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Liv Migdal und Mario Häring bei ihrem Konzert "Beyond Horizons" in der Katholischen Akademie. - Fotos: Jutta Hamberger

FULDA Von der Zärtlichkeit des Nordens

Konzert mit Liv Migdal und Mario Häring in der Katholischen Akademie

18.09.25 - Was für ein bewegender und berührender Konzertabend war das am Mittwoch in der Katholischen Akademie! Drei Komponisten des 19. Jahrhunderts und drei ihrer Werke standen auf dem Programm: die Britin Ethel Smyth und die Schwedin Amanda Maier, zwei zu Unrecht vergessene Komponistinnen, und Edvard Grieg, Norwegens zweites musikalisches Nationalheiligtum neben a-ha. Diese drei lernten sich während des Studiums in Leipzig kennen und schlossen tiefe Freundschaft. Sie verband auch die tiefe Liebe zu ihren jeweiligen Heimatländern, die sie in Musik gossen.

Geht Ihnen das manchmal auch so? Sie hören einen Namen und denken, wo hab‘ ich den schon gehört, wohin soll ich den stecken? So erging es mir mit Ethel Smyth. Als Frauenrechtlerin kämpferische Suffragette hatte ich sie sehr wohl auf dem Schirm, auch als Autorin, aber nicht als Komponistin. Diese Frau wusste, was sie wollte. In einem Hunger- und Schweigestreik überzeugte sie ihren Vater davon, ein Musikstudium aufnehmen zu dürfen. Das war für Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Und für ihre Familie, deren männliche Mitglieder in der Regel eine militärische Laufbahn einschlugen, erst recht. Mit 19 Jahren kam Smyth nach Leipzig und studierte dort bei Carl Reinecke, dem langjährigen Gewandhaus-Kapellmeister, Kompositionslehre.

Liv Migdal (Violine) und Mario Häring (Klavier) spielten zunächst Smyths "Sonate für Violine und Klavier in a-moll, op. 7" – ein kraftstrotzendes Werk in vier Sätzen. Der Kopfsatz ist ein Allegro, das dynamisch nach vorn prescht, immer wieder zarte lyrische Passagen hat und am Ende verhaucht. Das Scherzo ist verspielt und tänzerisch, dann folgt eine getragene Romanze. Der Finalsatz ist ein rhythmisches Allegro mit schnellen Läufen.

Mit welchen Vorurteilen Komponistinnen zu kämpfen hatten, machen die Urteile der (männlichen) Zeitgenossen klar, die in Smyths‘ Musik "weiblichen Charme" vermissten und der Komponistin unterstellten, Originalität erst gar nicht anzustreben. Das Publikum im Grünen Saal der Katholischen Akademie sah das deutlich anders und sparte nicht an Beifall.

Amanda Maier – dramatische Zärtlichkeit made in Sweden

Ganz anders die Musik der zu ihrer Zeit gefeierten Violinvirtuosin Amanda Maier. Sie kam aus einer Familie, in der Musik eine bedeutende Rolle spielte, der Vater war Musikdirektor und Konditor – was für ein hinreißende Berufsmischung! Als erste Frau überhaupt machte Maier an der Musikakademie in Stockholm ihren Abschluss im Fach Dirigieren. Als Geigerin gab sie Konzerte im In- und Ausland. Auch Maier studierte bei Carl Reinecke in Leipzig und lernte dort den Pianisten Julius Röntgen kennen – den sie 1879 heiratete.

Wie das damals so war: Mit der Eheschließung endete ihr ‚öffentliches‘ Leben als Frau. Fortan durfte Amanda Maier weder komponieren noch öffentlich auftreten, nur noch in Hausmusiken war ihr das möglich. Ein Schicksal, das sie mit Fanny Hensel, der Schwester Felix Mendelssohn-Bartholdys, teilte. Wie diese organisierte sie Musikabende, auf denen man Artur Rubinstein, Joseph Joachim, Johannes Brahms und Edvard Grieg begegnen konnte. Mit gerade einmal 41 Jahren verstarb Amanda Maier.

