Den Akademieabend mit dem Titel "Wohin steuern die christlichen Kirchen?" veranstaltete die Katholischen Akademie Fulda gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung - Foto: Katholische Akademie des Bistums Fulda

FULDA Fröhlich Christ sein

Akademieabend im Bonifatiushaus - "Wohin steuern die Kirchen?"

04.07.22 - Deutschland war ein mehrheitlich christlich geprägtes Land. Zumindest, was bislang die Zugehörigkeit zu einer der beiden großen christlichen Konfessionen betraf, Doch das ist seit kurzem Geschichte. Erstmals ist die Quote der bekennenden Christen bundesweit unter die 50 Prozent-Marke gesunken. Alleine 2021 kehrten fast 360.000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken. Eine Rekordzahl. 280.000 Mitglieder verlor die evangelische Kirche im gleichen Zeitraum.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der Frage der Zukunftsfähigkeit beider Kirchen lud die Katholische Akademie im Bistum Fulda gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung zu einem Akademieabend ins Bonifatiushaus ein, um mit Dr. Kristin Jahn, der neuen Generalsekretärin des Deutschen Evangelischer Kirchentags (DEKT) sowie Prof. Dr. Thomas Söding, Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) darüber zu diskutieren, "Wohin steuern die christlichen Kirchen?"

Herausforderungen

Mit Blick auf den "Umbruch und Aufbruch innerhalb der Kirchen", so Akademiedirektor Gunter Geiger, erwarte ein "Paket von Herausforderungen und Aufgaben" Priester, Funktionsträger und Laien wie die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, Forderungen nach mehr Frauen in den kirchlichen Ämtern und Kirchendemokratie, der Umgang mit Kirchenaustritten oder Rufe nach Abschaffung der Kirchensteuer.

Erwartungsgemäß lieferte der von Redakteur Andreas Ungermann in lockerem Plauderton moderierte Abend keine Patentrezepte als Antworten auf die Fülle schwieriger Fragen. Dennoch formulierten Jahn und Söding ermutigende Sätze, worauf es für die Kirchen ankommt, wenn sie zukunftsfähig sein und bleiben wollen. "Fröhlich Christ zu sein", darin sieht die DEKT-Generalsekretärin eine "große Chance". Zu entdecken gelte die "Schönheit, was Kirche bietet." Dabei habe der "Westen" der Republik größere Chancen, weil hier noch mehr Menschen kirchlich verankert sind und Kirche noch einen ganz anderen Stellenwert hat als in den "neuen Bundesländern". Jene Region, aus der Jahn selbst stammt. Für die promovierte Literaturwissenschaftlerin und ehemalige Superintendentin im Altenburger Land ist Kirche der "Ort, wo wir einander das zeigen, was wir lieben und was uns trägt…" Damit sich das große Potenzial einer solchen Gemeinschaft freiwillig Engagierter voll entfalten könne, brauche es eine "hörende Kirche und ein dienendes Hauptamt".

Neu denken

"Kirche von Anfang bis Ende neu zu denken", mehr Kreativität und keine Antworten auf bohrende Fragen im Stil des 19. Jahrhunderts zu geben, dafür plädierte der ZdK-Vizepräsident und Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum. "Ich kann mir die katholische Kirche nur ökumenisch vorstellen", sagte Söding und sprach vor diesem Hintergrund von einer der "großen gesellschaftlichen

Aufgaben des Christentums." Für die Zukunft erwartet er, dass es "regelmäßige ökumenische Kirchentage geben wird." "Ökumenischer Drive" habe den DEKT und den Katholikentag bereits erfasst. "Sehr spannend für uns" werde der nächste Katholikentag in Erfurt, glaubt Söding. Während er in diesem Kontext Begriffe wie "neu denken und erfinden" wählte, ließ DEKT-Generalsekretärin Jahn keine Zweifel am bisherigen Konzept des Kirchentages aufkommen. Er sei ein "großer Schatz" und gebe seinen Besucher:innen "Hoffnung und Verantwortung" mit in den Alltag.

Angesichts der weiterhin rasant steigenden Kirchenaustrittszahlen äußerte sich Kirchentags-Generalsekretärin Jahn selbstkritisch. "Die evangelische Kirche steht sich aus meiner Sicht oft selbst im Weg mit ihrem Amtsverständnis und Kirchenordnungen, die noch aus einer Zeit resultieren, in der man durch Sitte und Tradition in Kirche war. Diese Zeiten sind vorbei. Heute erleben wir einen Erlösungsprozess durch Austritte hin zu einer Kirche der Freiwilligkeit und des mündigen Bekennens."

Global wachsende Kirche

Söding betrachtete das Phänomen mit Blick auf die globale Wirklichkeit. "Weltweit ist die katholische Kirche eine junge, wachsende Kirche. Bei uns sieht das anders aus. Wir sind wie die Gesellschaft eben auch eine alternde Kirche." Mit Bedauern stellte der Theologe fest, dass die katholische Kirche gerade den "Sense" für junge Leute verloren habe. Für ihn spielen zugleich "Frohsinn und Leichtigkeit, die eigentlich zusammengehören", eine wesentliche Rolle im Glauben.

Staat muss mit ins Boot

Einigkeit herrschte bei beiden Kirchenvertretern über die Vorgehensweise bei Missbrauchsfällen. Sie müssen schonungslos offen gelegt und aufgearbeitet werden. Aber auch der Staat müsse Verantwortung tragen "und mit im Boot sein." In puncto Priesteramt sagte Jahn kritisch, durch die Überhöhung des Priesters sei ein "Machtraum" entstanden, weshalb sie forderte, "wir müssen davon abkommen, dass jemand qua Amt" nicht hinterfragbar ist. Der gebürtige Hannoveraner Söding sprach im Zusammenhang von einem "Kirchenbild, das zusammenbricht." Wie die Kirche angesichts der gegenwärtigen Entwicklung reformiert werden könne, "ist die spannende Frage der Zukunft."

Vorsicht vor Zahlen

Zur Frage künftiger Gemeindestrukturen sprachen sich sowohl Jahn als auch Söding dagegen aus, Zahlen über künftige Pfarrgemeinden entscheiden zu lassen. Während der ZdK-Vizepräsident es für "absurd" hält, wenn die Zahl der (noch) vorhandenen Priester (Anm.: Sie hat sich in den letzten 20 Jahren von 12.000 auf 10.000 reduziert) als maßgeblich angesehen wird, sieht es die DEKT-Generalsekretärin als "gefährlich" an, die Zukunft einer Gemeinde von der Zahl der Gläubigen abhängig zu machen. (pm) +++


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