Elisabeth Sandach, Ziegenhirtin aus Stetten berichtet von einem Einsatz Jugendlicher auf ihrem Ziegenhof:
"Nunmehr zum dritten Mal rollt der Bus des Vereins Naturpark & Biosphärenreservat Bayer. Rhön e. V. auf den Ziegenhof in Sondheim. Es ist Freitagnachmittag, ein gemeinsames Wochenende steht bevor, an dem die Ziegenherde auf den Austrieb vorbereitet wird. Etliche Pkws folgen und schließlich steht eine 14-köpfige Schar Jugendlicher nebst 5 Betreuern vor mir. Die beiden Fachbetreuer Michael Dohrmann und Maik Prozeller, sowie dem Zivildienstleistenden Marius Bulla und dem ehemaligen Zivildienstleistenden Markus Rothaupt. Alexander Fromm, ehemals Praktikant, ist mit den Wanderratten seit Jahren verbunden und aus der Truppe nicht mehr wegzudenken.
Neben einigen neuen, mir unbekannten Gesichtern, entdecke ich viele „alte Bekannte“ die heuer das 3. Mal bei den Austriebsvorbereitungen helfen. Wer sich nun vorstellt, ich hätte einen schnatternden und undisziplinierten Haufen Kinder zu bändigen, irrt gewaltig. Konzentriert und gespannt hören sie meinen Ausführungen zum Ablauf zu. Viel Zeit für Erklärungen bleibt nicht, denn gegen 16 Uhr wird der Tierarzt Dr. Dolze erwartet. Er wird die Herde gegen die Blauzungenkrankheit impfen. Dazu müssen die Ziegen auf engem Raum zusammenstehen, um Herumrennen zu vermeiden. Alle fassen mit an. Die Holzraufen werden zusammengestellt, Gatter und Türchen zusammengebastelt. Schließlich sind alle Tiere auf 2 Partien eingesperrt.
Pünktlich rückt Herr Dolze mit einem jungen, tüchtigen Mann als Verstärkung an. Bevor es losgeht, gibt er einen informativen und sachlichen Einblick in den Sinn und Zweck der Impfung. Nun wären Ziegen aber keine Ziegen, wenn sie sich nicht unterdessen ebenfalls beraten hätten. Mit ausgefeilten Tricks und wagemutigen Sprüngen versuchen sie uns zu entkommen, doch die Wanderratten stehen wie eine Mauer. Naja, ein paar entwischen uns dann doch, aber ihre Impfung bekommen sie am Schluss dennoch. Die Kinder sind sehr umsichtig und besorgt. Im Gedränge der Ziegen geraten besonders die kleinen Zickel in Not, sie werden sorgsam aufgehoben und außer Gefahr gebracht. Wir sind froh, als alle 182 Tiere ihren Piekser und Farbtupfer erhalten haben und wir die Herde fürs Erste freilassen können. Für die kommenden zwei Tage, Samstag und Sonntag, steht das Ausschneiden und Entwurmen der Ziegen auf dem Programm.
Ich rechne am Samstagmorgen mit ziemlich müden und unmotivierten Wanderratten, denn an diesem Wochenende findet auch die alljährliche Birkwildzählung statt. Alle Kinder machen mit. Das bedeutet u. 2.30 Uhr morgens aufstehen…
Sie lassen sich nichts anmerken, meine fleißigen Helfer, alle sind gut gelaunt. Erfreut stelle ich fest, dass die erfahrenen Kinder die „Neulinge“ ganz selbstverständlich mit einweisen und unter ihre Fittiche nehmen. Wir teilen uns in 2 Gruppen auf. Jeweils 2 Erwachsene schneiden Klauen, die 7 Kinder pro Gruppe wechseln sich in ihren Aufgaben ab. Die Ziegen müssen gefangen werden, auf den Hintern gesetzt und nach dem Ausschneiden entwurmt und markiert werden. Das erfordert Kraft und Geschicklichkeit!! Zum Schluss wird jede Ziege noch „geklickt“, d. h. mit dem Zähler gezählt.
Die ersten Stunden laufen recht zäh an und wir sind froh, als unser „Essen auf Rädern“ kommt. Das bedeutet in diesem Fall eine deftige, sehr leckere Gemüsesuppe mit reichlich Rindfleisch, gekocht von Maria Cram aus Stetten, die mich alljährlich mit ihren Kochkünsten unterstützt und mir die Sorge um die Bewirtung abnimmt. Für unsere Truppe ist diese Suppe schon Kult und so gestärkt geht die Arbeit auf einmal gut von der Hand und wir kommen zügig voran. Immer wieder werden Fragen gestellt, zur Zucht und Haltung, zur praktischen Arbeit als Ziegenhirtin. Es wird sogar ein bisschen gerechnet und die groben Kosten für den Winter ermittelt. Die Ziegen machen es den Jungen und Mädchen nicht leicht. Sie bocken und sperren sich und es wird so manches Tänzchen getanzt, bis die Ziege dort sitzt, wo sie ausgeschnitten wird. Alle schaffen wir an diesem Samstag nicht. Am Sonntag dann der Endspurt.
7 Kinder, 2 Betreuer und ich schnappen uns die restlichen Ziegen. Die andere Truppe werkelt am Spielplatz am Schwarzen Moor. Gegen Mittag ist es dann soweit. Endlich fertig. Alle Ziegen sind nun marschbereit!
Zu Mittag wird gegrillt, dann treffen wir uns am Schwarzen Moor zur Abschlussbesprechung. Jeder sagt kurz, was er gut fand und was nicht. Ich versuche meine Dankbarkeit für die tolle Hilfeleistung auszudrücken. An die Kinder, bzw. Jugendlichen und natürlich auch an die Betreuer. Besonders beeindruckt hat mich an diesem Wochenende das Auftreten der Wanderratten als echte Gruppe. Der überwiegend achtsame Umgang miteinander, das offensichtliche „Denken im wir“. Wie bewusst diese jungen Menschen gemeinschaftlich denken und handeln üben. Und damit einen ganze Menge bewegen.
Wenn ich noch mal jung wäre…, ich wäre dabei…, bei den Wanderratten. " +++