Die Buchvorstellung war ein voller Erfolg. - Fotos: Carina Jirsch

FULDA Projekt "KNIETZSCHE" vorgestellt

Buchvorstellung im Marmorsaal: "Der Tod hat es ganz schön schwer im Leben"

05.10.21 -  "Wir leben in einer Gesellschaft, die den Tod weitgehend an den Rand geschoben hat und nur ungern vom ihm Kenntnis nimmt. Besonders in den sozialen Medien scheint es nur junge, gesunde, starke, vitale und strahlende Menschen zu geben, nicht aber kranke, schwache und beeinträchtigte", so Bürgermeister Dag Wehner in seiner Begrüßung.   
 

Früher gehörte der Tod zur Normalität des Alltags dazu. Aber in unserer instagrammatisierten Forever-Young-Gesellschaft ist davon nicht mehr viel übriggeblieben. Wir haben den Tod an Spezialisten delegiert. Da stört er uns nicht so. Nur – wer einen so wichtigen Teil des Lebens ausblendet, macht sein Leben ärmer. 
 
Gerade deshalb ist das Projekt "KNIETZSCHE", das heute im Marmorsaal des Stadtschlosses vorgestellt wurde, so wichtig. Elke Hohmann von der Deutschen Kinder-Palliativstiftung, Autorin Anja von Kampen und Dr. Wolfram Geiger, dem Vereinsvorsitzenden von Jollydent, merkte man an: Dieses Buch ist für sie eine Herzensangelegenheit. Das gilt auch für Petra Schuster-Böck vom Fuldaer Schul-Psychologie-Team, die mit dem Thema Tod im Krisen-Interventions-Team ganz praktisch zu tun hat und nachdrücklich darauf hinwies, dass die Schule als Spiegel des Lebens nun einmal keine todesfreie Zone sei. Niemand, der mit dem Tod konfrontiert sei, solle ohne Hilfe bleiben, das gelte für Schüler:innen genauso wie für Lehrer.  
 

Das Leben ist zu toll, um nicht über das Ende Bescheid zu wissen 


Bücher, die so über den Tod sprechen, dass Kinder es verstehen, gibt es einige – und darunter sind Klassiker, etwa Elfie Donnellys Kinderbuch: "Servus Opa, sagte ich leise", oder das Bilderbuch von Ulf Nilsson/Eva Ericsson: "Die besten Beerdigungen der Welt". Beides absolute Lieblingsbücher von mir. Sachbücher gibt es viele – aber nur für Erwachsene. Die meisten sind schwer, anspruchsvoll, voll medizinischem Overload, philosophischen Höhenflügen und ethischen Exkursen. Da braucht man schon einiges an Standfestigkeit.  

Ich bin schon lange felsenfest davon überzeugt, dass man gerade die schweren Themen besser mit Leichtigkeit an die Menschen heranbringt. Die beiden genannten Bücher über den Tod zeichnet Unverkrampftheit und tiefgründiger Humor aus, sodass sie ihre heilende Wirkung auch bei Erwachsenen entfalten. In Anja von Kampen fand ich für diese Einstellung eine Geistesverwandte, denn sie erzählte, dass dieses eigentlich für Kinder und Jugendliche gedachte Buch auch viele Erwachsene anspricht. Wer wollte es ihnen verdenken! Hier können sie über Tod, Abschied, Schmerz und Trauer lesen und nachdenken, ohne pädagogisch oder medizinisch traktiert zu werden. Was für eine Erleichterung. 
 
Und noch etwas hat die Autorin intuitiv verstanden: Kinder reden, denken und sprechen anders über den Tod als Erwachsene. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal zwei etwa 4-jährigen Kindergartenknirpsen zuhörte. Der eine verkündete mit gravitätischer Geste, sein Papa sei gestorben. Worauf sein Freund wissen wollte, "Was tut eigentlich mehr weh, sterben oder ein Wespenstich?" In der sich entwickelnden Diskussion gewann übrigens die Wespe. Ja, Kinder ticken anders. "Sie springen in Pfützen der Trauer, aber auch wieder heraus", so die Autorin, und je nach Umfeld, in dem sie sich gerade befinden, stellen sie unbefangen ihre Fragen. Sie assoziieren auch ganz anders als Erwachsene.

