19.02.25 - Seit 1838 ist die Gemeinde Bad Salzschlirf im Landkreis Fulda anerkanntes Heilbad, seit 1911 wird der Namenszusatz "Bad" geführt. Der könnte allerdings bald Geschichte sein, sollte die Reprädikatisierung im nächsten Jahr scheitern. Auch für die Kurklientel spielt das Heilbadprädikat eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Kurdirektorin Wenke Selke
In der Gemeindevertretersitzung, in der sich neulich nach der Therme selbst das Freibad für den Traditionskurort zerschlagen hat, warnte Kurdirektorin Wenke Selke bereits: "Wir sind das einzige Bad in Hessen, was nichts hat. In welchen Ort würden Sie Ihr Geld tragen, wenn Sie wählen könnten?" Im harten Wettbewerb der Kurorte stehe man inzwischen quasi nackt dar. Nicht nur die Kurkundschaft interessiert sich für Moorpackungen, Solebäder und Wellness-Thermen: Nur wer in regelmäßigen Abständen die medizinisch-therapeutische Kompetenz vor Ort und eine ausgeprägte Kur-Infrastruktur nachweist, ist berechtigt, die Auszeichnung "Heilbad" zu führen. Bereits im März letzten Jahres wurde das Überprüfungsverfahren für das Prädikat "Heilbad" für Bad Salzschlirf beim Regierungspräsidium Kassel eingeleitet.
Nordic Walking-Route und Heilwässer

Die geplante Sanierung des Freibads im Kurort Bad Salzschlirf ist geplatzt ...Archivfoto: Gemeinde Bad Salzschlirf
Allein der Auszug aus den Anerkennungsvoraussetzungen, die in vollem Umfang zu erfüllen sind für Heilbad, heilklimatischen Kurort, Kneippheilbad und Luftkurort, umfasst fünf Seiten: Neben der Erscheinung des Kurgebiets, das keinen Durchgangsverkehr erlaubt, kurgemäßen Unterkünften, ambulanten und stationären Behandlungsverfahren in Vorsorge- und Reha-Einrichtungen sowie mindestens einer Nordic Walking-Route werden auch natürliche ortsgebundene Heilwässer gefordert, deren therapeutische Eignung nachzuweisen ist. "Das Heilwasser haben wir ja nicht abgegeben, man kann nur nicht mehr darin schwimmen", beschwichtigt Kurdirektorin Selke.

Bereits Geschichte: die Therme Archivfoto: O|N
Trotzdem haben in der 3.500-Einwohner-Gemeinde nicht nur die Verantwortlichen Sorgenfalten auf der Stirn: Freibad und Hallenbad sind im Unterpunkt B7 der Anerkennungsvoraussetzungen genannt, neben dem Ausleihen von Büchern und der Gelegenheit zum Lesen der Tagespresse. Aber nicht zwingend notwendig fürs Heilbad-Prädikat: Lediglich die Anwendung des Heilwassers im Kurkontext muss gegeben sein. Ein neues Gesundheitszentrum am Thermenstandort soll deshalb den Ausgleich schaffen. Für Horst Wenzel, der beim Regierungspräsidium Kassel für die Prädikatisierungsverfahren zuständig ist, ist die Überprüfung Routine - und nicht nur Bad Salzschlirf macht sich Sorgen: "Es befinden sich laufend Kommunen in der Überprüfung. Darunter auch Kommunen, die als 'Heilbad' reprädikatisiert werden wollen. Unter diesen befinden sich auch zwei Kommunen, die aktuell die Anforderungen nicht erfüllen, denen aber eine Frist gesetzt wurde, bis sie diese wieder erfüllen müssen."
Langwierige Angelegenheit

Die Attraktivität der kleinen Gemeinde für die Klientel hängt unter anderem am ...
Ein Überprüfungsverfahren ist eine langwierige Angelegenheit: "Die Überprüfung dauert durchschnittlich drei bis fünf Jahre. Allein die Messungen für das Luftqualitätsgutachten dauern etwa ein Jahr. Sollte eine Kommune dann noch nicht alle Anforderungen erfüllen, wird ihr in der Regel eine Frist eingeräumt, um diese zu erfüllen. Erst wenn die Anforderungen nach dieser Frist nicht vorliegen, müsste die Anerkennung des Prädikats 'Heilbad', nicht der Namenszusatz 'Bad', durch das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum widerrufen werden", erklärt Wenzel. Erst nachdem einer Kommune das Prädikat 'Heilbad' aberkannt wird, muss das Hessische Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz prüfen, ob die Kommune weiterhin den Namenszusatz "Bad" führen darf.
Nachdem die Kommune wissenschaftliche Gutachten wie Wasseranalysen, Klimagutachten, Luftqualitätsgutachten und anderes vorgelegt hat, die belegen, dass alle Anforderungen für das Prädikat erfüllt werden, findet zum Abschluss noch eine Ortsbesichtigung statt, bei der sich eine Kommission einen persönlichen Eindruck vor Ort macht. Die Kommission besteht in der Regel aus Vertreterinnen und Vertretern des Rregierungspräsidiums Kassel, des Hessischen Heilbäderverbands, des Hessischen Tourismusverbands, des Hessischen Landesamts für Gesundheit und Pflege und des Hessischen Fachausschusses für Kur-, Erholungs- und Tourismusorte.
Marketingtechnisch wichtig
Vor allem Hotels und Kliniken vor Ort profitieren vom guten Namen des Heilbads: "Gerade marketingtechnisch ist das Prädikat sehr wichtig für unsere Klientel", erklärt Stefanie Dörfner, die Geschäftsführerin der "Verus Bonifatius"-Klinik. "Unserer Kundschaft schaut im Internet nach bestimmten Merkmalen, die gegeben sein müssen. Deswegen wäre ja die Therme auch so wichtig, um die Situation in Bad Salzschlirf zu verbessern. Das hilft, bis hin zur Ansiedlung von Bademoden-Läden und Cafés vor Ort. Was an Infrastruktur nicht gegeben ist, müssen wir selber ausgleichen: Sauna, Massagen und anderes. Das ist natürlich wirtschaftlich nicht so sinnvoll, wenn jeder das selbst macht", erklärt Armin Faber, der Geschäftsführer der Tomesa Fachklinik. "Wir haben unseren eigenen großen Wellness-Bereich, weil wir sehr individuelle Gäste haben, die wir nicht enttäuschen können", so Safia Möller vom Hotel Badehof. (mau) +++