28.09.25 - "Wir feiern heute einen Künstler von weltweit herausragender Bedeutung, der aus Fulda stammt und immer eng mit Fulda verbunden blieb." Damit setzte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld den ersten Akzent in diesem Festkonzert zu Ehren Michael Quells. Und es wurde ein wahrhaft unvergesslicher Abend im Fürstensaal des Stadtschlosses in Fulda.

Michael Quell
Illustres Festpublikum
In den Fürstensaal waren viele Fuldaerinnen und Fuldaer gekommen, denen Kultur ein Herzensanliegen ist, aber natürlich auch musikalische Prominenz von nah und fern – viele von ihnen Michael Quell beruflich und freundschaftlich verbunden. Um nur einige zu nennen: Stefan Beyer von der Edition Gravis, Dominik Weinmann vom Label Neos, Prof. Dr. Daniela Philippi von der Goethe-Universität in Frankfurt sowie die Musikwissenschaftlerin Yvonne Petipierre aus München. Natürlich Michael Quells Familie. Und aus Fulda Christof Stibor (Theaterintendant), Jürgen Peters (Kulturamt), Domkapellmeister Franz-Peter Huber mit seiner Frau Julia, der neue Domorganist Max Deisenroth, Susanne Walther sowie zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur und Politik.

Nicola Miorada, Tamon Jashima und Prof. Dr. Wolfgang Rüdiger vom Ensemble Aventure ...

Domkapellmeister Franz-Peter Huber mit seiner Frau Julia Huber

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld bei seiner Begrüßung
Es sei ja eigentlich Usus, das Geburtstagskind zu beschenken, so der Oberbürgermeister, befand aber sogleich, mit diesem Festkonzert beschenke sich das Publikum gleich selbst mit. Die Stadt habe Michael Quell von Anfang an einen Rahmen geboten, der von der großen Wertschätzung zeuge, die man für diesen Ausnahmekünstler empfinde. "Das begann im Jahr 1993, als Michael Quell die Idee zu einer Reihe über ‚Neue Kammermusik‘ dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger vorstellte – der die Idee sofort aufgriff.
Über 30 Jahre existiert diese Reihe nun bereits", freute sich Oberbürgermeister Wingenfeld. Überhaupt habe es viele großartige Konzerte mit Michael Quell gegeben, 2019 die Uraufführung eines von der Stadt anlässlich des Stadtjubiläums in Auftrag gegebenen Werks, oder 2023 die Uraufführung der "Werkaktivierungen", bei der Franz Erhard Walther und Michael Quell erstmals künstlerisch zusammenfanden. Eine Idee, die übrigens im ‚Goldenen Karpfen‘ geboren wurde – einem Ort, der gut sei für gute Ideen! Mit Quell könne man immer wieder neue Welten entdecken, wenn man sich auf seine Musik einlasse.

Susanne Walther und Jutta Hamberger

Klarinettist Nicola Mioarada im Stück „Dark Matters“

Yvonne Petipierre aus München (zweite von links)
Zwischen Philosophie und Physik – die Laudatio
Professor Dr. Wolfgang Rüdiger ist Michael Quell seit Jahren eng verbunden. Viele gemeinsame Aufführungen, Uraufführungen und freundschaftliche Kooperation machten ihn zum besten Laudator, den man sich für Michael Quell wünschen konnte. Seine Rede war anspruchsvoll, komplex und Staunen heischend – ganz wie die Musik Quells. Ich bin sicher nicht die einzige, die diesen Text gern in Ruhe nachlesen würde! "Quells Werk ermöglicht Zugänge zu Grundfragen des menschlichen Daseins in der Welt", und genau darin liege ihr Faszinosum, so Rüdiger. Ganz nach Musils Diktum, von der Kunst blieben wir als "Veränderte" zurück, gelte genau das für Quells Musik.