"Ich glaube, ich bin ungefähr bei 10 Jahren stehengeblieben, ich weiß noch sehr gut, wie ich getrauert habe und erinnere mich an meine Gefühle damals", so Anja von Kampen. Diese Empathie, dieser Respekt vor Kindern, aber auch die kindliche Freude am unbefangenen Fragen, Reden und Erzählen spürt man in diesem Buch auf jeder Seite. Denn Kinder wollen nicht ge- oder verschont werden, sie wollen wissen – und verstehen. Und sie wollen, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. 
 

Sterben sorgt dafür, dass die Erde nicht total verstopft


Kinder lieben aber auch das Abseitige, Eklige, Gruselige – also alles, was Erwachsene in der Regel meiden oder verbieten. Auch dafür gibt es grandiose Sachbücher, einer meiner Favoriten dafür ist "Bssss – die ganze Welt der Insekten", weil das Buch sein Thema mit allen Sinnen erfassbar macht. Beides führt Anja von Kampen mit Leichtigkeit, fast schon kindlicher Natürlichkeit und Freude in KNIETZSCHE zusammen. Ihr klares Prinzip ist: Es gibt keine Frage über den Tod, die man nicht stellen darf. Und gerade die ungewöhnlichsten oder auf ersten Blick befremdlichsten Fragen können die größte Wirkung entfalten. 
 
In "KNIETZSCHE" erfährt man auch etwas über Todesjobs, Todes-To-Do-Listen, die Biologie des Todes und das Ranking der Todesursachen. Hier wird über Trösten und Loslassen, den heißen Draht zu Toten, den Todes-Dresscode, Todesrituale hier und anderswo und das Leben zwischen Himmel und Radieschen philosophiert. Auch der Tod von Tieren kommt vor, und die Frage wird beantwortet, ob Würmer eigentlich in den Sarg hereinkommen. Im letzten Kapitel gibt es Stoff zum Denken (von Abtreibung über Todesstrafe bis Patientenverfügung).  
 
"KNIETZSCHE" hat ganz offenbar einen bekannten Verwandten, und der heißt Calvin. Calvin ist Philosoph, Lebenskünstler und Forscher, gemeinsam mit seinem Tiger nimmt er das Leben in seiner Tiefe, Vielfalt und seinem Schmerz an, auch wenn das nicht immer einfach ist (Bill Watterson, "Calvin & Hobbes"). Als ich die Autorin danach frage, stutzt sie kurz und meint dann: "Ja, den liebe ich, der war ja auch ein Philosoph, aber auch die Peanuts haben ihre Spuren hinterlassen."  
 
Schon 2012 hat die Autorin und Filmemacherin Anja von Kampen für die ARD einen Film produziert, in dem kindgerecht der Tod erklärt wurde. Die Hauptfigur darin ist der Philosoph "KNIETZSCHE". Klingt fremd-bekannt? Lautmalerei, wunderbar für große und kleine Kinder! Anja von Kampen machte es sogar vor: Turnschuhe quietschen auf Parkett, und dann steckt im Namen auch noch ein Philosoph. Nietzsche war zwar ein Idiot, wenn es um sein Frauenbild ging, aber ein tiefsinniger Philosoph in den Dingen des Lebens und des Todes. "KNIETZSCHE" – wenn Sie sich in diesen kleinsten Philosophen der Welt nicht verlieben, dann weiß ich auch nicht weiter. "Knietzsche und der Tod" berührt, bewegt, macht nachdenklich, traurig und glücklich – so wie das Leben selbst. 

Inzwischen gibt es ein ganzes KNIETZSCHE-Universum mit fast 80 Filmen und vielen Büchern. Bei den Büchern gibt es auch Minis, Büchlein im (Beinahe)-Pixi-Format, bestens geeignet auch für unterwegs oder Autofahrten. Dank Jollydent und der Deutschen Palliativstiftung für Kinder erhalten alle 187 Schulen in der Stadt, im Landkreis Fulda sowie in den Kreisen Hersfeld-Rotenburg und Bebra für ihre Bibliotheken ein Exemplar. Schon 2020 wurde das Buch dank der Unterstützung des Fördervereins Jollydent an alle KiTas in der Stadt Fulda übergeben. Jollydent plant überdies, Klassen, die sich mit dem Thema Tod/Sterben befassen, Klassensätze der KNIETZSCHE-Minis zur Verfügung zu stellen. (Jutta Hamberger) 

Zum Weiterlesen und -gucken: Jollydent setzt sich vielfältig für Kinder ein, die Hilfe benötigen. Informationen zur Arbeit von Jollydent finden Sie hier: https://jollydent.de/   
 
Knietzsche gucken? Kein Problem, hier geht’s lang: www.knietzsche.com/tod, www.knietzsche.com/trauer +++


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