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Silja Behre mit ihren Eltern, Michael Brand, Mdb und Jutta Hamberger, GCJZ - Fotos: Jutta Hamberger

FULDA Lesung im Propsteigarten

Kishon, Israel und die Sympathien der Welt

22.07.25 - Die malerische Kulisse von Propstei Johannesberg und dem Propsteigarten bot den Rahmen für die von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ organisierten Lesung über einen der erfolgreichsten Autoren in Deutschland: In den 1970er und 80er Jahren dominierte Ephraim Kishon die deutschen Bestsellerlisten. Er selbst sagte dazu einmal: "Ich verspüre Genugtuung darüber, dass die Enkel meiner Henker in meinen Lesungen Schlange stehen."

Vor sich ungefähr 100 Zuhörinnen und Zuhörer, hinter sich den atemberaubend schönen ...

Pfarrer Michael Oswald begrüßt als Hausherr in Johannesberg Autorin und Gäste ...

Zum 100. Geburtstag Kishons erschien 2024 „Kishon – ein Leben für den Humor“ ...Foto: LangenMüller Verlag

Der deutsche und der israelische Kishon

Die aus Fulda stammende und heute in Tel Aviv lebende Silja Behre hatte zum 100. Geburtstag Ephraim Kishons 2024 ein Buch vorgelegt, in dem sie dem Phänomen Kishon in Deutschland nachspürte. Denn der ‚deutsche‘ Kishon sei keineswegs deckungsgleich mit dem ‚israelischen‘, so die Autorin. In Israel sei Kishon einer der wichtigsten politischen Beobachter und Kommentatoren des jungen Staates Israels gewesen. In Deutschland sei der politische Kommentator allerdings absichtlich hinter dem Humoristen verschwunden. Nirgends war Kishon erfolgreicher als im deutschsprachigen Raum. Von den 43 Millionen verkauften Büchern Kishons entfallen 34 Millionen auf deutsche Ausgaben. Ein Phänomen, das zu denken gibt.

Silja Behre im Gespräch mit Michael Brand, MdB

Kishons ‚israelischer‘ Humor, wie ihn sein Übersetzer Friedrich Torberg (österreichischer Jude und ebenfalls erfolgreicher Autor) in Übereinstimmung mit Kishon und seinem Verleger Herbert Fleissner schuf, war beispiellos erfolgreich. Torberg hatte viele Freiheiten – er passte die Texte ans deutsche Publikum an, v.a. aber schonte er es. Dass Kishon selbst Holocaust-Überlebender war, kam kaum vor, Verweise auf Schoah und NS-Zeit fehlen weitgehend, das schien der Vermarktung humoristischer Bücher nicht zuträglich. Man muss schon sehr genau lesen, wenn man die wenigen Anspielungen entschlüsseln möchte. Die drei Herren hatten ein gemeinsames Ziel: ein positives Israel-Bild vermitteln, Erfolg haben und zur Verständigung beitragen. Dem wurde alles untergeordnet.

Fleissner übertrug amerikanische Marketing-Methoden auf den deutschen Buchmarkt und begründete mit Kishon das Bestseller-Phänomen. So gut wie nie kam Kishon im sog. ‚literarischen‘ Feuilleton vor. Das schätze ihn nicht, denn erfolgreiche U-Literatur hatte nichts im Feuilleton verloren. Kishon focht das nicht an, er ging dahin, wo seine Leserinnen und Leser waren – in Kaufhäuser, Bahnhofsbuchhandlungen etc. Er trat in populären TV-Sendungen auf, war im Radio zu hören und übergroß auf Litfass-Säulen zu sehen.

Über die Jahre sah das deutsche Feuilleton Kishon zunehmend kritischer, besonders wegen seiner uneingeschränkt positiven Haltung zu Israel. Die aber speiste sich aus Kishons Erfahrung von Verfolgung, Antisemitismus und Überleben. Kishon sagte von sich immer, er stehe bedingungslos auf der Seite der Opfer: "Eigentlich ist mein Land eine Insel, bloß dass es nicht von Wasser, sondern von Hass umgeben ist." Das konnte und wollte nicht jeder verstehen.

