Nicht einmal der hellsichtige Joseph Roth konnte ahnen oder voraussehen, in welchen Abgrund die NSDAP Deutschland führen würde. Mahnmal des Konzentrationslagers Dachau - Foto: Pixabay

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Joseph Roth, Das Spinnennetz: Fanfaren irgendwo am Horizont

08.10.23 - Nicht jedes Buchdebüt ist brillant, für "Das Spinnennetz" gilt das auf jeden Fall. Diese Erzählung Joseph Roths erschien im Krisenjahr der Weimarer Republik 1923. Wenn Sie nicht viel Zeit zum Lesen haben, aber auf der Suche nach intensiver und hellsichtiger Lektüre sind, sollten Sie nach diesem nicht einmal 100 Seiten starken Band greifen.

Ein Hoch auf die Diktatur

Roth hatte das "Spinnennetz" als Fortsetzungsroman für die Wiener Arbeiter-Zeitung konzipiert, die erste Buchausgabe erschien erst 1967. Wir sind in München – der Krieg ist verloren, mit ihm viele Hoffnungen zerstoben, es herrschen Armut, Hunger, Verzweiflung und Elend. Die Hauptfigur des Romans ist Theodor Lohse, Leutnant im Ersten Weltkrieg, der zurückgekehrt ist und nun bei der Mutter und den Schwestern lebt. Die hätten es lieber gesehen, er wäre den Heldentod auf dem Schlachtfeld gestorben – das hätte es für alle einfacher gemacht. Lohse hasst Juden und Sozialisten, und liebt klare Strukturen und Befehle.

Joseph Roth auf einer Fotografie aus dem Jahr 1926, kurz nach der Entstehung des „Spinnennetzes“ ...Foto: Wikipedia

Cover von „Das Spinnennetz“ – es gibt unterschiedliche Ausgaben. Diese erschien ...Foto: Verlag

Die Hauptangeklagten im Hitler-Ludendorff-Prozess von 1923 – Ludendorff steht ...Foto: Wikipedia/Bundesarchiv Bild 102-00344A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

Das Leben als Zivilist behagt Lohse gar nicht. Es geht ihm gegen den Strich, als Hauslehrer bei einer reichen jüdischen Familie zu arbeiten, die ihn gut behandelt und angemessen bezahlt, obwohl er doch im tiefsten Inneren davon überzeugt ist, dass die Juden an allem schuld sind. Sein Leben genügt ihm nicht. Immer wieder macht er sich an die Hohen und Höchsten heran – Adlige, Militärs, einflussreiche Männer: "In ihm schrie es ‚aufwärts‘, um ihn schrie es ‚aufwärts‘ (…), er schrie ‚Hoch die Diktatur!"

Denn Theodor Lohse ist nach dem Krieg in rechtsnationale Kreise geraten und fühlt sich dort ausnehmend wohl. Im "Nationalen Beobachter" schreibt er reißerische und hetzerische Artikel über Juden und Sozialisten, in einer nationalistischen Geheimorganisation übernimmt er dunkle Spitzelaufträge. Vom Täter mit der Schreibfeder wird er rasch zum wirklichen Täter und beseitigt Menschen, die ihm bei seinem Aufstieg im Weg stehen. Dazu gehört auch der Detektiv Klitsche, den Lohse ermordet und dessen Geschäft er übernimmt. Ein weiterer Geschäftspartner ist der Spitzel Benjamin Lenz, der ihm immer wieder Geld leiht, aber ganz gewiss nicht aus Sympathie oder Nächstenliebe.

Ein Sieg der Ordnung

Am 8./9. November 1923 versuchen Hitler und Ludendorff durch ihren Putsch, die Weimarer Republik zu stürzen. Bekanntlich misslingt das. Ein paar Köpfe rollen, ein paar Minister werden ausgetauscht, und die Ordnung ist scheinbar wieder hergestellt. Die Brüchigkeit der politischen Verhältnisse ist nicht mehr zu übersehen.

Am Münchner Odeonsplatz nach dem Putschversuch vom 9. November 1923 Wikipedia/Bundesarchiv Bild 119-1426 / CC-BY-SA 3.0

NSDAP-Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller um 1923 Foto: Wikipedia/Bundesarchiv Bild 146-1978-004-12A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

Bernhard Wickis letzte Regie-Arbeit aus dem Jahr 1989 war die Verfilmung von Roths ...Foto: Wikipedia

Theodor Lohse beschließt, zu heiraten – seine Zukünftige, Elsa von Schlieffen, kommt aus guter, wenn auch armer Familie und verbindet mit Lohse die Hoffnung auf den Aufstieg im heraufziehenden neuen Staat. Mit der Heirat wird Lohse in dem Maße bequem, wie seine Frau anspruchsvoll ist. Sie will zu ihm aufschauen, also braucht er einen entsprechenden Posten. Zusehends verstärkt sich die Abhängigkeit von Lenz, den Lohse mehr und mehr für seine Arbeit braucht. "Er war nirgends so mächtig wie zuhause. Hier geschah, was er befahl, hier geschah auch, was er im Stillen nur wünschte." Seiner Frau kann Lohse nicht anvertrauen, dass ihn die Dämonen seiner Morde heimsuchen – so wird Benjamin Lenz zu seinem Vertrauten. Das gibt dem die Möglichkeit, Lohse ans Messer zu liefern.

Ein Buch von brutaler Schönheit

"Das Spinnennetz" zieht einen sowohl sprachlich als auch erzählerisch sofort in Bann. Wie sich das für einen Fortsetzungsroman gehört, sind die Kapitel knapp und markant, manche Sätze knallen wie Peitschenhiebe. Das ist Expressionismus pur. Es gibt kein überflüssiges Wort, keine ablenkenden Beschreibungen, dafür wortgewaltige Metaphern. Manches ist grell überzeichnet wie in einer Karikatur.

Roth hat mit Theodor Lohse den klassischen NS-Mitläufer und Mit-Täter geschaffen, dem die einfachen Parolen eine scheinbare Ordnung der Welt vorgaukeln, die nur von den Juden gestört wird. Lohse ist ein Mann, der überall und bei jedem die Schuld sucht, nur nicht bei sich selbst. Aus dieser Opferhaltung heraus rechtfertigt er die brutalsten Verhöre, Verhaftungen und Verleumdungen.  Lohse ist ein Karrierist, der im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Das – genauso wie sein Antisemitismus – finden im Deutschland jener Jahre gesellschaftliche Akzeptanz.

Roths Roman macht klar: Man konnte sehr früh erkennen, wohin die NSDAP Deutschland führen wird. Der Schluss ist düster, und es wird einem nicht wohler ums Herz bei dem Gedanken, dass die Wirklichkeit des Dritten Reichs noch um ein Vielfaches schlimmer war. Aus der Dystopie wird bitterste Realität. Wenn Ihnen beim Lesen Parallelen zum Deutschland des Jahres 2023 ein- und auffallen, haben Sie recht: "Das Spinnennetz" führt exemplarisch vor Augen, wohin eine Gesellschaft driftet, in der Hass, Unwissenheit, Intoleranz, Verleumdung und Rassismus die Oberhand gewinnen. Man kann Roths Erzählung als Ermutigung lesen, sich für die Demokratie einzusetzen. Zwar ist sie nicht vollkommen, und auch ihre Protagonisten sind es nicht, sie ist aber die beste Staatsform, die Menschen jemals entwickelt haben. Sie zu stärken und zu verteidigen sollte uns deshalb ein Herzensanliegen sein – nicht nur in der Wahlkabine. (Jutta Hamberger) +++


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