Sorge um Versorgung von Frühchen - Foto: Klinikum Fulda

FULDA Fallzahlen spielen bei Neuregelung Hauptrolle

Sorge um Versorgung von Frühchen - Prof. Dr. Repp kritisiert Pläne

12.10.23 - Geht es nach dem Willen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dürfen ab dem nächsten Jahr Frühgeborene, die bei ihrer Geburt weniger als 1.250 Gramm wiegen, nur noch in rund zwei Drittel der bisherigen Kliniken behandelt werden. Der Deutsche Bundestag beschäftigt sich an diesem Donnerstag mit einer Petition, die genau das verhindern soll.

Ab Januar 2024 muss ein Level-1-Perinatalzentrum – dabei handelt es sich um eine Frühchen-Station, die Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1.250 Gramm betreuen darf – mindestens 25 solcher extremen Frühchen pro Jahr behandeln, um die Leistung auch künftig anbieten zu können. Rund ein Drittel der bundesweit 166 Level-1-Perinatalzentren müssten dadurch voraussichtlich schließen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen in Deutschland, begründet diese Entscheidung damit, dass es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl behandelter Fälle und der Qualität der Behandlung gebe. Zudem sei die Versorgungsdichte in Deutschland mit einem solchen Perinatalzentrum pro 3.500 Neugeborene pro Jahr im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Argumente, die im Bereich der Kindermedizin durchaus für Kritik sorgen – zum Beispiel von eben jener Mitarbeiterin des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums in Neubrandenburg, die die nun zu behandelnde Petition ins Leben gerufen hat. Rund 110.000 Menschen haben sich ihr angeschlossen. Am Donnerstag werden der Eingabe sogar drei Minuten Redezeit im Plenum des Bundestags eingeräumt.

Professor Dr. Reinald Repp, Leiter der Kinderklinik am Klinikum Fulda Archivfoto: ON

Kritik an der Neuregelung kommt aber auch aus der Region – von Professor Dr. Reinald Repp, Leiter der Kinderklinik am Klinikum Fulda. Das Perinatalzentrum des Klinikums Fulda ist mit zuletzt 31 behandelten extremen Frühchen pro Jahr aktuell zwar nicht von einer Schließung bedroht. Dennoch ist es für Repp nicht nachvollziehbar, dass es künftig irrelevant sein soll, ob eine Klinik gut oder schlecht arbeitet und ausschließlich auf die Anzahl der Fälle pro Jahr geschaut werden soll.

"Das ergibt überhaupt keinen Sinn"

"Wenn man der Meinung ist, dass es in Deutschland zu viele Kliniken gibt, die extrem kleine Frühgeborene behandeln dürfen, sollte man eher die 50 schlechtesten schließen und nicht die 50 kleinsten", findet Repp. Das würde die Überlebenschancen der Frühchen eher erhöhen als die Einführung einer Mindestfallzahl, ist der Mediziner überzeugt. Die dafür nötigen Informationen liefere beispielsweise das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG). Dieses wertet seit rund zehn Jahren die Daten zu Überlebenswahrscheinlichkeit, Häufigkeit schwerer Komplikationen und der klinischen Erfahrung des Behandlungsteams der einzelnen Kliniken aus. Nach der Neuregelung müsse eine Klinik, die zwar hervorragende Ergebnisse vorweist, aber nicht auf die Mindestfallzahl von 25 kommt, Schwangere in eine größere Klinik verlegen – selbst, wenn dort die Qualität viel schlechter sei. "Das ergibt überhaupt keinen Sinn", ist Repp überzeugt.

Symbolfoto: ON/Carina Jirsch

Auch das Argument der Überversorgung Deutschlands möchte Repp so nicht stehen lassen. "Richtig ist, dass auch Länder mit einer höheren Zentralisierung der Frühchenversorgung statistisch gute Ergebnisse aufweisen. Allerdings auch möglicherweise deshalb, weil die besonders kritischen Frühgeborenen es dort gar nicht erst in die Klinik schaffen und so in der Statistik nicht auftauchen." Als weiteren Kritikpunkt nennt Repp einen "massiven Fehlanreiz", den die neue Regelung mit sich bringt. "Denn das Allerbeste für Frühgeborene ist nicht die Behandlung auf der Frühchenstation, sondern wenn es gelingt, die Geburt so lange wie möglich herauszuzögern", stellt Repp klar. Schafft eine Klinik zum Wohle des Ungeborenen dies besonders gut, könne es sein, dass es deshalb die Mindestfallzahl nicht erreicht und künftig Schwangere verlegen muss. "Der Anreiz sollte also nicht darin liegen, möglichst viele kleine Frühchen zur Welt zu bringen, sondern eher möglichst wenige, indem sie so lange wie möglich im Bauch der Mutter bleiben", sagt der Kinderklinikchef abschließend.

