08.10.25 - Der 7. Oktober 2023 veränderte die Welt und traumatisierte Israel: 1.295 Opfer, 251 entführte Geiseln – die nackten Zahlen lesen sich schrecklich genug, die Bestialität des Angriffs und befreundeter militärischer Milizen verschlägt einem auch zwei Jahre später noch den Atem. In Fulda wurde des Tages mit einer Gedenkveranstaltung in der Katholischen Akademie gedacht – eine Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ und der Jüdischen Gemeinde Fuldas.

Anja Listmann bei ihrem Vortrag über die Geschehnisse des 7. Oktober 2023.
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Der Grüne Saal in der Katholischen Akademie war bis auf den letzten Platz besetzt. ...

Diese Karte zeigt, wie weit die Hamas nach ihrem Angriff nach Israel eindrang (blaue ...
Chronologie des Angriffs
Anja Listmann, Fuldas Beauftragte für jüdisches Leben, rief in ihrem Vortrag den 7. Oktober in Erinnerung. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören, so still war es im Raum. Vereinzelt hörte man leises Schluchzen oder schweres Atmen, bei allen spürte man das Entsetzen bei der Vergegenwärtigung dieses entsetzlichen Tags, der in den frühen Morgenstunden mit dem Durchbrechen des Grenzzauns an zwölf Stellen begann.
"Das war kein ungeplanter Überraschungsangriff, sondern eine präzise geplante, militärische Aktion, die jahrelang vorbereitet wurde. Ich habe Dinge gesehen, die ich nie wieder vergessen kann, und ich will das erzählen", so Anja Listmann. Stellvertretend für die vielen ermordeten und entführten Menschen griff sie einige Schicksale heraus.

Nicht nur die Hamas griff an, sondern auch befreundete militärische Milizen. ...

Die junge Späherin Roni Eshel – eine von vielen Ermordeten jenes Tages. ...

Anja Listmann zitierte aus Ron Leshems Buch "Feuer – Israle und der 7. Oktober". ...
Die junge Soldatin Rony Eshel arbeitete auf der Basis Nachal Oz als Späherin und meldete den Angriff. Aber die Hamas hatte die Kommunikationswege stillgelegt. So wurden 53 von 163 der dort stationierten Soldatinnen und Soldaten an diesem Tag ermordet. Ruth und Eric Perez waren gemeinsam auf dem Nova Festival. Ruth litt an Muskeldystrophie und saß im Rollstuhl, aber sie tanzten dort gemeinsam – aber auch diese beiden wurden von der Hamas nicht verschont. Der 85-jährige Shlomo Ron aus dem Kibbuz Nachal Oz setzte sich bei Beginn des Angriffs in seinen Sessel und wartete. Er bat seine Familie, sich im Schutzraum zu verbergen. Der Plan ging auf. Die Angreifer töteten ihn, seine Familie überlebte, weil die Angreifer dachten, niemand sonst sei im Haus.
Im Kibbuz Be'eri ging die Hamas von Haus zu Haus und tötete die Menschen systematisch. Forensische Untersuchungen ergaben später, dass 80 % der Opfer schwere und schwerste Spuren von Folterung aufwiesen. Der junge Hersh Goldberg Polin war auf dem Nova Festival, ihm gelang die Flucht in einen Schutzraum. Die Hamas-Terroristen warfen Granaten hinein. Dreimal gelang es Hersh, die Granaten zurückzuwerfen, dann aber explodierten sie. Auf von der Hamas gedrehten Videos sieht man, wie Hersh auf einen Pick-up geworfen wird, ein Unterarm ist abgerissen. Hersh wurde später von der Hamas hingerichtet, kurz bevor die IDF ihn und andere Geiseln fand. Und doch sagt seine Mutter Rachel: "Ich kann mit den Unschuldigen in Gaza leiden, weil mein moralischer Kompass intakt ist. Man muss nicht wählen. Ich will über ein Baby weinen, das dort gestorben ist, und über ein Baby, das anderswo gestorben ist, und ich will nichts über ihre Herkunft wissen. Das ist nicht von Bedeutung."

Worte der Empathie – Rachel Goldberg Polin nach der Ermordung ihres Sohnes Hersh. ...

