Der Countdown läuft. Unerbittlich tickt die Uhr herunter. In großen roten Lettern zeigt der digitale Zeitmesser die noch verbliebenen Tage, Minuten, Stunden und Sekunden bis zum Start des ersten Formel 1 Rennens auf dem Yas Marina Circuit in Abu Dhabi. Am 1. November diesen Jahres gehen die Boliden der Königsklasse des Motorsports in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate an den Start. Für die osthessischen Rennstrecken-Spezialisten der Kirchheimer Bickhardt Bau Aktiengesellschaft hat das Rennen unterdessen schon vor einem Jahr begonnen. Seitdem sind Projektleiter Frank Dittrich und Einbaumeister Horst Henninghausen mit ihrem Team aus Bauleitern, Vermessern, Laboranten und Maschinisten vor Ort und haben den 5,54 Kilometer langen Rundkurs im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Wüstensand gestampft.
Fast eine Million Tonnen Schotterschichten und 200.000 Tonnen Asphalt haben sie bisher dafür verbaut. In Sattelzügen verladen und aneinander gereiht würde diese Menge einer Strecke von sagenhaften 720 Kilometern entsprechen.
„Der Auftragsumfang ist seit Baubeginn kontinuierlich gewachsen“, berichtet Projektleiter Frank Dittrich. So sind er und seine Mitarbeiter nicht nur mit dem Bau des 5,5 Kilometer langen Rundkurses mit seinen 20 Kurven beauftragt worden, sondern haben auf dem 162 Hektar großen Rennstreckenareal auch sämtliche Zufahrtstraßen, Parkflächen, Auslaufzonen und Rettungswege asphaltiert sowie eine Dragster-Rennstrecke in Spannbeton hergestellt – sozusagen als Warm-up für den Asphalteinbau auf der eigentlichen Rennstrecke.
Mitte August begann für das Bickhardt-Team mit dem Einbau der obersten, vier Zentimeter dicken Rennasphalt-Deckschicht der Endspurt am Persischen Golf. Tag und Nacht waren die Mitarbeiter auf der gigantischen Baustelle im Einsatz, um den darunter liegenden bituminösen Trag- und Binderschichten das bautechnische „Sahnehäubchen“ aufzusetzen. „Mit jeder Schicht steigen die Anforderungen an die Ebenheit des Asphaltes“, erklärt Projektleiter Frank Dittrich. Bei maximalen Toleranzen von zwei Millimetern sind deshalb allergrößte Präzision, fachliches Können und langjährige Erfahrung gefragt. All das können die Kirchheimer Rennstreckenspezialisten um Einbaumeister Horst Henninghausen vorweisen, haben sie doch vor ihrem Einsatz am Persischen Golf auch schon den Sachsenring, die Teststrecke für Porsche in Leipzig, den Hockenheimring und die Formel1-Strecken in Bahrain und Shanghai asphaltiert.
Auch in Sachen technischer Ausstattung haben die Bickhardt-Mitarbeiter nichts dem Zufall überlassen: Die Asphaltfertiger und sechs Glattmantelwalzenzüge der neuesten Bauart wurden extra von Hamburg aus mit einem Containerschiff auf die Reise geschickt. Im so genannten Heiß an heiß-Verfahren haben dann die drei versetzt fahrenden Fertiger den Spezialasphalt auf einer Breite von 14 Metern eingebaut. „So gibt es keine Längsnähte zwischen den einzelnen Asphaltbahnen“, erläutert Einbaumeister Horst Henninghausen.
Für die Herstellung des Asphalts sowie die Qualitätsüberwachung im eigenen Labor tragen die Fachleute der Mitteldeutschen Hartstein-, Kies- und Mischwerke GmbH (MKW), einem Tochterunternehmen der Bickhardt Bau AG, vor Ort die Verantwortung. „Da die heimischen Gesteine nicht die benötigte Härte aufweisen, mussten die Splitte extra aus Malaysia und England in die Emirate geliefert werden“, erläutert Mischanlagenfahrer Kai Wörmann, „Die Härte des Gesteins und die besondere Zusammensetzung der Körnungen in Verbindung mit dem Spezialbitumen sorgen dann für den nötigen Grip der Rennreifen.“
Nur auf eine Sache konnten die Kirchheimer Verkehrswegebauer trotz minutiöser Planung ihrer Mission keinen Einfluss nehmen: das Wetter. Der Einbau des 150 Grad heißen Asphalts bei Lufttemperaturen von bis zu 50 Grad und subtropischer Luftfeuchtigkeit ließen selbst bei den abgehärtesten Facharbeitern den Schweiß aus den Poren strömen. Abkühlung gibt es derzeit in den Emiraten nur in klimatisierten Räumen, denn auch der Sprung in den nahegelegenen Persischen Golf bietet in den Sommermonaten nicht den gewünschten Effekt: Mit über 37 Grad ist das Wasser wärmer als in jeder heimischen Badewanne. Und so bleibt nur: Augen zu, pardon, Schweiß abwischen und durch.
Hintergrund: Yas Marina Circuit
5,55 Kilometer ist der Formel 1-Kurs auf Yas Island lang. Mit einem künstlich aufgeschütteten Berg, 20 Kurven und einem Hochgeschwindigkeitsabschnitt, auf dem 320 Stundenkilometer erreicht werden können, gilt die Strecke als äußerst anspruchsvoll. Der Große Preis von Abu Dhabi wird erstmals am 1. November 2009 gestartet. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen dort auch Nachtrennen stattfinden können – die Flutlichtanlage ist bereits installiert.
Auf der 2500 Hektar großen Insel vor den Toren Abu Dhabis entstehen neben der Formel 1- Rennstrecke auch ein Ferrari-Themenpark mit eigenem Museum, Theater und Fahrerschule sowie Golfplätze, Appartmentanlagen und Villen sowie mehrere 5-Sterne-Hotels. Das Flaggschiff dieser Hotelanlagen stellt das unmittelbar im neuen Parcours liegende Yas Marina Hotel mit seiner atemberaubenden freitragenden Glasfassade dar. Der Clou: die Rennwagen fahren zwischen zwei miteinander verbundenen Hotelflügeln hindurch. Und noch ein Novum hat der Kurs zu bieten: Erstmals sind alle Tribünen überdacht. 50.000 Zuschauer können so das Rennspektakel live von schattigen Plätzen aus erleben. Die Kosten für das Gesamtprojekt YAS-Island belaufen sich auf 40 Milliarden Dollar.
Fernseh-Tipp:
Ein Fernsehteam hat die Bickhardt Bau-Rennstreckenspezialisten auf der Großbaustelle besucht und ihnen beim Einbau der Asphaltschichten über die Schultern geschaut. Der Beitrag über den Bau der Rennstrecke wird als „Galileo Spezial“ am Sonntag, 25. Oktober, ab 19 Uhr auf Pro7 ausgestrahlt. +++