22.06.23 - Nur vier Siege aus den letzten 16 Länderspielen, blamables Vorrunden-Aus bei der WM in Katar und keinerlei spielerische Weiterentwicklung. Ein Jahr vor der Heim-EM herrscht Tristesse rund ums DFB-Team, von Euphorie und Aufbruchsstimmung ist nichts zu spüren. Der Verband braucht nun schnelle Lösungsansätze - und muss auch die Arbeit des Bundestrainers kritisch hinterfragen.
Als Schiedsrichter Halil Meler die Partie der DFB-Elf gegen Kolumbien nach 96 Minuten abpfiff, begleitete die Nationalspieler ein gellendes Pfeifkonzert in die Kabine. Mit 0:2 hatten Deutschlands vermeintliche Elite-Kicker gegen eine Mannschaft verloren, die sich nicht einmal für die WM in Katar qualifiziert hatte. Nach dem blamablen 3:3 gegen die Ukraine und dem 0:1 gegen Polen war es das dritte Testspiel, das die Nationalmannschaft in den Sand setzte. Aktuell scheint es nicht mal mehr für Mittelklasse-Mannschaften zu reichen.

Das DFB-Team steckt in der Krise Foto: picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
Es fehlt eine klare Handschrift
Dabei ist die nötige Qualität, sieht man einmal von einzelnen Positionen ab, durchaus vorhanden. Musiala, Havertz, Rüdiger, Gündogan, Kimmich, Goretzka und ter Stegen spielen in den größten Vereinen der Welt tragende Rollen. Dazu kommen mit Wirtz oder Malick Thiaw aufstrebende Talente. Bei allen Problemen auf den defensiven Außenbahnen und im Sturmzentrum sollte man erwarten, dass man mit solch einer Mannschaft zumindest Gegner wie Polen, Kolumbien, Japan, Ukraine und Ungarn schlägt. Auch Weltmeister Argentinien ist nicht auf jeder Position Weltklasse besetzt. Von Marokko oder Kroatien mal ganz zu schweigen - und dennoch holen diese Mannschaften deutlich mehr aus sich heraus.
Und da wären wir dann eben auch beim Trainer. Hansi Flick ist als großer Hoffnungsträger nach der Ära Löw angetreten. Zwei Jahre nach seinem Dienstantritt lässt sich aber festhalten, dass er die Mannschaft in keinster Weise weiterentwickelt hat. Dem Team fehlt immer noch eine klare Handschrift, eine funktionierende Spielidee. Zusammengefasst: kein Tempo, keine Torgefahr, dafür aber jede Menge Löcher in der Defensive.

Auch viele Fans wenden sich von der Nationalmannschaft ab Archivfoto: ON
Warum nicht mal neue Wege gehen?
Flick wirkt wie jemand, der keine Lösung für all die Probleme hat, der nicht weiß, wie man mit dieser Mannschaft erfolgreich Fußball spielen kann. Statt die Testspiele wie Wettkampfspiele zu betrachten, um mit guten Auftritten auch wieder die Fans, die dem DFB in Scharen davonlaufen, hinter sich zu bringen, experimentiert er weiter planlos herum. In 24 Länderspielen hat er 21 verschiedene Abwehrformationen aufgeboten. Wie soll sich so eine Mannschaft einspielen, wie soll sie Selbstvertrauen tanken?
Beim DFB muss man daher auch Hansi Flick kritisch hinterfragen, sonst rast man sehenden Auges ins Verderben. Alternativen zu Flick gäbe es. Der Name Julian Nagelsmann liegt auf der Hand. Aber warum nicht auch mal über den deutschen Tellerrand hinausschauen und neue Wege gehen? Oliver Glasner wäre ein Kandidat, der sein Können schon unter Beweis gestellt hat. Das könnte den Verband und die Nationalmannschaft aus dem bleiernen Trott der letzten Jahre herausholen und für neue Impulse sorgen. Beim DFB mahlen die Mühlen aber langsam, zudem ist die finanzielle Lage des Verbandes sehr angespannt. Flick wird wohl deshalb auch im September bei den nächsten Länderspielen gegen Japan und Frankreich auf der Bank sitzen. (Felix Hagemann)+++