Tamon Jashima (Oboe) in „Dark Matters“

Christof Stibor, Intendant des Schlosstheaters

Die großartige Sopranistin Natasha Sallès im Stück „Lass die Moleküle rasen“ ...
Beim Hören könne man aus dem begrenzten Subjekt- und Sicherheitsdenken heraustreten und zu einem "fühldenkenden Wesen" werden – was für eine wunderbare Wortschöpfung! Von Musil über Platon, Aristoteles, Goethe, Heidegger, Heise bis hin zu Higgs würde Quell mit unerschöpflicher Neugier und großem Staunen immer wieder erforschen, was die Welt im Innersten zusammenhalte.
In seiner Musik sei von Anfang an alles da gewesen. Was die Quell’sche Musik ausmacht, ließ uns Rüdiger dann selbst erproben und erfahren: den eigenen Puls fühlen, einen Laut ausstoßen, erst still, dann laut, erst jeder für sich, dann alle zusammen, Töne und Silben bilden. Ein wunderbarer Moment für alle, schlüsselte es doch Quells nicht gerade einfach zu verstehendes Werk auf geradezu geniale Weise auf. Genau solche Zugänge zu moderner Musik brauchen wir – viel mehr, und viel öfter! Quells Musik sei Spiegel der Welt, des Lebens und des Kosmos.

Dr.Edelgard Ceppa- Sitte und Dr. Thomas Sitte

Prof. Dr. Wolfgang Rüdiger (Fagott) und Nicola Miorada

Prof. Dr. Wolfgang Rüdiger bei seiner Laudatio
Dunkle Materie, rasende Moleküle, Ekstase und Verzerrung
Fünf verschiedene Werke spielte das Ensemble Aventure, das nicht umsonst so heißt. Denn Quells Musik ist ein Abenteuer, für die Musiker genauso wie für die Zuhörerinnen und Zuhörer. Und genauso wurde es dann auch. "Dark Matter" löste das Raum-Zeit-Kontinuum auf. Geräusche, Töne, Klänge wurden auf eine Zeitachse gelegt, zerdehnt und beschleunigt, und so erlebbar gemacht. So entstanden immer wieder neue Momente, Flächen und Gestalten. Die Instrumente spielten für sich, dann miteinander, gegeneinander, übereinandergeschichtet und Impulse voneinander aufgreifend. Jedes Instrument nutzte dabei alles, mit dem es Geräusche und Töne erzeugen konnte. Ob das flackernde Licht im Fürstensaal Teil der Komposition war?
Für mich war das Highlight des Abends "Lass die Moleküle rasen", eine Komposition, deren Ausgangspunkt Christian Morgensterns Galgenlieder sind. Es war die humorvollste Komposition, und – vielleicht wegen Natascha Sallès glitzerklarem Sopran – auch die lebendigste. Lautmalereien, die Archaik des Sprechens, die sich in Laute mischenden Wortfetzen, Worte und Sätze – es war einfach unglaublich. Das Stück war ein einziges großes und schönes Staunen.
In "Ekstare" verbinden sich einzelne Fragmente in geradezu ekstatischer Wildheit. In "String II - Graviton" kann man erleben, wie Geräusche und Töne entstehen, sich verdichten und geradezu in die Welt hinausgeschleudert werden. Und in "Anamorphosis II – Polymorphia" schließlich wird der Raum vom Ort zum Mitspieler, weil einige Musiker die Bühne verlassen und sich im Raum verteilen. Das lässt uns die Musik geradezu körperlich und unmittelbar erleben.

Natasha Sallès und Pianistin Akiko Okabe
Mit dem Freiburger Ensemble Aventure waren großartige Musiker nach Fulda gekommen, die ihr Wirken dem Aufbruch in unbekannte Klangwelten widmen. Die Leidenschaft, Hingabe, Könnerschaft und Präzision, mit der sie Quells anspruchsvolle Kompositionen erklingen ließen, ist beeindruckend. Kein Wunder, dass Ensemble und Komponist mit Standing Ovations geehrt wurden! Der unvergessliche Abend klang mit einem Empfang der Stadt zu Ehren des Geburtstagskindes aus – und mit vielen guten Gesprächen und Begegnungen.
(Jutta Hamberger) +++