130 Kilometer trennen Hanau vom idyllischen Tischtennis-Dörfchen Grenzau - keine erwähnenswerte Entfernung in einer Tischtennis-Republik, in der ohnehin jeder jeden kennt und regelmäßig besucht. Am Sonntag muss die taufrische Jungprofitruppe aus Hanau erstmals in der Zugbrückenhalle antreten. Diese Nachholpartie beschließt die Vorrunde mit zünftiger Verspätung. Zwei Tischtennis-Welten werden aufeinanderprallen: Hier die Youngster der TGH mit „Leitwolf“ Roßkopf und dem einzigen Ziel, in der Liga zu verbleiben, dort der Tischtennis-Riese mit großer Vergangenheit, der sich eindeutig auf Play-Off-Kurs befindet und Tabellenplatz drei durch einen Sieg über den hessischen „Seiteneinsteiger" festigen möchte.
Für Hanau ist die Konstellation beim „JOOLA-Duell“ - der Tischtennisausrüster aus dem pfälzischen Siebeldingen stattet beide Bundesligateams aus - eindeutig: Bei einem Sieg, der allerdings einer Sensation gleichkäme, verbliebe man auf Rang neun, hätte aber den Anschluss ans hintere Mittelfeld - gegenwärtig von Plüderhausen und Bremen gebildet - gefunden. Im Fall einer Niederlage würde man die Hinserie mit einem wenig erbaulichen letzten Platz abschließen, punktgleich zwar mit Jülich, aber im Spielverhältnis schlechter notiert.
Aus dem Vollen schöpfen kann Trainerfuchs Helmut Hampl, der die Qual der Wahl bei der Aufstellung hat - sämtliche Akteure sind topfit und einsatzhungrig. Zudem sollen sie sehr gut trainiert und keinen Feiertagsspeck angesetzt haben. Chiang Hung-Chieh dürfte gesetzt sein. Hinter dem spielstarken Taiwanesen bieten sich aber mit Rekordnationalspieler Jörg Roßkopf, Defensivkünstler Ruwen Filus (Foto), Bundesranglistenfinalsieger Steffen Mengel und dem 17-jährigen Patrick Franziska, der unlängst die deutsche Jungen-Auswahl zur Silbermedaille bei der WM in Cartagena führte, gleich vier Kandidaten für zwei freie Plätze an. Aber auch Grenzaus Akteure um den neuen Hoffnungsträger Patrick Baum haben sich dem Vernehmen nach gut vorbereitet. Zudem verfügt man für den Fall der Fälle über die wohl stärksten Reservisten der DTTL, nämlich die Nachwuchsstars Kenji Matsudaira und Mattis Burgis.
Die Hampl-Schützlinge dürfen nicht damit rechnen, von den etablierten Westerwäldern auf die leichte Schulter genommen zu werden, die die Partie als knifflige Aufgabe betrachten. TTC-Präsident Manfred Gstettner: "Letzte Saison gegen Gönnern haben wir nicht gut ausgesehen, deshalb gehen wir mit gemischten Gefühlen in diese Partie. Die Teams hinter uns in der Tabelle lauern schon auf einen Ausrutscher, den dürfen wir uns aber nicht leisten. Deshalb wollen wir das Spiel unbedingt gewinnen." Grenzaus junger Trainer Michele Comparato ergänzt: „Wenn wir in die Play-Offs wollen, dann müssen wir das Heimspiel gegen Hanau gewinnen. Wir sind zwar der Favorit, aber Hanau hat eine starke Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern. Wir sind gewarnt.“
Johannes Herrmann hält die TGH-Truppe nicht für chancenlos: „Wir haben alle Mann an Bord und befinden uns seit letzten Sonntag bereits im Training, um eine optimale Vorbereitung zu gewährleisten. Vom Tabellenplatz und der reinen Papierform sind wir natürlich wie so oft in dieser Saison der Außenseiter.“ Der Teammanager der Brüder-Grimm-Städter ergänzt: „Ich hoffe auf einen starken Auftritt von Hung-Chieh Chiang, der immer dann gut spielt, wenn er mehrere Tage in Deutschland weilt und ausgeruht in eine DTTL-Partie gehen kann. Ebenfalls erhoffe ich mir von Jörg Rosskopf eine Leistungssteigerung, nachdem nun auch seine beruflichen Wege feststehen. Bei unseren Youngstern haben sich alle drei Spieler weiter entwickeln können. Patrick Franziska hat eine starke Jugend-WM gespielt und auch Steffen Mengel ist wieder in die Erfolgsspur zurückgekehrt.“
Generell hat sich die TGH einiges vorgenommen für 2010 und möchte Weichen für eine erfolgreiche Zukunft im Profitischtennis stellen. Herrmann: „In der neuen Saison wird weiter an der Gesamtstruktur gearbeitet. Das heißt, wir werden den Nachwuchsbereich in den Fokus rücken und über Schulkooperationen in und um Hanau versuchen, möglichst viele Kinder und Jugendliche mit Tischtennis zu infizieren. Daneben wollen wir mit Jörg Rosskopf an der Seite die Organisationsstruktur verbessern und uns noch professioneller aufstellen. Entscheidend wird ebenfalls die Verlagerung der Trainingsgruppe nach Hanau sein. Wir werden hier ein starkes Tischtennis-Zentrum aufbauen, in dem bei optimalen Bedingungen eine der stärksten Trainingsgruppen Deutschlands installiert werden soll. Ich bin der festen Überzeugung, dass im Jahr 2010 die TG Hanau weiter an Form und Qualität gewinnen wird und wir hier langsam ein Top-Team aufbauen können.“
Doch zunächst steht die Fahrt in den Westerwald auf der Agenda, wo man - der Tabelle zum Trotz - sportlich bestehen möchte. Als Neujahrsaktion werden dort übrigens alle Zuschauer, die ein JOOLA-Oberteil anhaben und sich auf die JOOLA-Tribüne setzen, mit einem Tischtenniskalender beschenkt. Ein noch schöneres Geschenk für die Hanauer wären zwei Punkte, die eigentlich niemand wirklich auf der Rechnung hat. Grenzau hingegen hat nichts zu verschenken und will gleich zu Beginn des neuen Jahres ein Ausrufungszeichen setzen und signalisieren, dass man sich diesmal nicht mehr - wie in den beiden Vorjahren - mit einem unbefriedigenden Mittelfeldplatz abspeisen lassen möchte.
Neue Wege in der Außendarstellung gehen die Gastgeber, die künftig zu ihren Partien einen Audio-Service mit sendefähigen O-Tönen, die an die Radiosender aus der Region und Medienvertreter gemailt werden, anbieten. Zudem ist geplant, zu jedem Spieltag ein Interview als Podcast zu produzieren und im Grenzauer YouTube-Channel zu veröffentlichen. Den Anfang macht Lucjan Blaszczyk vor dem Hanau-Spiel. Die Präsenz des Westerwälder Traditionsklubs in den sogenannten Social Media ist ein besonderes Anliegen des neuen Pressesprechers Tom Neumann: "Wir wollen die neuen Möglichkeiten im Bereich Social Media nutzen, um den Dialog mit Sportlern, Fans und Sponsoren weiterzuentwickeln." Auch Manager Wieland Speer zeigt sich begeistert von diesem neuen Ansatz. Ab sofort ist man auch bei Twitter und Facebook vertreten und möchte dort den Tischtennissport zeitgerecht präsentieren. (DTTL / Roscher - Text & Foto). +++