31.08.25 - Sie fuhren mehr als 1.100 Kilometer bis ins südliche Ungarn, dort wo die Donau die natürliche Grenze zu Serbien und Kroatien bildet. Hier erlebten sie ein mehrtägiges Fest deutschen Brauchtums, das sich kaum von entsprechenden Festen im Fuldaer Land unterscheidet.
Eine fünfköpfige Gruppe des Arbeitskreises Stiffoller im Geschichtsverein Fulda war unter Leitung von Wendelin Priller anlässlich des 300. Jahrestages der Einwanderung der Deutschen in Feked einer Einladung zum Jubiläum gefolgt.
Stiffoller- so werden die aus dem Hochstift Fulda ausgewanderten Deutschen und ihre Nachkommen genannt. Zwischen sechs und zehntausend sollen es gewesen sein, die im 18. Jahrhundert der Not gehorchend ihre Heimat verließen und ins historische Ungarn zogen.
Jubiläumsfeier in Feked
Feked, das ist ein Dorf mit etwa 200 Einwohnern circa 35 Kilometer nordöstlich Pécs (Fünfkirchen) im Komitat Baranya. Viele sagen, es sei das schönste der etwa 30 Dörfer in dieser Region, die auch heute noch zu großen Teilen von Nachfahren der Zuwanderer aus dem Raum Fulda bewohnt werden und sich Stiffoller Dörfer nennen.

Der Friedhof von Nimmesch. Die meisten Grabsteine tragen Fuldaer Namen

Typische Langhäuser mit anschließenden Wirtschaftsgebäuden gruppieren sich ...
Fuldaer Tradition hat sich über 3 Jahrhunderte bewahrt. Man feiert Wurst- und Honigfeste, Kirmes, kennt das Hutzelfeuer, in den Fluren stehen Bildstöcke. Bis vor etwa zwei Generationen konnten alle Stiffoller deutsch sprechen, das hier viele Elemente der Fuldaer Mundart beinhaltet. Obwohl viele junge Menschen noch in der Schule Deutsch lernen, ist der Wandel zum Ungarischen in der Umgangssprache unüberhörbar. Bürgermeister Peter Tilmann: "Durch verschiedene Veranstaltungen und Feste versuchen wir immer wieder, unsere Wurzeln zu zeigen und Bräuche weiterzugeben. Aber es wird immer schwieriger".
Dem entgegenzuwirken hat sich auch Prof. Dr. Maria Erb verschrieben, ebenfalls Stiffoller Abstammung. Sie war bis vor wenigen Wochen noch Professorin für deutsche Sprache und Brauchtum in Budapest. Nachdem sie nun auch wieder in Feked ein Haus erworben hat und hier zeitweise lebt, will sie sich im Ruhestand weiter intensiv diesen lokalhistorischen Ereignissen widmen. Im Februar hielt sie auch einen viel beachteten und stark besuchten Vortrag über die Situation der Stiffoller und Gemeinsamkeiten mit der Fuldaer Mundart beim Fuldaer Geschichtsverein.
Ganz deutlich ist in Feked die historische Siedlungsform. Entlang von 2 parallel verlaufenden Straßen reihen sich dicht an dicht Grundstücke von meist nur etwa fünfzehn Metern Breite. Giebelständige einstöckige Langhäuser stehen an den Bürgersteigen. Sie prägen ein einheitliches Gesamtbild und zeigen in großer Vielfalt den Gestaltungswillen ihrer Bewohner. Die dahinterliegenden Grundstücke sind bis zu 500 m lang und waren drei Jahrhunderte die Basis für die ländliche Lebensform. Pferd, Rind und Kuh sind heute weitgehend nicht mehr anzutreffen.

riedhelm Bott, Berthold Jost und Wendelin Priller überreichten eine Originalkarte ...

Variantenreiche, stark ausgeschmückte Hausgiebel säumen die Straßen von Feked ...