Ihre "Sechs Stücke für Violine und Piano" schrieb sie um 1878. Sie sind ein wunderbares Beispiel für melodische Linien und spannungsvolle Harmonien, und immer wieder klingt die Musik ihrer schwedischen Heimat an. Zwischen tänzerisch und energiegeladen, zärtlich und wehmütig, dynamisch und virtuos bewegen sich die sechs Stücke. Beim Hören musste ich an den lichten schwedischen Sommer, die Ausgelassenheit einer Mittsommerfeier, aber auch den verklingenden Sommer und den herannahenden Herbst denken. Wunder-, wunderschön.

Edvard Grieg – Norwegens Nationalkomponist

Der in Bergen geborene Grieg gehört zu den bekanntesten Komponisten der musikalischen Romantik. Wie kaum ein anderer verschmolz er die Spätromantik mit Elementen seiner norwegischen Heimat – und schuf damit klanglich unverkennbare Werke. Am bekanntesten ist sicher seine Peer-Gynt-Suite. Grieg selbst galt als virtuoser Pianist und trat mit vielen berühmten Geigern seiner Zeit auf. Und Grieg liebte sein Norwegen über alles – so warb er über Jahrzehnte auf allen Konzertreisen für die Unabhängigkeit seiner Heimat von Schweden, die knapp 2 Jahre vor seinem Tod 1905 endlich Wirklichkeit wurde.

Migdal und Häring spielten seine "Sonate für Violine und Klavier No. 2 in G-Dur op. 13". Grieg komponierte sie 1867 während seiner Hochzeitsreise und widmete sie seiner Frau Nina, vielleicht der Grund, warum sie fröhlicher und heller klingt als viele andere seiner Werke. Grieg setzt seinem Heimatland Norwegen und dessen Musikkultur mit dieser Sonate ein Denkmal. Sowohl im ersten wie auch im dritten Satz ist der norwegische Volkstanz "Springdans" Grundlage – und deswegen klingt das Werk auch so sehr nach Norwegen.

Schattierungen zwischen Hell und Dunkel

Aber Grieg wäre nicht Grieg, wenn es in aller Fröhlichkeit nicht auch wehmütige Melodien in Moll gäbe. So etwa schon in der Einleitung des ersten Satzes, der in g-Moll beginnt und auf den die Geige mit Musik antwortet, die man auch auf einer Hardangerfiedel spielen könnte, der volkstümlichen, neunsaitigen Geige der Norweger. Erst allmählich schält sich das fröhliche und lebendige Allegro heraus. Der zweite, langsame Satz ist herzzerreißend schön – mit seinen Wechseln zwischen volkstümlicher Melodik im Dreiertakt und zarten Klängen im Mittelteil. Auch der letzte Satz steht im Dreiertakt, charakteristisch ist hier der Schlagabtausch der beiden Instrumente. Es sind diese klanglichen Schattierungen zwischen Hell und Dunkel, die das Stück so faszinierend machen. Doch ja, man fühlt sich ins ländliche Norwegen versetzt, auf eine Hochzeitsfeier, bei der Brautpaar und Gäste fröhlich feiern, schmausen und tanzen.

Liv Migdal und Mario Häring waren nicht nur exzellente Solisten, sondern auch überaus sympathische Musikerklärer. Wie schön ist es, wenn Musiker die Stücke, die sie spielen, einordnen und so fürs Publikum aufschlüsseln! Migdals Violinspiel ist von einer Zartheit und Feinfühligkeit, die ihresgleichen sucht. Häring ist ein wunderbarer Begleiter, konnte in der Grieg-Sonate aber auch zeigen, was er solistisch drauf hat.

Musik verbindet über Länder und Sprachgrenzen hinweg, auch dafür stehen diese beiden großartigen jungen Künstler. Denn Liv Migdal stammt aus einer deutsch-polnisch-jüdischen Künstlerfamilie, Mario Häring aus einer deutsch-japanischen Musikerfamilie. Wie im Flug vergingen die zwei Konzertstunden, das Publikum bedankte sich bei beiden mit langanhaltendem Beifall und wurde mit einer Reprise des fünften Stücks von Amanda Maier als Zugabe belohnt. (Jutta Hamberger)+++


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