Serie haben mich damals in einer Art und Weise aufgerüttelt und erschreckt, wie es viele Stunden Geschichtsunterricht nicht vermocht hatten. Aus Worten und Fakten formten sich Gesichter und Geschichten – Schicksale von Menschen. Seither hat mich dieser Teil der deutschen Geschichte nicht mehr losgelassen, seither habe ich unzählige Bücher darüber gelesen und mich intensiv mit dieser Zeit auseinandergesetzt.

Für Esther Bejarano, die ins Land der Täter zurückkam, und es diesen nie wieder überlassen wollte, empfand ich immer nur allergrößte Hochachtung. Sie wird uns fehlen, diese Zeitzeugin, die im Sinne eines "nie wieder!" die Erinnerung an die dunkelste Zeit Deutschlands wachhielt.

Wenn die Mafia rappt

Nach so viel Besinnlichkeit ging dann mit der Microphone Mafia die Post ab. Kutlu Yurtseven entpuppte sich an diesem Abend nicht nur als wunderbarer Musiker, sondern auch als gewitzter Erzähler und Entertainer. 12 Jahre und 900 gemeinsam gespielte Konzerte verbinden ihn mit Esther Bejarano, die ihn, wie er mit großem Stolz erzählte, "eingeenkelt" habe. Er und Yoram sangen Lieder, die sonst Esther vorgetragen hätte: vom jiddischen Partisanenlied "Sage nie du gehst den letzten Weg" bis zu Brecht/Eislers "Ballade der Judenhure Marie Sanders", dem Arbeiterlied und Lieblingslied von Esthers Mann Nissim, "Avanti popolo, alla riscossa", dem "Einheitsfrontlied" von Brecht/Eisler und natürlich "Du hast Glück, bei den Frau’n, Bel Ami", jenes Lied, das Esther ins Mädchenorchester brachte und so vor den Gaskammern in Auschwitz bewahrte. Dazwischen erzählten Kutlu und Yoram immer wieder von Begegnungen mit Esther. Die tiefe Verbundenheit und die Freude am gemeinsamen Musizieren waren dabei intensiv spürbar. Eine sehr schöne Idee war es, Esthers Stimme bei diesen Liedern auf Band dabei zu haben. Schade nur, dass dies schlecht ausgepegelt war und man Bejaranos Stimme kaum hören konnte.

Das Grab Esther Bejaranos auf dem Jüdischen Friedhof in Ohlsdorf, Hamburg. ...

Danach hätte eigentlich Schluss sein können, und – ehrlicherweise – besser auch sein sollen. Das dachten sich wohl auch viele Zuschauer, die vor dem letzten Teil den Museumshof verließen. Die Kälte dürfte auch eine Rolle gespielt haben, denn gegen 21:30 waren es nur noch frostige 11 Grad. Wild im Wald mit Sängerin Nicky sang Folksongs von Joan Baez, Donovan und Hannes Wader, Antifa-Lieder wie "Bella Ciao" und "Drei rote Pfiffe", und auch die "Moorsoldaten" fehlten nicht. Nach dem ersten Lied "Da rührt sich was in mir" wusste man, woran man war – reinstes Kirchentag-Feeling. Nicky sang so klebrig-süß wie ein Mon Chéri, und man spürte deutlich, dass es eben ein Unterschied ist, ob man eine Botschaft hat oder nur von sich gibt. Für mich ging das sowohl an den Liedern als auch der Intention dieses Konzertabends vorbei.

"Wir leben ewig, es brennt die Welt" heißt es in einem der Lieder, die Esther Bejarano vortrug. Das von Lejb Rosenthal 1943 im Ghetto von Wilna geschriebene jiddische Lied endet mit den Worten: "Mir lebn eybik, mir zenen do" – "Wir leben ewig, wir sind da!" Ein schöneres Schlusswort könnte ich für Esther Bejarano nicht finden. Hören Sie selbst: https://www.youtube.com/watch?v=nxyO-5MYyxM (Jutta Hamberger) +++


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