Hans-Jürgen Dröge war von 1988 bis 2011 Verkaufs- und Filialleiter bei C&A in Fulda. - Fotos: Carina Jirsch (2), Marius Auth

FULDA C&A-"Urgestein" H.-J. Dröge nimmt seinen Hut

Krisen und Chancen im Einzelhandel: "Fulda steht noch ganz gut da"

19.11.22 - "Nach der wahnsinnigen Belastung durch die Lockdowns hat sich der Einzelhandel in den kleinen und mittleren Städten wieder einigermaßen stabilisiert. In Fulda sogar deutlich besser als anderswo", sagt Hans-Jürgen Dröge. Und der muss es wissen.

Der 62-Jährige war von 1988 bis 2011 Verkaufs- und Filialleiter bei C&A in Fulda und hatte diesen Posten bis vor Kurzem auch in der Filiale an der "Zeil" in Frankfurt am Main, einer der größten Einkaufsstraßen Deutschlands überhaupt. "Dort und in anderen Großstädten ist die Lage wesentlich dramatischer, auch weil es dort viel mehr Mitbewerber gibt. Für den Einzelhandel war das 9-Euro-Ticket ein Segen, weil das massiv Kundschaft in die Metropolen gezogen hat."

Hans-Jürgen Dröge im Gespräch mit O|N-Redakteur Matthias Witzel

Nach 40 Jahren bei C&A, in denen er neben Fulda und Frankfurt unter anderem auch in Würzburg und Schweinfurt tätig war, hat sich Hans-Jürgen Dröge Ende Oktober vom Unternehmen verabschiedet. Eigentlich stammt er aus dem Emsland, wohnt aber schon lange mit seiner Familie in der Barockstadt und ist seit seiner Mitgliedschaft in der FKG in Fulda verliebt. Im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS lässt er die letzten 40 Jahre Revue passieren, er berichtet über den Textil- und Einzelhandel im Wandel der Zeit, die letzten Krisenjahre und wie sich Fulda in seinen Augen schlägt.

Teure Pelze sind verpönt: Tierschutz und Nachhaltigkeit im Vordergrund

Als Hans-Jürgen Dröge vor 40 Jahren bei C&A anfing, war die Welt im Textil- und Einzelhandel noch in Ordnung: "Damals hatte die Bekleidung einen ganz anderen Stellenwert", sagt er. "Ein Pelz für 10.000 D-Mark war nichts Besonderes und sonntags ging man fein herausgeputzt in die Kirche. Heute ist so etwas verpönt, weil sich die Einstellung der Leute deutlich geändert hat."

Auch das Thema Nachhaltigkeit rücke immer mehr in den Vordergrund. "Da gibt es ein starkes Umdenken angesichts der Tatsache, dass die Textilbranche mehr Co2-Ausstoß hat als der komplette Schifffahrts- und Flugverkehr weltweit." C&A setze verstärkt auf Bio-Baumwolle, man produziere Bekleidung aus recycelten PET-Flaschen und viele Stoffe werden zu neuem Garn verarbeitet.

Spätestens seit der Energiekrise in Folge des Ukraine-Krieges ist klar geworden, wie abhängig Deutschland wirtschaftlich von anderen Ländern ist. "Um uns ein Stück weit vom asiatischen Markt zu lösen, hat C&A vor Kurzem in Mönchengladbach eine neue Jeans-Produktion aufgemacht", sagt Hans-Jürgen Dröge. "Da fallen die langen Produktionswege weg und es wird durch die moderne Technik allein beim Waschen ein Vielfaches weniger an Wasser verbraucht als zum Beispiel in China."

Die Krisenjahre: Zu viele Kleider auf zu viel Fläche und den Online-Handel verpasst

Zwei wesentliche Veränderungen krempelten in den 1980er und 90er Jahren die Textil-Branche grundlegend um. "Zum einen wurde viel weniger in Deutschland produziert, dafür umso mehr in Asien, mit wesentlich niedrigeren Mittelpreisen", sagt Dröge. "Andererseits hatten wir im Zuge der Wiedervereinigung nochmal einen regelrechten Boom und es entstanden viele Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Plötzlich hatten wir viel zu viel Bekleidung auf viel zu viel Fläche, mit der Folge, dass die Profite deutlich runtergingen."

Hans-Jürgen Dröge erinnert sich noch lebhaft an die Zeit als junger C&A-Filialleiter ...