Dafür dominieren in der Umgebung landwirtschaftliche Großbetriebe. Getreideanbau, Schweine- und Rinderzucht und die dazu gehörigen großen Schlachthöfe sind wesentliche Arbeitgeber. Landwirtschaftliche Flächen wechseln sich immer wieder mit größeren Waldgebieten ab. Die Jagd, auch auf Rotwild, spielt hier nach wie vor eine bedeutende Rolle. Nicht selten verschlägt es auch Jäger aus dem Fuldaer Land in diese bucklige Region. Hohe Berge gibt es hier nicht.
Eindeutige Zeichen der Kulturgeschichte der Stiffoller sind die Friedhöfe der Region. Zu großen Teilen dominieren Fuldaer Namen die Aufschriften der Grabsteine. Die Namen Fladung, Kraft, Hergenröther, Reith, Post, Vogel, Werner, Schultheis, Wald, Jordan, Heil, Jung, Wiegand, Henkel in verschiedener Schreibweise und andere machen es deutlich. Feked selbst hat vor 40 Jahren zwischen seinen Häuserzeilen einen Park mit 260 Bäumen angelegt. Um das kleine Flüsschen in seiner Mitte sind die katholische Kirche, dem heiligen Wendelin gewidmet und das Gemeindezentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten angeordnet.
Hier fanden die Festlichkeiten in zwei Zelten statt, auch das Wurstfest (Stiffolder Festival), das ebenfalls einen Fuldaer Ursprung hat. Eine Cervelatwurst, oft auch Ahle Wurst genannt, ist durch Paprika angereichert und dadurch rot geworden. Im Mittelpunkt steht dann die Bewertung der einzelnen Wurstvariationen. Die Teilnahme an diesem Wettbewerb ist für viele private Wurstanbieter Ehrensache. Die Anmeldung dazu muss bereits sechs Monate vor dem Fest erfolgen. Jeder Besucher bezahlt für seine Teilnahme einen bestimmten Betrag und nimmt dann an einer Verkostung und Bewertung in einem eigens dafür aufgebauten Zelt teil.

Oft zeigen Schautafeln in deutscher Sprache die Geschichte der Stiffoller ...
Auch die Fuldaer Delegation brachte einen Beitrag zu diesem Festschmaus mit. Vier große Eichenzeller Schwartemagen fanden ganz schnell großen Zuspruch, allerdings außerhalb der Bewertung. Davor stand die große Jubiläumsfeier im Mittelpunkt. Über Stunden unterhielten in ganz lockerer Reihenfolge sehr unterschiedliche Gruppen das Festpublikum. Die Teilnehmer kamen aus dem gesamten Siedlungsgebiet der Stiffoller, aber auch Gruppen aus Kroatien und Serbien. In Sprach- und Gesangsbeiträgen hatten alle eine Gemeinsamkeit: die deutsche Sprache.
Ein Beitrag hatte unübersehbar fuldischen Ursprung, den der Fekeder Klumpenjäger, eine Formationstanzgruppe. Klumpen, die Holzschuhe aus dem Fuldaer Land, waren auch in der neuen Heimat über Jahrhunderte Schuhe für alle Lebensgelegenheiten.
Der Sonntag bildete dann für die Fuldaer Delegation einen weiteren Höhepunkt. Nach dem gemeinsamen zweisprachigen Gottesdienst wurde das Denkmal zu Ehren des heiligen Bonifatius und von Elisabeth von Thüringen eingeweiht. Elisabeth, 1207 in Ungarn geboren, wurde durch Heirat Landgräfin von Thüringen, wirkte in Eisenach und Marburg. Insofern wird sie auch als verbindendes Element zwischen Deutschen und Ungarn gesehen.
