17.12.21 - "Wir haben soviel Murks im Augenblick, Sie können es sich nicht vorstellen", sagt Eleonore Weidenbrück. Sie lebt mit ihrem Mann Johannes (64), Tochter Anne (39) und dem Familienhund in Heimerzheim. Der Ort mit seinen rund 6.600 Einwohnern gehört zur Gemeinde Swisstal rund 30 Kilometer südlich von Köln im Rhein-Sieg-Kreis. Gemütlich, die Burg ist das Wahrzeichen. Früher als das ebenfalls nahe Bonn Hauptstadt wurde, zog es einige Ministeriumsmitarbeiter in die Region. Alles in Butter im Rheinland, der Ort wächst.
Doch im Sommer dieses Jahres passiert die Katastrophe. 151,1 Liter Regen am 14. Juli. Das Bächlein Swistbach wird in der Nacht zu einem donnernden Fluss. Die Weidenbrücks flüchten sich ins Obergeschoss ihres Wohnhauses in der Brückenstraße. "Das Wasser stand bis zur vierten Stufe der Treppe zum Obergeschoss", sagt die Rheinländerin. Sie wählen den Notruf. "Es kamen dann Leute vom DLRG aus Monheim mit einem Boot", sagt sie. Sie verschaffen sich einen Überblick und sagten, dass sie in zwei Stunden wieder kämen. Es ist Nacht, das Wasser steigt und steigt.
Retter kommen in der Nacht mit dem Boot

Im Sommer hat die Flutkatastrophe viele Wohnhäuser nahe dem Swistbach in Heimerzheim ...

Das Fachwerkhäuschen musste abgerissen werden, das Wohnhaus sieht lediglich von ...

Das Esszimmer, der Kühlschrank wurde vom dem Wasser umgerissen
Die Retter sind unermüdlich, versuchen die Lage zu sondieren. Und sie kommen tatsächlich ziemlich genau zwei Stunden später wieder - und retten die Familie mit ihrem Boot vom Obergeschoss. "Ich wollte erst hier bleiben, bin dann aber doch mit. Mir war wichtig, dass mein Mann und meine Tochter sicher sind. Und unser Hund." Der Vierbeiner stürzt, regt sich zunächst nicht. Doch dann schüttelt er sich. Wer ein Haustier hat, weiß, wie sich das anfühlt. Reicht schon.
Alles ist zerstört
In den nächsten Tagen wird das Ausmaß deutlich. Ihr Wohnhaus zerstört, auch das kleine Fachwerkhäuschen, das sie sich aufgebaut haben, nebenan ist zerstört. "Das wollen wir vermieten", sagte Eleonore. "Wir haben ein kleines Unternehmen, es ist alles weg", sagt sie am Telefon. Ein kleines Catering-Unternehmen. Sie sind eine alteingesessene Familie im Ort. Seitdem kämpfen sie vereint. Es ist alles so unvorstellbar und schwer. Ihr Mann erkrankt, muss zwischenzeitlich in ein Krankenhaus. In der TAZ ist zu lesen, dass immer wieder Menschen in Heimerzheim einen Nervenzusammenbruch bekommen, die Wucht der Zerstörung ist groß und unvorstellbar - die TV-Bilder mögen das zeigen. Auch ihrem Hund geht es nicht gut, Treppen will er seitdem nicht mehr hochlaufen.

In Wechingen nördlich von Donauwörth hat das Unternehmen CC Bäuml das Haus abgeholt ...

