Die Lesung am Dienstagabend im Stadtschloss begeisterte - Foto: Jutta Hamberger

FULDA Literatur im Stadtschloss

Antje Rávik Strubel: Wenn das Ungeheuerliche Normalität wird

11.05.22 - Am Dienstagabend im Stadtschloss erlebten wir den literarischen Höhepunkt der diesjährigen Reihe ‚Literatur im Stadtschloss‘. "Blaue Frau" ist das packendste, das unerbittlichste und das berührendste Buch, und ja, es ist auch das beste. Es zwingt uns, Stellung zu beziehen und lässt keine Ausreden zu. Seit dem 24. Februar 2022 ist es von erschütternder neuer Aktualität, worauf Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld in seiner Einführung hinwies.

Gewinnerin des Deutschen Buchpreises

Antje Rávik Strubel wurde 2021 für ihren Roman "Blaue Frau" mit dem Dt. Buchpreis ausgezeichnet. Ohne diesen Preis wäre der Roman vermutlich einer für Kennerinnen geblieben, denn er ist nicht mainstreamig, sondern schroff und unbequem. Ein Buch, auf dem man nach der Lektüre noch lange herumkaut. Frau Strubel hatte vier exemplarische Lesestücke aus ihrem Roman ausgewählt, die sie mit klarer, biegsamer Stimme vorlas. Nicht nur ich hätte ihr sicher gern weiter zugehört!

Die Autorin lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Potsdam Foto: Antje Rávik Strubel

Das Cover des preisgekrönten Buches Foto: Copyright Fischer Verlag

Fotos: Jutta Hamberger

Dass Strubel auch eine politische Autorin ist, hat sie nach dem Beginn des Kriegs gegen die Ukraine mehrfach deutlich gemacht. Am 19. März 2022 schrieb sie in der FAZ eine Art Wutbrief unter dem Titel "Ich steige aus" und warf der deutschen Politik Rückgratlosigkeit, blässliches Vertagen und Festbeißen an wirtschaftlichen Argumenten auf Kosten von Menschenleben vor. Harter Tobak. Es versteht sich von selbst, dass Antje Rávik Strubel nicht den im Elfenbeintürmchen verfassten, schwurbeligen Intellektuellen-Aufruf von Schwarzer & Co. unterzeichnet hat, sondern den Gegenbrief dazu, der für größtmögliche Unterstützung der Ukraine plädiert und am 04. Mai in der ZEIT veröffentlicht wurde: https://www.zeit.de/2022/19/waffenlieferung-ukraine-offener-brief-olaf-scholz?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

Macht und Machtmissbrauch

Zurück zur "Blauen Frau". Hier geht es um Macht und Machtmissbrauch, um West und Ost, um Europäer 1. und 2. Klasse, um Armut und Reichtum, um Frauen und Männer, um Recht und Unrecht. Das alles entfaltet sich vor der Kulisse des postsowjetischen Raums, der Roman spielt in den Jahren 2006 bis 2008.

Für sexuellen Machtmissbrauch gibt es genug Beispiele. Sie ziehen sich vom Trauma der Menschen, die das erleben müssen, bis hin zum laxen Umgang der Gerichte damit. In einer der erschreckendsten Szenen des Romans setzt eine Anwältin der Aktivistin Kristiina auseinander, wie deutsche Gerichte mit Vergewaltigungsfällen umgehen – jeder Diebstahl würde härter bestraft, das Opfer müsse ohne Mindestabstand zum Täter, mit diesem im selben Raum sitzen etc. Das ist nicht herbeifabuliert, das ist bittere Wirklichkeit.

Laut terre des femmes

-       gehen sexuelle Gewalt zu 99 Prozent und sexuelle Belästigung zu 97 Prozent von Männern aus,

-       ist fast jede siebte in Deutschland lebende Frau von sexualisierter Gewalt betroffen,

-       haben 13 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen seit ihrem 16. Lebensjahr Vergewaltigung und sexuelle Nötigung erlebt,

-       ist ca. 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen körperliche oder sexualisierte Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner widerfahren,

-       werden nur 5 Prozent der Straftaten überhaupt angezeigt,

-       enden nur 13 Prozent der in Deutschland angezeigten Vergewaltigungen mit einer Verurteilung – unterdurchschnittlich im europäischen Vergleich,

-       ist das Problem der falschen Beschuldigung mit unter 3 Prozent marginal.

Emotionale Wucht

Es sind nur wenige Personen, die diesen Roman tragen. Die Hauptfigur ist Adina, die aus ihrem Geburtsort, einem kleinen Skiort in Tschechien, aufgebrochen ist, um die Welt kennenzulernen und im Ausland zu studieren. Als Figur im Strubel’schen Universum ist Adina nicht neu, wir begegnen ihr bereits in "Unter Schnee" (2002), eine Episode des Romans ist ihr gewidmet. Adina muss mit der Vergewaltigung durch einen westdeutschen Politiker zurechtkommen. Sie ist eine Frau der vielen Namen, die jeweils für einen bestimmten Blick auf sie stehen. Ihr Geliebter nennt sie Sala. Der Mann, der sie vergewaltigt hat, nennen sie Nina. Und der Schutzname, den sie sich selber gibt, ist "Kleiner Mohikaner".