Bürgermeister Peter Tillmann und der Leiter des Regionalbüros des Komitats Baranya, Zoltan Schmidt, würdigte neben Abgeordneten verschiedener Parlamente die Geschichte der Stiffoller in Ungarn. Schmidt: "Stiffoller kennt in Ungarn jedes Kind". Ein besonderes geschichtliches Dokument hatte die Fuldaer Delegation mitgebracht, eine große gerahmte Originalkarte des Stifts Fulda aus der Zeit um 1720 aus dem Besitz von Wendelin Priller. Diese könnte auch für die Ahnenforschung der Stifoller von erheblicher Bedeutung sein, da sich die damalige Schreibweise der Dörfer im Fuldaer Land vermutlich in den Kirchenbüchern der Neuankömmlinge in Ungarn dokumentiert hat.
Die Geschichte der Stiffoller
Die Not im damaligen Deutschland und auch im Stift Fulda war im 17. Und 18. Jahrhundert groß. Der 30jährige Krieg von 1618-1648 hatte unendliches Leid gefordert und viele Existenzen wirtschaftlich zerstört. Dazu kamen Hungersnöte durch Missernten. Ungünstige Witterungsbedingungen wie langanhaltendes nasskaltes Wetter und Überschwemmungen hatten dazu geführt. Viele Menschen sahen in dieser verzweifelten Situation wenig Zukunftschancen.
Mindestens 150000 Menschen- andere Quellen berichten sogar von 400000 Menschen-aus dem gesamten süddeutschen Raum verließen damals ihre Heimat. Sie suchten nun in dem weitgehend entvölkerten südlichen Ungarn neue Perspektiven.
Diese Situation war entstanden, nachdem die Türken 1541 das Gebiet des heutigen Ungarns erobert und bis 1684 besetzt hatten. Die entscheidende Schlacht gegen das kaiserliche Heer fand bei Mohács statt, das heute mitten im Siedlungsgebiet der Stiffoller liegt. Die Osmanen wurden besiegt und hinterließen ein teilweise verlassenes und geschwächtes Land. Dieses Land sollte nun wieder besiedelt und somit auch gegen weitere Expansionsbestreben geschützt werden. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn schickte deswegen Werber ins südliche Deutschland und versprach eine bessere Zukunft.
Viele folgten, auch aus dem Fuldaer Land. Zu Fuß, mit Kuh- und Pferdegespannen machten sich die Wagemutigen auf den langen Weg. Für die meisten war wohl die Stadt Regensburg das erste Ziel, denn von hier aus konnten sie den Weg auf der Donau bis zur neuen Heimat zurücklegen.
Dafür nutzten sie die sogenannten Ulmer Schachteln. Das waren flache Flussschiffe mit wenig Tiefgang. In der Mitte dieser Boote war in etwa zwei Meter Höhe eine Plattform aufgebaut und schützte auch vor Regen und Sonne. Darauf standen die Schiffslenker, die diese mit langen Stangen steuerten. Lediglich die Strömung des Flusses brachte sie in die neue Heimat. Am Ziel angekommen wurde aus den Booten oft das erste Baumaterial für die neuen Unterkünfte. Manche hatten aber auch Glück, in längst verlassene Dörfer einziehen zu können. 1722 schloss der Bischof von Fünfkirchen mit den Siedlern einen Vertrag über Landschenkungen, Steuerbefreiung und Ansiedlung.
Doch auch hier gingen viele Hoffnungen nicht in Erfüllung. Zeitgenössische Aufzeichnungen berichten von Klagen über verödete Landstriche, von Armut und Seuchen. Ein oft gehörter und immer wieder zitierter Spruch lautet: "Die erste Generation bekam den Tod, die zweite die Not, die dritte das Brot". Jahrzehnte vergingen bis eine ausreichende wirtschaftliche Situation geschaffen werden konnte. Die gemeinsame Herkunft, Kultur und Sprache waren feste Bindeglieder in den seitherigen drei Jahrhunderten unter schwersten Bedingungen. Schriftliche Überlieferungen gab es wenige, da die Menschen zu dieser Zeit nicht schreiben konnten. Meist waren es nur die Pfarrer, die die Kirchenbücher schrieben.
