Die Chöre am Dom überzeugten beim Renovabis-Konzert. - Alle Fotos: Martin Engel

FULDA Brücken die verbinden

Renovabis-Konzert im Dom: Musikalische Schätze aus Ost und West

22.05.22 - "Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich eine Vorliebe für Brücken. Diese Liebe ist mir bis heute geblieben", so eröffnete Weihbischof Dr. Karlheinz Diez das Renovabis-Konzert im Fuldaer Dom. Um dann auf die Brücke zu sprechen zu kommen, die im Kalten Krieg zwischen Deutschland Ost und West eine ganz besondere Bedeutung hatte.

Brücken des Friedens

"Heute ist die Glienicker Brücke einfach eine Brücke, die über die Havel von Berlin nach Potsdam führt", fuhr der Bischof fort. Dies sei ein wunderbares Zeichen dafür, dass aus schwierigen Situationen Brücken des Friedens werden können. Und Musik sei ganz besonders geeignet dafür, zum Verständnis der Völker beizutragen. Damit waren wir beim Thema der diesjährigen Pfingstaktion und dem Konzert im Dom. Das Floridante Barockorchester kam aus Estland, die beiden Chöre aus Fulda, und die Komponisten waren und sind vor allem im Osten tätig.

Domkapellmeister Franz-Peter Huber.

Dass dieses Konzert überhaupt zustande kam, verdankt sich einer ‚verrückten‘ Idee von Domkapellmeister Franz-Peter Huber, wie Dr. Markus Ingenlath, der Geschäftsführer von Renovabis, in seinem Schlusswort verriet. Er habe diesen Traum gehabt, ein Konzert zu veranstalten, das Ost und West, unterschiedliche Epochen, verschiedene Musikstile, bekannte und unbekannte Musik verbinde. Unmöglich? Nicht in Fulda. Es verdankt sich Hubers Leidenschaft und Hingabe, seiner Lust, Musikschätze zu finden und aufzuführen. So wurde dieses Konzert zum Erlebnis im vollbesetzten Dom. Und wieder einmal konnten wir erleben: Es geht nichts über gute und gut gesungene Chormusik im sakralen Raum. Anders als ergriffen konnte man den Dom nicht verlassen. Weil dieses Konzert so besonders war, erklang es an diesem Tag gleich zweimal.

Ein Lob für die Musiker

Wenn im Hohen Dom zu Fulda Konzert auf dem Programm steht, kann man fast sicher sein, dass es ein musikalischer Leckerbissen wird. So war es auch diesmal. Chöre, Orchester, Solisten – sie bildeten eine Einheit, obgleich man nicht gerade viel gemeinsame Probenzeit gehabt hatte, auch wenn die ‚wenigen Stunden‘, die Dr. Ingenlath nannte, wohl ein wenig untertrieben sind. Dass es so gut wurde, ist der Professionalität aller Beteiligten zu verdanken. Das 2014 in Tallinn gegründete Floridante Barockorchester hat sich auf Alte Musik spezialisiert. Es begleitete präzise und hellwach. Mehr über das Orchester erfahren Sie HIER.

Beide Chöre –Domchor und JugendKathedralChor – sangen seit langem endlich wieder einmal gemeinsam in einem Konzert. Was war das für ein erhebender Anblick, die ca. 90 Sängerinnen und Sänger im Dom auf ihrer Konzert-Treppe zu sehen! Genauso beglückten mich die vielen jungen Gesichter im Chor – ein Zeichen dafür, dass er immer wieder neue, junge Talente heranzieht und musikalisch ausbildet. Die Aufgabe in diesem Konzert war nicht einfach, denn keins der Werke gehört zum vertrauten Repertoire.

Die Solisten Tina Bier und Rebecca Göb (Sopran), Jan Jerlischka und Marie-Luise Reinhard (Alt), Ralf Emge (Tenor) und Jürgen Orelly (Bass) überzeugten durchweg stimmlich, überstrahlten aber nie den Chor. Und das war auch ganz richtig so, denn dies war ein Konzert des Chors. Domkapellmeister Huber leitete das Konzert mit leichter Hand. Mir fällt immer wieder auf, wie wenig Aufhebens er um sich macht, bei ihm steht die Musik im Mittelpunkt, nicht er selbst.

Jan Dismas Zelenka, Dixit Dominus und Nisi Dominus

Gleich zwei Werke des böhmischen Barockkomponisten Zelenka (1679-1745) wurden aufgeführt. Dem "Dixit Dominus", ZWV 66 liegt Psalm 109 zugrunde, das Werk entstand wahrscheinlich um 1725. Zelenka hat insgesamt vier Psalm-Zyklen geschrieben, jeder beginnt mit einem "Dixit Dominus", eines davon gilt allerdings als verschollen. Zelenka, ein Zeitgenosse Bachs, arbeitete die meiste Zeit seines Lebens für die Dresdner Hofkapelle. Er ist ein Komponist, der allmählich wiederentdeckt wird, es gibt einige neue Einspielungen seiner Werke. In "Dixit Dominus" ist die Musik energiegeladen und vorwärtsdrängend.

Das "Nisi Dominus" ZWV 92, dem Psalm 127 zugrunde liegt, entstand um 1726. Zelenka ‚baut‘ musikalisch das Haus des Herrn, so wie es auch im Text geschrieben steht – wie es überhaupt typisch für ihn ist, Psalmentexte quasi wörtlich musikalisch zu deuten.