In Helsinki trifft Adina den lettischen Europa-Parlamentarier Leonides, der, so Strubel, ein Visionär ist, dem es um eine gerechte Erinnerungskultur geht und den Dialog zwischen Ost und West. Leonidas hat einen Lehrauftrag an der Universität von Helsinki, Adina und er beginnen eine lose Beziehung.

Vor der Begegnung liegt jene traumatische in der Uckermark, wo Adina jobbt und den westdeutschen Kulturpolitiker Bengel trifft, dessen jovial-dröhnende Banalitäten sofortigen Brechreiz auslösen – es seien viele O-Töne, die sie so gehört und in dieser Figur verdichtet habe, erzählt Strubel. Ein Kotzbrocken, anders kann man das nicht sagen, der in osteuropäischen Frauen Verfügungsmasse sieht, die seine billigen Vorstellungen vom Osten zu befriedigen haben. Und dabei ist es egal, ob diese Frauen ‚Ja, ich will‘ oder ‚Nein, ich will nicht‘ sagen.

Die Aktivistin Kristiina ist eine gute Bekannte von Leonides, mit Ideen von einer gerechteren und besseren Welt und immer dort, wo die Erde brennt. Ihr öffnet Adina sich schließlich und erzählt die Geschichte ihrer Vergewaltigung durch Bengel. Die blaue Frau schließlich geht, die, wie Strubel erzählt, auf eine Begegnung an einer Hafenbucht in Helsinki zurück. Dort habe sie ihre Stimme gehört (in ihrem Kopf), sei mit ihr ins Gespräch gekommen und habe gespürt, dass sie diese Figur brauche, um Adinas Geschichte zu Ende zu erzählen.

Was macht diese Gewalt mit uns allen?

In einem Interview mit dem Tagesspiegel vom 17.10.21 sagte Antje Rávik Strubel: "Adina hat ein sexueller Übergriff unsichtbar gemacht. Unsichtbarkeit und Sprachlosigkeit in Sprache zu bringen, das hat mich interessiert. Außerdem die Frage, wie wir als Gesellschaft mit der grassierenden Gewalt gegen Frauen umgehen. Was macht diese Gewalt mit uns allen? Was betrachten wir als normal? Wie viel "rape" wollen wir in unserer "culture"? Es sind genau diese Fragen, die sprachlos machen, weil wir nicht nur eine persönliche Antwort finden müssen, sondern auch eine gesellschaftliche. Das Buch habe "existentielle Wucht" und sei doch "poetisch präzise", begründet die Jury ihr Urteil. Leicht macht Strubel es uns nicht. Sie fordert uns heraus – sprachlich genauso wie emotional.

Komplexes Erzählen

Antje Rávik Strubel begann diesen Roman, bevor die Me-Too-Debatte losbrach, es ist eine Geschichte, die sie schon viele Jahre fesselt. Besonders geht es ihr um die Situation der betroffenen Frauen – zwischen Scham, Ausweglosigkeit, Angst, Unterstellung und Verzweiflung. In einem Interview sagte sie dazu: "Man kann davon gar nicht mehr erzählen. Am Anfang steht die Glaubwürdigkeitsfrage. Und man hat ohnehin schon das Problem der Scham und des Schuldgefühls, wenn einem so etwas widerfährt. Überhaupt diese Schwelle zu überwinden, davon zu erzählen. Und dann wird man noch damit konfrontiert, dass einem der Vorwurf der Lüge gemacht wird. Das ist eine sehr heikle Situation. Das fand ich wichtig, darüber zu schreiben."

Der Roman ist nicht linear erzählt, sondern in Rückblenden und Einschüben. Was ‚passiert‘ ist, steht gleich zu Beginn, dann entwickelt sich die Handlung in Erinnerungen, Blenden, Wortfetzen und Adinas würgenden Angstattacken. Immer wieder taucht in Einschüben die blaue Frau auf, als Leserin darf man rätseln, wie viel Alter Ego der Autorin und wie viel Adina in dieser blauen Frau stecken. Immer wieder wird man beim Lesen so auf die Metaebene des Romans geschubst.

So ziemlich das Einzige, das ich in diesem Roman nicht mag, ist die manchmal zu klischeehafte Schilderung von Nebenfiguren und die Namensgebung einiger Personen. Wenn ein Subventionserschleicher Ravzan heißt und ein Vergewaltiger Bengel, ist mir das einfach zu viel. Entschädigt wird man aber mehr als genug durch hinreißende Szenen und große sprachliche Genauigkeit. Ein Highlight ist die Beratung der EU-Kommission darüber, ob der mutmaßliche Vergewaltiger noch den Preis bekommen kann, mit dem sein Einsatz für Menschenrechte honoriert werden soll oder nicht. Vorverurteilen, vorschnell verurteilen, abwarten und Tee trinken? Der Diskurs zu dieser Preisverleihung – sie findet dann mit staatsmännisch-kritischer Präambel doch statt – ist grandios. Genauso auch das Ende des Romans, das einen sprachlos zurücklässt. (Jutta Hamberger) +++


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