Verbindung zur alten Heimat weitgehend verloren
Dazu kam, dass die Verbindung zu der alten Heimat schon aufgrund der weiten Entfernung weitgehend verlorenging. Erst ab 1920 versuchten einzelne Forscher den Weg der Auswanderer nach Ungarn zu erkunden. Aufgrund der Dominanz der Menschen aus dem süddeutschen Raum wurden alle erst einmal Donauschwaben genannt. Eine Sprache konnte aber absolut nicht eingeordnet werden, die aus dem Herkunftsland der Stiffoller dem Fuldaer Land.
Auch der Petersberger Konrektor Johannes Hack fand später heraus, dass Fuldaer vor Jahrhunderten nach Ungarn ausgewandert waren. Einige Kontakte wurden aufgebaut. Diese brachen aber bald wieder ab, da Ungarn im zweiten Weltkrieg auf der Seite Deutschlands gestanden hatte und gerade die Deutschstämmigen erhebliche Benachteiligungen, sogar Ausweisungen nach Russland, durch die neuen Machthaber erleben mussten.
Dass Fuldaer erst Jahrzehnte später wieder Verbindungen zu den Stiffollern aufbauen konnten, war auch auf intensive Nachforschungen und Zufälle aufgebaut. Wendelin Priller aus Rasdorf beschäftigte sich Anfang der 1980er Jahre mit der Auswanderungsgeschichte aus dem Hochstift Fulda. 1982 führte es zudem ersten Kontakt mit Nimmesch.
Friedhelm Bott, früherer Leiter der Schule in Eiterfeld, erzählt seine Geschichte. Vor mehr als 40 Jahren suchte er zusammen mit seiner Frau ein preisgünstiges Urlaubsland und fand es im südlichen Ungarn. Die beiden unterhielten sich dort in Fuldaer Mundart. Eine Einheimische hatte die Unterhaltung zufälligerweise verfolgt und fragte entsprechend: "Bo kömmt ihr dänn här"? Durch das beiderseitige Interesse an der gemeinsamen Sprache ergaben sich Einladungen und Freundschaften. Seither reisen die Botts nun fast jährlich nach Ungarn. Andere schlossen sich an.
Intensive Partnerschaft
Seit 1989 besteht zwischen Rasdorf und der Gemeinde Himesháza --Nimmesch genannt- eine intensive Partnerschaft, die auf die noch anhaltende Initiative vom damaligen Bürgermeister Berthold Jost und Wendelin Priller zurückgeht. Die circa 1000 Einwohner von Himesháza sind zu 80 Prozent Nachfahren der Stiffoller. Zur Pflege der Partnerschaft finden jährlich im Wechsel Partnerschaftstreffen statt. In diesem Jahr Mitte August in Rasdorf. Schon 1984 unterstützten Bewohner des Fuldaer Landes mit Spenden die Renovierung der Kirche in Szür (Sier)mit erheblichen finanziellen Mitteln. Die Einweihung der Kirche fand in 1987 unter der Mitwirkung des ehemaligen Fuldaer Bischofs Eduard Schick und über 150 Gästen aus dem Fuldaer Land statt.
Es folgte eine Reihe von weiteren gegenseitigen Besuchen, von Schulklassen aus Fulda und dem Fuldaer Land, von kulturellen Vereinigungen und Sportvereinen. Auch eine Partnerschaft der ungarischen Gemeinde Szederkény (Surgetin) zu dem Steinauer Ortsteil Ulmbach existiert.
Nun gibt es eine weitere Initiative, die der Fuldaer Kreistag auf den Weg gebracht hat. Einstimmig wurde bei seiner letzten Sitzung Anfang Juni beschlossen, eine Kooperation mit den Stiffollern anzustreben. Diese Mitteilung stieß in Feked bei den Vertretern der Deutschen Selbstverwaltung im Komitat Baranya auf große Zustimmung. Zoltan Schmidt: "Wir hoffen auf ein baldiges Treffen mit dem Landrat und Vertretern des Kreistages". (Walter Krah/pm/hhb) +++