Und so sah es aus der Autorinnen-Perspektive aus

Bella Gusman vom Vorstand der Fuldaer Jüdischen Gemeinde war mit Ehemann Avram und ...

Zwei, die sich prächtig verstanden – Silja Behre und Bella Gusman

Israel verscherzt sich die Sympathien der Welt

Früh schon spinnt sich der ungute rote Faden der negativen Weltmeinung zu Israel und seinem Handeln. Dieser Faden wurde mit den Jahren und den historischen Ereignissen immer dicker – man zähle einmal die vielen UN-Resolutionen gegen Israel und vergleiche sie mit den wenigen gegen die wahren Schurkenstaaten! Vermutlich, so Silja Behre, sei das mit ein Grund, warum der Erfolgsautor Kishon aus dem Gedächtnis der Deutschen verschwand. Kishon selbst habe 1956 den besten Kommentar zu dieser ‚Weltmeinung‘ über Israel mit der Satire "Wie Israel sich die Sympathien der Welt verscherzte" geschrieben. Darin greift er die Reaktionen auf die Suez-Krise ironisch-pointiert auf und beschreibt, was wohl geschehen wäre, wenn Israel nicht so reagiert hätte, wie es reagiert hat.

Geduldig erfüllte Silja Behre die vielen Signier-Wünsche

"Damals wie heute mag die Welt Israel am liebsten, wenn es sich schwach zeigt", erklärte Silja Behre. So erzählt es auch Kishon: Ist Israel schwach oder nicht mehr existent, erwacht das Weltgewissen, Churchill etwa verurteilt die Liquidierung Israels als "Schandmal des Jahrhunderts", der PEN-Club bringt ein Manifest heraus im dem das Erlöschen Israels als "Verlust für den Weltgeist" beklagt wird, die UNESCO budgetiert 200.000 Doller für die kulturelle Betreuung der Israel-Flüchtlinge, die Schweiz stellt 2.000 Durchreise-Visa bereit, Skandinavien will unbegrenzt viele israelische Waisenkinder aufnehmen, Neuseeland schließt einen "ewigen Freundschaftspakt mit dem Andenken Israels", in Brasilien gibt es eine Schweigeminute und die Weltpresse bekundet ihr Mitgefühl. Kommt Ihnen das alles nicht erschütternd bekannt vor?

Der bittere Schluss der Satire: "Leider beging Israel den Fehler, eine solche Wendung der Dinge nicht abzuwarten. Es ist ihr durch den Sinai-Feldzug von 1956 bis auf Weiteres zuvorgekommen und hat damit eine einzigartige Gelegenheit versäumt, sich die Sympathien der Welt zu sichern (…)". Mit anderen Worten: Schon vor fast 70 Jahren beschrieb Kishon hellsichtig, wie die Welt auf Israel blickte. Vergleicht man das mit den internationalen Reaktionen auf das Hamas-Massaker vom 07. Oktober 2023, verschlägt es einem den Atem.

Parzellers hatte wieder einen Büchertisch vorbereitet – die mitgebrachten Kishon-Titel ...

Natürlich ließ sich auch Michael Brand sein Buch signieren

LangenMüller hat die Kishon-Satiren in neuer Aufmachung herausgebracht, hier „Die ...Foto: LangenMüller Verlag

Silja Behre hat recht: Lesen Sie mehr Kishon. Sie werden merken: er ist heute so aktuell wie damals. Der israelische Historiker Moshe Zimmermann, ein erklärter Kishon-Fan, hat einmal gesagt, abends lese er immer Kishon, sonst könne er den Alltag nicht ertragen. Auch Kishon sah Humor als geistige und seelische Überlebensstrategie. Angesichts des täglichen Schlechte-Nachrichten-Bombardements scheint mir das eine kluge Strategie zu sein.

"Kishon ist so aktuell wie nie, denn er ist Symptom und Indikator für das deutsch-israelische Verhältnis", befand Silja Behre zum Schluss. Mit begeistertem Beifall wurde sie verabschiedet, gerade noch rechtzeitig vor dem angekündigten Sommergewitter. Alle waren sich einig: Was für ein stimmungsvoller und unterhaltsamer Abend!
(Jutta Hamberger) +++


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