Vier Fragen an Professor Dr. Reinald Repp, Leiter der Kinderklinik am Klinikum Fulda

Was stört Sie an der Hochsetzung der Mindestfallzahlen, die ab nächstem Jahr gelten sollen?

Prof. Dr. Repp: "Mich stört, dass es künftig keine Rolle spielen soll, ob eine Klinik gut oder schlecht ist. Nach der geplanten Neuregelung können unter Umständen auch Kliniken, denen eine unterdurchschnittliche Qualität bescheinigt wird, weitermachen. Gleichzeitig dürfen gute Kliniken extreme Frühchen nicht mehr behandeln, nur weil sie zu klein sind. Ein massiver Fehler im System."

Ist das Perinatalzentrum des Klinikums Fulda von einer Schließung betroffen?

Prof. Dr. Repp: "Wir haben in den vergangenen Jahren im Durchschnitt immer zwischen 30 und 35 Fälle von extrem kleinen Frühchen behandelt. Damit erreichen wir die Mindestmengen eigentlich regelmäßig. Im Corona-Jahr 2021 hatten aber auch wir einen Ausreißer nach unten und nur 19 relevante Fälle. Nach der Neuregelung könnte das für das Folgejahr das Aus bedeuten. Und betroffene Schwangere müssten dann künftig deutlich längere Wege in Kauf nehmen."

Aber ist es den Eltern nicht zumutbar, für die Geburt ihres Kindes auch mal eine längere Wegstrecke in Kauf zu nehmen?

Prof. Dr. Repp: "Es geht nicht um die Zumutbarkeit. Es geht um den Faktor Zeit. 2019 kam zum Beispiel eine Frau aus Thüringen zu uns. Sie war mit Drillingen in der 24. Woche schwanger. Zehn Minuten nach ihrem Eintreffen kam das erste Kind zur Welt, nach 25 Minuten waren alle drei Babys mit Geburtsgewichten zwischen 450 und 600 Gramm entbunden. Alles spontane, also natürliche Entbindungen. Hätte diese Mutter nur eine halbe Stunde länger fahren müssen, wären heute wohl alle drei Kinder nicht mehr am Leben. So sind sie glücklicherweise alle gesund. Die Neuregelung sieht zwar vor, dass jede Klinik im Notfall auch behandeln darf. Wenn die entsprechende Klinik aber nicht mehr auf extreme Frühchen ausgelegt ist, sind die Überlebenschancen für das Kind deutlich schlechter, weil das erfahrene Personal nicht mehr dort arbeitet."

Wäre es für eine Klinik wie die in Fulda überhaupt leistbar, wenn aufgrund der Schließung von Frühchenstationen in der Umgebung künftig mehr extreme Frühchen zur Entbindung kommen?

Prof. Dr. Repp: "Es droht auf alle Fälle ein Versorgungsengpass, wenn 50 Kliniken in Deutschland wegfallen, die bisher extrem kleine Frühgeborene behandelt haben. Schon jetzt werden an vielen Stellen Schwangere mit drohender Frühgeburt abgelehnt, weil zu wenig Pflegepersonal vorhanden ist. Dazu muss man wissen, dass ein Frühgeborenes, das intensiv behandelt wird, eins zu eins betreut wird. Das heißt, dass die Pflegekraft sich in der jeweiligen Schicht nur um ein einziges Frühchen kümmert. Pro Intensivplatz braucht man aufgrund des Schichtsystems, Krankheit und Urlaub im Schnitt fünfeinhalb Pflegekräfte." (Tobias Farnung/Mediennetzwerk Hessen) +++


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