Um 22 Uhr startete der Transport auf die 460 Kilometer lange Fahrt nach Heimerzheim ...
"Aber wir jammern nicht", sagt Eleonore. Sie sehen sich als Betroffene der Flut. Nicht als Opfer. Das ist ihr wichtig zu sagen. Sie fassen Mut und Zuversicht. Das liegt vor allem an der unbeschreiblichen Hilfsbereitschaft vieler Menschen. Von Freundinnen und Freunde, aber auch wildfremden Menschen. "Das ist so unbeschreiblich. Auch Kinder und Jugendliche helfen. Wir kennen meistens lediglich die Vornamen. Das ist wie eine Gemeinschaft", sagt Eleonore hörbar bewegt. Auch Ortsvorsteher Hermann Menth erzählt von der großen Hilfsbereitschaft aus dem gesamten Bundesgebiet.
"Die Flut hat in unserem Ort brutal gewütet"
"Die Flut hat in unserem Ort brutal gewütet. Sämtliche Geschäfte, Apotheke, Banken, Arztpraxen wurden zerstört im Altdorf", sagt der Ortsvorsteher im Telefongespräch mit
OSTHESSEN|NEWS. So langsam kehren sie zu einem "normaleren Leben" zurück. Einige Geschäfte haben in einem Containerdorf geöffnet, die Metzgerei ist wieder da, auch der Bäcker macht wieder auf. Einige Wohnhäuser mussten aber abgerissen werden. Es wird dauern, bis die Menschen zurückkehren können.
Eleonore Weidenbrück wohnt mit ihrem Mann in einer Notunterkunft. In ihrem Haus können sie zwar schlafen, im Obergeschoss stehen zwei Betten und ein Schrank. Mehr nicht. Keller und Erdgeschoss sind zerstört. Ihre Tochter fasste einen Entschluss. Zu Weihnachten möchte sie, dass die Familie zusammen in einem Haus wohnen kann. Sie nahm das Ersparte und fand im Internet ein gebrauchtes mobiles Häuschen. "Ich kaufe ein Mobilheim", habe sie gesagt. Doch: Wie kann das Haus transportiert werden? Sie habe über 60 Leute angeschrieben. Entweder gab es überhaupt keine Antwort oder manche Transportunternehmen wollten viel Geld für den Transport. Das können sie sich nicht leisten. Der Traum schien geplatzt.
CC Bäuml übernimmt den gesamten Transport
Bis sie der Firma CC Bäuml aus Rimbach (Schlitz, Vogelsbergkreis) eine E-Mail geschrieben hat: "Genau vor einer Woche erreichte uns eine Transportanfrage per Mail, da möchte jemand ein Mobilheim quer durch Deutschland transportiert haben inklusiv Be- und Entladung, ein 4,00 m breiter Sondertransport, genau unser Ding. Bei genauerem Lesen, stellten wir fest, es handelt sich hier um eine Familie aus Swisttal-Heimerzheim, die bei der Flutkatastrophe ALLES verloren haben und nun in Bayern dieses 48qm große Häuschen gekauft haben, um dort auf ihrem Grundstück einziehen zu können", erzählt Geschäftsführer Volker Bäuml.
"Auf die telefonische Nachfrage, wie man auf UNS als Unternehmen gekommen ist, erzählte uns die Tochter der Familie, dass sie bis jetzt nur Absagen bekommen hätte oder gar keine Meldung bzw. ein Angebot. Der größte Wunsch der Familie sei es, zu Weihnachten aus der Notunterkunft heraus zu sein und "Zuhause" feiern zu können", schreibt der Unternehmer aus Rimbach.
"Wir haben zusammen erstmal geweint"
Volker Bäuml überlegt nicht lange: "Kurzentschlossen versprachen wir der Familie, dass sie die Feiertage zu Hause verbringen können und teilten ihnen mit, dass wir kein Angebot erstellen werden, sondern die Umsetzung des Mobilheimes kostenlos, als Spende übernehmen werden."
Gesagt, getan und organisiert. Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden klappt optimal. Die Polizei in Baden-Württemberg verzichtet auf die Gebühren für die Fahrt zur Autobahn, unterwegs wird sogar eine Baustelle extra verbreitert, damit der Transport durchfahren kann.
Und in Heimerzheim? "Da hast Du Dich verhört", erzählt Eleonore vom Gespräch mit ihrer Tochter. "Wir haben zusammen erstmal geweint vor Freude. Kneife mich einer, das ist unbeschreiblich, der Herr Bäuml muss ein Engel sein", sagt die 59-jährige Mutter.
"Sie sind die ganze Nacht für uns unterwegs"
"Unsere Auftragsbücher sind voll, aber es hilft ja nichts", sagt Bäuml. Er möchte nicht im Mittelpunkt stehen, sondern: Ich möchte andere zum Nachahmen, zum Helfen animieren. In Heimerzheim sind sie schon aufgeregt. "Hoffentlich klappt alles, wenn sie hier sind, kriegen die Männer erstmals was Ordentliches zum Frühstück. Sie sind die ganze Nacht für uns unterwegs", sagt Eleonore Weidenbrück.
Volker Bäuml und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen stellvertretend für viele Menschen, die anpacken, die helfen und dafür quer durch das Land fahren. Bei den Bäumls kann ich mir das vorstellen, sie sind von der Sorte: Anpacken, wo Hilfe gebraucht wird. Das macht Mut, Zuversicht und Freude - ganz besonders bei der Familie Weidenbrück in Heimerzheim. Ein Lichtblick bei all dem Murks. (Hans-Hubertus Braune) +++