Vor dem wegweisenden Spiel gegen den Tabellensechsten TTC indeland Jülich (Sonntag, 16 Uhr, Main-Kinzig-Halle in Hanau) gestaltet sich die Lage für die Bundesliga-Tischtennisspieler der TGH ein ganzes Stück entspannter als noch eine Woche zuvor. Mit dem Sieg in Bremen, zwar erhofft aber nicht erwartet, konnte man die Rote Laterne elegant an die Norddeutschen weiterreichen und befindet sich tabellarisch nun in einer Vierergruppe zusammen mit Werder, Plüderhausen und Aufsteiger Saarbrücken, die allesamt 2:6 Zähler aufweisen. Nun könnte man sogar Anschluss ans Mittelfeld finden - ein Erfolg gegen die „sperrige“ Truppe vom Niederrhein vorausgesetzt.
„Mr. Tischtennis“ Jörg Roßkopf und EM-Star Ruwen Filus gewannen an der Weser ihre ersten Saisonspiele - zuvor bestand, wie schon letzte Saison in Gönnern, das Hauptproblem darin, dass lediglich Taiwanese Chiang regelmäßig punkten konnte. In Hanau weiß man nun endlich, wie sich Bundesliga-Siege anfühlen. Gerade für die jungen Spieler mag dies eine große Erleichterung gewesen sein.
Nun kommt es zu einem der wichtigsten Saisonspiele. Gegner TTC Jülich, der oft die auf dem Papier schwächste Truppe der Bundesliga stellte, haftet der Ruf an, "unabsteigbar" zu sein. In der 33. Saison ist man erstklassig, Manager Arnold Beginn ist als Jülicher „Urgestein“ sogar bereits seit 36 Jahren im Amt. Mit dem 25-jährigen Linkshänder Yang Zi aus Singapur hat man nun einen starken Spitzenspieler in seinen Reihen - bisherige DTTL-Bilanz 6:3. Hanau muss versuchen, Yang, den Trainer Dimmig mit Sicherheit an Position eins nominieren wird, wenigstens ein Einzel abzuknöpfen. Sonst wird es sehr, sehr eng, da die Teamkollegen des Asiaten - der portugiesische Nationalspieler Marcos Freitas sowie die Ex-Zweitligaspieler Loic Bobillier (Frankreich) und Filip Szymanski (Polen) - zwar allesamt keine Überflieger sind, zuletzt jedoch sämtlich aufsteigende Tendenz zeigten. Kurios: Der Gast hat, bis auf Szymanski, ausschließlich Linkshänder in seinen Reihen, was selbst für den 14-jährigen Ersatzspieler Jonas Lenzen gilt.
Laut TTC-Boss Beginn stellt man mit einem Etat von unter 100.000 Euro die mit Abstand preisgünstigste Mannschaft der gesamten Liga. Jülich - vor der Saison von fast allen Bundesligatrainern und -managern als Kanonenfutter der DTTL eingestuft - konnte bereits vier Zähler verbuchen und würde sich bei einem Sieg in der Brüder-Grimm-Stadt erst einmal auf Wochen hinaus im Mittelfeld festsetzen. Ausgerechnet zwei Topklubs hat man düpieren können. Ärgerlich aus Hanauer Sicht an den jüngsten beiden Jülicher Erfolgen ist, dass die Gegner jeweils ohne ihren stärksten Spieler antraten - Ochsenhausen vergangenen Sonntag ohne die Nummer 17 der Welt, Chuang Chih-Yuan, Frickenhausen eine Woche zuvor ohne das japanische Megatalent Kenta Matsudaira. Aber auf die Aufstellungen der Konkurrenz hat man keinen Einfluss, während man es am Sonntag in eigener Hand hat, die Verhältnisse geradezurücken.
Chiang Hung-Chieh (Ligabilanz bisher 3:2) weilt wieder im Hessenland und wird die Hanauer Farben anführen - sein „Stellvertreter“ Lee Jung Sam, der in Bremen die einzige Niederlage hinnehmen musste und dennoch gezeigt hat, dass auch er eine Verstärkung sein kann, ist bereits wieder nach Südkorea zurückgekehrt. Auch wenn Trainer Helmut Hampl grundsätzlich seine Aufstellungen nicht preisgibt, deutet einiges darauf hin, dass neben Chiang der bei Werder in die Erfolgsspur zurückgekehrte „Rossi“ und Abwehrkünstler Filus die Einzel spielen werden - also das derzeit fraglos stärkste TGH-Trio.
Jörg Roßkopf kennt den TTC Jülich wie kaum ein anderer, wo er die letzten beiden Spielzeiten unter Vertrag stand. Von den Spielern kennt er allerdings nur den von Düsseldorf zurückgekehrten Marcos Freitas näher, da die Truppe vom Niederrhein vor der Saison ein komplett neues Gesicht erhielt. Rekordnationalspieler „Rossi“ ist überzeugt: „Wir gewinnen am Sonntag gegen Jülich und dann sieht alles schon viel besser aus."
Johannes Herrmann ist im Vorfeld bestrebt, den Druck ein wenig von seiner Mannschaft zu nehmen: „Wir sind noch früh in der Saison und werden noch weitere Gelegenheiten haben Punkte zu sammeln, falls es am Wochenende nicht klappen sollte.“ Hanaus Teammanager lässt jedoch keinen Zweifel am Siegesweilen der TGH-Cracks: „Wir sind sehr heiß auf dieses Spiel. Hier treffen zwei Mannschaften aufeinander, die man zu Beginn im unteren Tabellendrittel erwartet hat. Also letztlich Abstiegskampf pur, die Zuschauer können sich auf ein brisantes Duell freuen.“ Auf den Fanzuspruch vor der richtungsweisenden Partie angesprochen, sagt Herrmann: „Die Resonanz im Vorfeld ist natürlich gegenüber dem Düsseldorf-Spiel geringer. Damit musste man rechnen. Wir sind aber mit dem bisherigen Verlauf des Zuschauerinteresses sehr zufrieden.“
Die Fans dürfen sich vermutlich auf einen Tischtennis-Thriller freuen - es könnte ganz eng werden zwischen den Rivalen im Abstiegskampf. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass gerade solche Partien, in denen aufgrund ihrer Bedeutung verbissen um jeden einzelnen Punkt gefightet wird, in aller Regel die sehenswertesten sind. (Dr. Stephan Roscher) +++