Thorsten Backwinkel-Pohl: Er geht mit Wehmut, aber auch in Aufbruchstimmung. - Foto: Traudi Schlitt

LAUTERTAL Verabschiedung am 26. November

Pfarrer Thorsten Backwinkel-Pohl geht in den Ruhestand

24.11.22 - Zeit für den Abschied sei es – das sagt Thorsten Backwinkel-Pohl. Seit 26 Jahren ist der 61-Jährige Pfarrer in Engelrod und damit Gemeindepfarrer für Engelrod, Eichelhain, Eichenrod, Hörgenau und Rebgeshain. Gerne hätte er noch weitergearbeitet, sagt er, doch sein gesundheitlicher Zustand habe ihm Grenzen gezeigt. Am kommenden Samstag verabschiedet sich die Gemeinde von einem Landpfarrer mit Leib und Seele, von einem Literaturkenner und Kulturbeflissenem, von einem, der stets offen ist für Neues.

Geboren im Ruhrgebiet, aufgewachsen im Siegerland, war Thorsten Backwinkel-Pohl schon in seiner Jugend religiös. Die fundamentalistisch-pietistisch-reformierte evangelische Kirche dieser Region war es jedoch nicht, die ihn ansprach: "In meiner Jugend war ich tatsächlich eher in der katholischen Kirche zuhause", sagt er, der im Studium in Marburg dann aber doch eine evangelische Kirche kennenlernte, bei "der man das Hirn nicht abschalten muss." Er ist ein Mann klarer Worte, einer, der nicht um den heißen Brei herumredet oder gar mit seiner Meinung hinter dem Berg hält. Bestes Beispiel dafür ist, dass er sogar öffentlich einen Austritt aus der evangelischen Kirche in Betracht zog, weil er mit der Impulspost "Die Bibel auf einem Bierdeckel" nicht einverstanden war. Er hat sich oft positioniert in den vergangenen Jahren – zuletzt als Karl-May-Fan in der Diskussion um kulturelle Aneignung und darüber, was Winnetou auch heute noch an Idealen vermittelt.

Ganzes Berufsleben in Engelrod

Backwinkelt Pohl studierte in Marburg, Tübingen und Zürich, absolvierte sein Vikariat in Buseck-Beuern sowie ein Spezialvikariat an seiner alten Schule, dem Johanneum-Gymnasium in Herborn. Um festzustellen, dass weder der Schuldienst noch die vertraute, doch ungeliebte religiöse Atmosphäre seiner Heimat ihm ein gedeihliches Berufsleben bescheiden würden. Und so kam er mit seiner Ehefrau Silke Pohl und fünf Kindern schließlich nach Engelrod.

"Schließlich", weil er dort sein ganzes weiteres Berufsleben verbrachte. Mit dann sieben Kindern bewohnte die Familie das geräumige Pfarrhaus, belebte den Garten, wurde heimisch. So sehr, dass die Pohls auch im Ruhestand des Pfarrers in der Region bleiben werden: "Da meine Frau noch arbeitet, haben wir entschieden, im Vogelsberg zu bleiben." Ein altes Bauernhaus mit einer Scheune, für die Backwinkel-Pohl schon interessante Pläne hat, wurde in Meiches gefunden; der Umzug steht im neuen Jahr vor der Tür.

"Nur eine Kirche, eine schöne Landschaft und ein großes Pfarrhaus, dafür allerdings ein Kindergarten", das waren die Gründe, aus denen sich der junge Pfarrer vor mehr als einem Vierteljahrhundert für Engelrod entschieden hat. Den Kindergarten samt Team hat Backwinkel-Pohl mit der Zeit ins Herz geschlossen; seine Familie und er lernten in der neuen Heimat "viele tolle Menschen" kennen: "Ich hatte Glück, dass ich stets und bei allen Ideen, die ich hatte, mit zugewandten, kreativen und offenen Menschen zusammenarbeiten durfte." Das Lob des Geistlichen geht sowohl an die Mitglieder der Kirchenvorstände als auch an die Gemeindeglieder sowie die Pfarrerinnen und Pfarrer in den Nachbargemeinden.

Beispielhaft für diese Offenheit steht die Entwicklung der Krippenspiele, die Backwinkel-Pohl selbst schreibt und aus denen mit den Jahren Krippenspiele für Erwachsene geworden sind. Seine Engelröder Adaption von "Don Camillo und Peppone", die die Ortsvorsteherin und den Geistlichen als Protagonisten hat, ist legendär. Der zweite und vielleicht letzte Teil dieser Reihe thematisiert Don Backwinkel-Pohls Abschied und die Fragen, was wohl wird, wenn der alte Pfarrer geht und durch einen neuen ersetzt werden soll.

Abwechslungsreiches Gemeindeleben

Im Rückblick ist Thorsten Backwinkel-Pohl dankbar für ein lebendiges abwechslungsreiches Gemeindeleben, in dem er gemeinsam mit den Kirchenvorständen viele kreative Gottesdienstideen umsetzt: Nicht nur den Karl-May-Gottesdienst, von denen er im Übrigen schon vor zehn Jahren einmal einen konzipiert hat und der den Schriftsteller auch als Komponisten würdigt, nennt er hier, sondern Tischgespräche oder die Reihe "Abendmahl mal anders" die mal musikalisch, mal interaktiv, mal meditativ gestaltet wurde. In der Corona-Zeit sendete der Pfarrer seine Gottesdienste per WhatsApp an viele interessierte Gemeindeglieder – auch ein Konzept für die Zukunft, wie er findet, gerade mit Blick auf die sinkende Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer und auch der Gottesdienstbesuche.