Barbara Bišický-Ehrlich und Anja Listmann im Gespräch.

Barbara Bišický-Ehrlich.
Quintessenz jüdischen Lebens
"Das war ein furchtbarer und ein furchtbar guter Vortrag", befand Barbara Bišický-Ehrlich, mit der Anja Listmann im Anschluss an ihren Vortrag über ihre Erfahrungen als Jüdin in Deutschland sprach. Es sei eine Quintessenz jüdischen Lebens, dass Schweres und Schönes so nahe beieinander liege, so Bišický-Ehrlich.
Barbara Bišický-Ehrlich ist Autorin und Dramaturgin mit tschechischen Wurzeln. Sie ist Kind der dritten Nachkriegsgeneration und wuchs behütet in Westdeutschland auf – "völlig assimiliert, ich ging in keinen jüdischen Kindergarten und in keine jüdische Schule, deshalb sind die meisten meiner Freunde auch nichtjüdisch". Was ein transgenerationales Trauma ist, weiß sie nur zu genau – und doch sei in ihrer Familie nicht Hass, sondern Lebensfreude die Grundlage gewesen. Und das, obwohl alle Familienangehörigen, die vor 1945 geboren worden seien, Auschwitz, andere Todeslager und die Todesmärsche erlebt hätten. "Wie stark ich mich als Jüdin fühlen kann, weiß ich erst seit dem 7. Oktober". Dieser Tag habe alles für sie verändert, "denn nach dem 7. Oktober war nur ohrenbetäubendes Schweigen" – niemand habe sie gefragt, wie es ihr gehe. Diese Empathielosigkeit hätten Juden auf der ganzen Welt erfahren.
Judenhaus sei seit dem 7. Oktober wieder salonfähig, konstatierte Anja Listmann. Weg gewesen sei er nie, ganz so, wie Simon Pearce es in seinem Gedicht "Bei Hitlers brennt noch Licht" geschrieben habe: "Bei Hitlers brennt noch Licht, jetzt treten sie ans Fenster. Jetzt sieht man sie, jetzt hört man sie, das sind keine Gespenster." Barbara Bišický-Ehrlich bestätigte das, sagte aber auch, sie weigere sich zu glauben, dass die Mehrheit so denke. "Es sind immer nur wenige, die böse sind – aber sie sind laut. Die Mehrheit ist nicht antisemitisch, aber sie schweigt, und macht diesen Antisemitismus damit möglich."

Trotz Sukkot waren auch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde gekommen, darunter der ...

Ivona Gebala von der Katholischen Akademie dankt Barbara Bišický-Ehrlich und Anja ...
Es gibt kein "aber" zum 7. Oktober
Sie sei heute davon überzeugt, es werde nie eine Zeit ohne Judenhass geben, "das ist wie eine Seuche". Wenn auf deutschen Schulhöfen das Wort "Jude" als Schimpfwort gängig sei und nicht hinterfragt würde, wenn an einem Tag wie dem 7. Oktober Demonstrationen der Students for Palestine erlaubt würden, dann frage sie sich, wo die Empathie mit jüdischen Menschen bliebe – denn an diesem Tag seien diese Demonstrationen nichts als Provokation.
Nach dem bewegenden Gespräch hatte das Publikum die Chance, Fragen zu stellen oder Vortrag und Gespräch zu kommentieren. Viel Betroffenheit und viel Mitgefühl wurden spürbar, aber durchaus auch den Versuch, den 7. Oktober zu relativieren und als Ergebnis der Geschichte zwischen Israelis und Palästinenser zu sehen. Auf einen entsprechenden Redebeitrag antwortete Barbara Bišický-Ehrlich, es gäbe kein ‚aber‘ zum 7. Oktober. Egal, wie viel Schlimmes auf beiden Seiten geschehen sei, so bleibe doch Faktum, dass die Palästinenser jedes Friedensabkommen ausgeschlagen hätten, zuletzt 2005. "Damals hätten die Palästinenser Gaza aufbauen können, sie hätten etwas aus ihrem Leben machen können. Sie haben sich dagegen entschieden und immer wieder Krieg angefangen."
Nach rund zwei Stunden endete ein intensiver und bewegender Abend, der wohl niemanden unberührt ließ. (Jutta Hamberger) +++