Fatal sei schließlich gewesen, den vor etwa 20 Jahren aufkommenden Online-Handel völlig zu unterschätzen. "Da hat man einfach den Anschluss verpasst, und Corona hat die Lage nur noch verschärft." Dröge ist sich sicher, dass der stationäre Einzelhandel weiter ab- und E-Commerce weiter zunehmen wird. "Man muss beides sinnvoll miteinander verbinden. Überhaupt sollte der Einzelhandel viel kreativer sein, damit Einkaufen wieder zum Erlebnis-Shoppen wird."

Kostenlose Haarschnitte für die Kids und ein "Ritter"-Menü für die Mamas

Dröge erinnert sich noch lebhaft an die Zeit, als man als junger C&A-Filialleiter in Fulda viele Freiheiten hatte, um einerseits die Werbetrommel fürs Unternehmen zu rühren, andererseits die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Laune zu halten. "Einmal haben wir an einem verkaufsoffenen Sonntag kostenlose Haarschnitte für Kinder angeboten. Der Haken dabei: Die durften sich selbst die Frisur gar nicht aussuchen, sondern wurden in bunten Farben frisiert. Die Fotos davon am nächsten Tag in der Zeitung waren ,das‘ Stadtthema."

Ein anderes Mal spendierte Dröge allen Müttern im C&A-Team zum Muttertag ein Vier-Gänge-Menü im "Ritter"; im Gegenzug mussten deren Männer die Bedienung übernehmen. "Heute kann man solche Aktionen in dieser Form gar nicht mehr machen. In Zeiten der Globalisierung hat sich der Konzern längst europaweit ausgerichtet. Da wird vieles zentral gesteuert und man hat nicht mehr so den Handlungsspielraum wie früher."

Länger oder kürzer öffnen? – Über Personalmangel und Energiekrise

Hans-Jürgen Dröge hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. "Die Ausbildung ging über sechs Jahre und war intensiver als ein Studium." In dieser Zeit schnupperte Dröge in acht verschiedene Filialen in Deutschland und Österreich hinein und sammelte Erfahrung. "Bei den Fabrikanten waren unsere Einkäufer geradezu gefürchtet, weil wir bestens ausgebildet waren und uns genau mit Stoffen und allem auskannten. Da konnten die Kunden sicher sein: Bei C&A stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis."

Heute sei gutes Personal in der Textilbranche – wie überall im Einzelhandel – schwieriger zu finden. "Der Beruf des Verkäufers ist einfach nicht mehr so populär. Das hat wohl auch was mit der seit einiger Zeit gern zitierten ,Work-Life-Balance‘ zu tun", sagt Dröge und erinnert an den Aufschrei vor zig Jahren, als der sogenannte "Schlado" – der "Scheißlange Donnerstag" (geöffnet bis 20 Uhr) – eingeführt werden sollte. "Da waren vorher alle dagegen. Und dann hat das eingeschlagen wie eine Bombe."

Heute kann man über die Diskussion von damals nur müde lächeln. In Zeiten von explodierenden Energiekosten wird derzeit in verschiedenen Branchen sogar darüber nachgedacht, die Geschäfte eventuell einen Tag in der Woche zu schließen. Eine Maßnahme, von der Hans-Jürgen Dröge absolut wenig hält: "Da nehmen wir uns nur selbst die Kunden weg. Dann lieber zwei oder drei Grad niedriger heizen."

"Fulda muss seine Anziehungskraft als Oberzentrum weiter ausbauen"

Obwohl der Textil- und Einzelhandel seit Jahren im permanenten Krisenmodus ist, sieht Hans-Jürgen Dröge Fulda insgesamt besser aufgestellt: "Die Stadt hat diese Entwicklung rechtzeitig erkannt. Wir haben den Musical-Sommer und das Weinfest, die Innenstadt ist wunderschön, die Hochschule wächst und der Weihnachtsmarkt ist deutlich attraktiver als früher. Das alles zusammen ist ein enormer Wirtschaftsfaktor, der auch Touristen anlockt, die dann die Innenstadt und auch den Einzelhandel beleben. Fulda ist nun mal das einzige Oberzentrum in ganz Deutschland, wo es im Umkreis von hundert Kilometern keine Großstadt gibt. Diese Anziehungskraft muss die Stadt weiter ausbauen." (Matthias Witzel) +++


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