27.05.25 - Landwirtschaftliche Betriebe haben ein Nachwuchsproblem, nicht erst seit gestern. Zur angespannten wirtschaftlichen Lage kommen ausufernde Verordnungen und Dokumentationspflichten, die viele junge Menschen davor zurückschrecken lassen, den Betrieb der Eltern zu übernehmen. Zwar wird die Landwirtschaft weiblicher, aber eine Hofnachfolgerin ist in Deutschland immer noch selten.

Am Giebelrain bei Künzell-Dietershausen liegt der Betrieb von Storchs
Claudia Storch steht im Reiferaum und präsentiert stolz ihren Käse. 1.000 Liter pro Woche werden zu Schnittkäse, Hartkäse oder Hirtenkäse, jeden Tag werden die Laibe geschmiert und gedreht, nach fünf bis zehn Wochen geht der Käse an Händler und Direktvermarkter im Umkreis von 30 Kilometern. Beim Dreiseithof in Künzell-Dietershausen im Landkreis Fulda stehen 150 Milchkühe, zusammen mit Ehemann Michael und drei Vollzeit-Mitarbeitern werden Hof und Geschäft bewältigt. "Käse machen war schon früher mein Traum. Man kann seine ganz eigene Note reinbringen, etwa Kräuter-Blüten-Mischungen, und die Naturreifung macht den Unterschied im Geschmack." 1.000 Liter geben 100 Kilogramm Käse, zwei Prozent der Milchmenge des Hofes.

Der Dreiseithof wurde 1910 erbaut

Claudia Storch mit selbstgemachtem Käse

150 Milchkühe werden gehalten
Kuhstall, Kinder, Acker und Büro

Auf dem Hof von Brigitta Brähler-Fischer in Petersberg-Stöckels
Das Melken morgens und abends übernehmen die Mitarbeiter, die Söhne sind bald aus dem Haus, aber Storch erinnert sich noch an die Zeit vor wenigen Jahren: "Früher hieß es jeden Morgen in den Kindergarten, dann in die Schule - und hier gibt es keine Busverbindung. Dazu kommt der Haushalt, das Essen, auch für die Altenteiler." "Inoffiziell ist die Frau die Chefin auf vielen Höfen", wirft Freundin Brigitta Brähler-Fischer ein, die selbst einen Hof in Petersberg-Stöckels im Landkreis Fulda betreibt. Dort haben inzwischen Melkroboter die leidige Aufgabe übernommen. Denn die 58-Jährige hat zu tun: Auch ihr hat die Direktvermarktung ein einträgliches Zubrot verschafft, Kartoffeln und Eier, die Kartoffeln "mit Rhönblick", verkaufen sich gut.
Und die Zukunft des Hofs scheint gesichert: Die 16-jährige Tochter Marielena begeistert sich für Kühe und hat gerade den Traktorführerschein gemacht. "Sie will den Betrieb später wirklich übernehmen. Ich habe gesagt: Geh' studieren!", erklärt Brähler-Fischer und zeigt den Grund: Dicke Aktenordner füllen die Schränke im Büro, Verordnungen und Dokumentationspflichten hätten die Landwirtschaft unnötig verkompliziert: "Früher konnte man Gülle fahren, solange die Pflanze es aufnehmen konnte - heute hat man eine Düngeverordnung und darf nur noch mit Schleppschläuchen Gülle ausbringen. Es gibt so viele widersinnige Verordnungen, die die gute fachliche Praxis hintertreiben. Außerdem ist es weniger rentabel als früher, einen Hof zu betreiben", erklärt die Agraringenieurin.

Brigitta Brähler-Fischer auf dem Traktor

Marielena ist 16 Jahre alt - der Führerschein der Klasse T für den Traktor ist schon ...

Durch GPS können die Felder genau erfasst und abgefahren werden

Das bisschen Stallarbeit: Marielena will den Hof der Eltern später übernehmen ...
Zwischen Gummistiefeln und High Heels

Verordnungen und Dokumentationspflichten sind die Kehrseite der Medaille ...
Von 2.370 Mitgliedern des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld werden rund 350 Betriebe im Namen einer Frau geführt. "Die Betriebsübergabe ist generell schon seltener geworden, weil die Planungssicherheit nicht mehr so gegeben ist wie früher - bei jungen Frauen ist das noch seltener. Die Eltern fragen häufig: 'Willst du dir das wirklich antun?'", so Thomas Schneider vom Kreisbauernverband. Um Frauen in der Landwirtschaft unter die Arme zu greifen, hat Brähler-Fischer bereits 1996 das Bäuerinnen-Seminar gegründet, das im Bonifatiushaus in Fulda-Neuenberg von Steuerlehre über landwirtschaftliche Rechtsfragen bis hin zu Rhetoriktraining Fortbildungen und Erfahrungsaustausch bietet.
"Teilweise geht es auch um Konfliktlösung: Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand den Vogel zeigt, weil ich auf dem Traktor sitze? Wir hatten auch schon Seminare zum Thema 'Zwischen Gummistiefeln und High Heels'. Am Anfang haben wir uns geschämt zu sagen, dass wir Bäuerinnen sind, heute sind wir sehr stolz darauf. In Bayern ist das Image der Landwirtschaft wesentlich besser. Aber wir sind Powerfrauen und können alles: Kuhstall, Kinder, Acker und Büro. Das muss nur richtig vermittelt werden." Nur 11 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geleitet, bei der Hofnachfolge liegt der Frauenanteil bei 18 Prozent. Damit ist Deutschland europaweit auf einem der letzten Plätze. (mau) +++