Arvo Pärt, Veni Creator Spiritus

Pärt (geb. 1935) ist einer der bedeutendsten Komponisten sakraler Volksmusik. Sein Arbeiten in der 12-Ton-Technik mindestens so sehr wie der religiöse Inhalt seiner Stücke ließen ihn schnell in Konflikte mit dem sowjetischen Regime kommen. 1980 emigrierte Pärt nach Wien, erst 2008 kehrte er nach Estland zurück.

Zu hören war sein "Veni Creator Spiritus", das eine ganz besondere Beziehung zu Fulda hat. Es war nämlich eine Auftragskomposition der Dt. Bischofskonferenz und wurde 2006 im Fuldaer Dom uraufgeführt. Der Text wird Rabanus Maurus zugeschrieben, einst Abt des Klosters Fulda. Zunächst erklang der gregorianische Choral des "Veni Creator Spiritus", dann das Pärt’sche Werk, das in dem vom ihm entwickelten Tintinnabuli-Stil geschrieben ist ("Tintinnabulum" = Glöckchenspiel). Zu diesem Stil fand Pärt 1970 und blieb ihm treu. Die Musik beruht auf schlichten Dreiklängen und reduziertem Klangmaterial. Pärt will die Schönheit des Einfachen hörbar machen, man ist hier also sehr nah bei Askese und Meditation. Das keine 3 Minuten lange Stück ist sehr eindrücklich, seinem Zauber kann man sich nicht verschließen, erst recht nicht, weil die Tintinnabuli sich ganz wunderbar mit den läutenden Domglocken vermischten.

Rihards Dubra und Francesco Durante

Vom lettischen Komponisten Rihards Dubra (geb. 1964) erklang das "Ave Maria I". Das Stück entstand 1994 und verzaubert durch die schier schwebenden Stimmen des Chors. Es ist eine sehr zarte Musik, die dennoch kraftvoll an- und abschwillt, und in der sich Echoeffekte einstellen. Das sehr kurze Stück ist wie eine gesungene Meditation, die sehr feierlich endet.

Von Francesco Durante (1684-1755), einem Komponisten des venezianischen Barock, haben wir im Passionskonzert der Chöre am Dom bereits die "Lamentationes Jeremiae" hören dürfen, heute nun erklang das "Magnificat in B", wohl Durantes bekanntestes Werk. Lange hat man es seinem Schüler Pergolesi zugeschrieben. Es ist religiöse Musik, die zugleich sehr sinnlich und dramatisch ist.

Ēriks Ešenvalds und Pēteris Vasks

Die beiden lettischen Komponisten Ešenvalds (geb. 1977) und Vasks (geb. 1946) zählen neben Pärt zu den bedeutendsten des Baltikums. Von ihnen erklangen Kompositionen, die in Fulda ganz sicher noch nie zuvor zu hören waren. Vasks hat immer wieder die Leidensgeschichte des lettischen Volks im von ihm so benannten "Völkergefängnis Sowjetunion" zum Gegenstand seiner Kompositionen gemacht. "The fruit of silence" entstand 2013 und beruht auf einem Friedensgebet Mutter Teresas:

Die Frucht der Stille ist das Gebet. Die Frucht des Gebets ist der Glaube. Die Frucht des Glaubens ist die Liebe.

Die Frucht der Liebe ist das Dienen. Die Frucht des Dienens ist der Friede.

So einfach und ergreifend wie der Text des Gebets ist auch die Musik, sehr berührend, und sehr elegisch.

Ešenvalds "This is my father’s world” basiert auf einem Hymnus von Maltbie D. Babcock, geschrieben wurde er 1901. Kaum erklingen die ersten Töne, denkt man ‚England‘ und hat sofort die wunderbaren Even Songs im Ohr, die man auf der Insel genießen kann. Ešenvalds vertont den Hymnis als A-cappella-Gesang – die Stimmung ist bukolisch und heiter, man fühlt sich rundum geborgen. Der Text feiert die Schöpfung:

This is my father's world,

And to my listening ears

All nature sings, and round me rings

The music of the spheres.

This is my Father's world:

I rest me in the thought

Of rocks and trees, of skies and seas,

His hand the wonders wrought.

Von einer jungen Choristin habe ich mir sagen lassen, dies sei das Lieblingsstück vor allem der jungen Sängerinnen und Sänger gewesen. Ich kann’s verstehen – und muss an ein ganz anderes, in seiner Stimmung aber ähnliches Lied denken, das ebenfalls die Schöpfung preist und mich schon mein ganzes Leben begleitet, Cat Stevens‘ "Morning has broken".

Das Publikum lauschte aufmerksam.

Johann Valentin Meder und Martin Mayer

Das sind beides Komponisten, die man heute kaum noch kennt. Meder (1649-1719) war ein dt. Komponist und Organist, der in vielen Orten wirkte, zuletzt in Tallinn und Riga. Sein "Wünschet Jerusalem Glück" entstand in Danzig, ein mehrchöriges Werk, das auf Psalm 122 beruht. Die Schlusszeile "Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen" gewinnt in Zeiten des Ukrainekriegs eine ganz neue Bedeutung.

Über Martin Mayer (ca. 1650 bis ca.1712) weiß man nicht viel, außer, dass er in Breslau wirkte. Sein "Heilig ist der Herre Zebaoth" war genau der richtige, feierliche Abschluss des Konzerts, bei dem alle Sänger und Musiker mitwirkten.

Ohne Zugabe entließ das begeisterte Publikum die Musiker natürlich nicht – und wurde mit Arvo Pärts "Da Pacem Domine" belohnt. (Jutta Hamberger) +++


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