Dennoch: Das Miteinander in seinen Dörfern ist gut, die Ökumene gut aufgestellt. "Es gibt viel, worauf ein neuer Pfarrer oder eine neue Pfarrerin sich hier freuen kann", ist er sicher, zumal mit dem Schritt ins Gruppenpfarramt neue Spielräume eröffnet werden und mit der Planung, die Kindergartenverwaltung im Dekanat gemeindeübergreifend zu organisieren, Verwaltungsarbeit von den Schultern der Pfarrperson genommen wird. "Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass die Kirche noch besser werden kann und ich würde gerne noch weiter daran mitarbeiten", sagt Thorsten Backwinkel-Pohl.

Dass er nun bereits vor der eigentlichen Ruhestandsversetzung in den "Wartestand" geht, ist seiner Erkrankung geschuldet: Unspezifische Schmerzen, die stressbedingt steigen, sowie schwankende depressive Phasen, die ebenfalls mit weniger Arbeitsbelastung nachlassen. "Ich hoffe sehr, diese Zeit nutzen zu können, um wieder fitter und gesünder zu werden." Für den passionieren Fahrradfahrer ist dies ein wichtiges Ziel, zumal er seiner letzten Konfirmandengruppe noch eine Fahrradtour "schuldig geblieben" ist. Mit anderen Gruppen war er im Rahmen eines Projekts auch schon mal bis Verdun oder nach Wittenberg geradelt. Auch für seinen Ruhestand hat er sich eine Fahrradtour als Langzeitprojekt vorgenommen: Er möchte mit dem Fahrrad nach Georgien fahren – eine Reise, die derzeit auch wegen des Kriegs in der Ukraine erstmal auf Eis liegt. Über eine seiner Töchter hat er ein Faible für das Land am Schwarzen Meer entwickelt, genauso wie ein großes Interesse an Ikonen und Orthodoxie. Auch Russisch hat er angefangen zu lernen: In einer dreimonatigen Studienzeit hat er Zeiten in einem orthodoxen Kloster in Georgien und in Deutschland verbracht.

Organspender

Ein anderes Thema, das den Geistlichen sehr beschäftigt, ist die Organspende: Er selbst hat für eine junge Frau aus dem engen Freundeskreis eine Niere gespendet und musste erleben, wie schwer die Bürokratie eine Lebendspende außerhalb der Familie macht. Auf die ihm eigene Art wird er vehement und energisch, wenn er dafür eintritt, mehr Menschen mit Lebendspenden ein unbeschwerteres Weiterleben zu ermöglichen – in vielen Bereichen: "Effizienten Altruismus habe ich durch meine Kinder kennengelernt – es ist schön, sich von jungen Leuten inspirieren zu lassen und offen zu sein."

Pläne für den Ruhestand

Für seinen Ruhestand hat der vielseitig interessierte Mann bereits einige Pläne: Er möchte versuchen, die große Scheune an seinem neuen Haus in Meiches als Kulturscheune zu entwickeln. Kontakte und Ideen hat er genug: Lesungen, Vorträge, Musik, Ausstellungen warten darauf, vielleicht nach Meiches zu kommen. Praxiserfahrung hat der umtriebige Geistliche auch: Mit den Künstlern Martin und Gabriele Janneck hat er in der Totenkapelle in Engelrod eine eindrucksvolle Lesung zum Gedenken an die Schlachten im Ersten Weltkrieg veranstaltet. Verschiedene andere Lesungen hat Backwinkel-Pohl schon absolviert, zuletzt trat er mit zwei Vorträgen zum Thema Orthodoxie und "Bibel und Wein" in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Dekanat Vogelsberg in Erscheinung. "Ich kann mir hier viele Formate und Kooperationen vorstellen", freut sich der zukünftige Ruheständler auf Zeit und Muße ohne Druck.

Der Abschied fällt ihm leichter, weil er weiß, dass seine Kirchengemeinde gut dasteht: Der Kirchenvorstand ist engagiert und selbstständig; die Gemeindesekretärin nicht minder. "Sie alle mussten sich ja während meiner Krankheitszeit schon in die Materie einarbeiten", sagt er, der seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger einen ordentlichen Übergang ermöglichen möchte: "Ich habe möglichst viel aufgeräumt und einiges zur Information aufgeschrieben."

Dieses Weihnachtsfest wird seit Jahrzehnten nun das erste sein, das der Pfarrer mit seiner Familie privat erlebt. Das Pfarrhaus in Engelrod wird noch einmal voller Leben sein, wenn die ausgeflogenen Kinder der Familie Pohl eintreffen. Mit dem neuen Jahr wird dann auch für Thorsten Backwinkel-Pohl eine neue Zeit heranbrechen.

Die Verabschiedung findet am kommenden Samstag, dem 26. November, um 15 Uhr in der Evangelischen Kirche in Engelrod statt. Danach ist ein Empfang im Gemeindehaus geplant. Die Kirchengemeinde bittet alle Gäste und Mitwirkende um einen negativen Selbsttest. (pm) +++


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