23.10.25 - Etwas mehr als 100 Besucher und Besucherinnen hatten den Weg ins Neuhofer Gemeindezentrum (Landkreis Fulda) gefunden, um dort einem äußerst beliebten Politiker zu begegnen, der in Osthessen schon oft für volle Säle gesorgt hat: Wolfgang Bosbach. Bosbach hat eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht, holte auf zweitem Bildungsweg das Abitur nach und studierte dann Jura. Er ging in die Kommunal-, später in die Bundespolitik und saß 23 Jahre für die CDU im Bundestag.
Markenzeichen Klartext reden
Beliebt ist Bosbach auch deshalb, weil er nicht um den heißen Brei herumredet, sondern deutliche Worte findet. Das unterscheidet ihn von vielen Politikern, die sich lieber ins Allgemeine und Wolkige flüchten. Bosbach ist direkt, manchmal unbequem, aber nie beleidigend oder herabwürdigend. Das war auch eine Botschaft, die er dem Publikum mitgab: Man solle doch einfach mal verbal abrüsten: "Wer anderer Meinung ist, ist doch nicht mein Feind."
Neuhofs Bürgermeister Heiko Stolz hob in seiner Begrüßung diese Eigenschaften des Gastes hervor. Dann bat er um einen stillen Moment des Gedenkens an den am 2. August 2025 verstorbenen Ulli Potowski, der eigentlich mit Bosbach gemeinsam den Abend hätte gestalten sollen. Die beiden haben 2019 das Buch "52: Ein Jahrgang, zwei Leben" gemeinsam verfasst, das in diesem Jahr in einer erweiterten Auflage erschienen ist.
Statt seiner sprang Hans-Jürgen van der Gieth als Gesprächspartner ein. Gieth ist Lehrer und Autor und hat das Buch von Bosbach und Potowski herausgegeben. Er griff den Impuls von Heiko Stolz auf und erinnerte in Bildern und Geschichten an die Reporterlegende Ulli Potowski, der die Sportberichterstattung mit "Anpfiff" einst revolutioniert hat und mit "Herz, Seele, Ball" einen täglichen Fußball-Podcast in über 2.000 Folgen veröffentlicht hatte. Die letzte Folge entstand am 31. Juli 2025 in dem Krankenhaus, in dem Potowski vergeblich auf eine Knochenmarktransplantation wartete.
Meister der Unterhaltung mit Tiefsinn
Wohl die meisten von uns haben Potowski in irgendeiner seiner vielfältigen Aufgaben erlebt. Er war schlagfertig, humorvoll und warmherzig, auch oder gerade dann, wenn er etwas nicht beherrschte (man denke nur an seine legendären Nicht-Let’s-Dance-Vorstellungen). Er mochte die Menschen, er hatte Charme, er war echt, er war leidenschaftlich, und er war in jedem Medium ein Vollbluterzähler.
Damit ist auch umrissen, was dem Neuhofer Abend leider fehlte: Die Begegnung zweier über 70-Jähriger mit ihren so unterschiedlichen Lebenswegen und Positionen, die sich mit Respekt, Neugier und Zuneigung begegnen und dabei über Gott und die Welt reden. Bosbach fehlte der erzählerische Widerpart auf Augenhöhe. Und so gab es kein charmantes Geplänkel, kein sich gegenseitiges Hoch-Jazzen in Geschichten und Anekdoten. Van Gieth blieb zu sehr bloßer Stichwortgeber.
Das fiel v.a. im ersten Teil der Veranstaltung auf, in dem es um aktuelle politische Fragen ging, von des Kanzlers Bemerkung über migrantisch gestörte Stadtbilder, über Unbehagen und Sicherheitsbedenken vieler Frauen zu Richard David Prechts Ansicht, man müsse ja Angst haben, seine Meinung zu äußern bis zur Frage, wie richtig ein AfD-Verbot eigentlich sei. Bosbachs gelang es dennoch immer wieder, die trockenen Fragen humorvoll aufzulockern, mit flotten Sprüchen Duftmarken zu setzen und seine Positionen meinungsstark zu vertreten.
Geschichten aus dem Leben
Der zweite Teil des Abends bot Bosbach dann den Raum, drauf los zu erzählen, das Publikum zu amüsieren und staunen zu machen. Verschmitzt und hintersinnig erzählte er von Potowskis Ersteinsatz beim Wintersport (Olympische Spiele in Calgary) und dessen völliger Unbelecktheit vom Abfahrtslauf. Auch die Geschichte vom ersten Vorsprechen beim Radio, bei dem Potowski keinen geringeren als Udo Jürgens interviewen musste, sorgte für viel Schmunzeln. Dass Portowski auch als Sänger aktiv war, dürften viele nicht gewusst haben. Tatsächlich findet man seine Hits auf Youtube, er sang unter dem Künstlernamen ‚Ulli Mario‘ u.a. in der Hitparade, einmal sogar im Duett mit Andrea Berg. Herrlich auch die Geschichte von der vermasselten ersten Direktübertragung eines Tennismatches zwischen Boris Becker und John McEnroe aus Chicago, bei der man die Zeitverschiebung falsch berechnet hatte.
Äußerst unterhaltsam waren auch die Einblicke ins Bosbach’sche Familienleben mit dem Vater, der ein rheinischer Katholik gewesen sei und nach dem Motto gelebt habe, "Unten so viel, dass man oben noch reinkommt", und der eher pietistischen Mutter, deren zentraler Satz "Das tut man nicht!" gewesen sei. Spannend waren Bosbachs Erfahrungen aus seiner Zeit als Supermarktleiter bei Coop, wo er bewusst das Reklamationsmanagement an sich gezogen hatte: "Ernst nehmen kann man alle Anliegen." Die Geschichte von der reklamierten, dreiviertel geleerten Flasche Asbach wird wohl keiner vergessen, der in Neuhof dabei war!
Bleibt als Fazit, dass das Buch der beiden lesenswert und unterhaltsam ist und ganz nebenbei zu einer Geschichtsstunde wird, denn die historischen Zeitläufe bilden den roten Faden, an dem entlang sich die Gespräche entwickeln. Das Publikum jedenfalls war begeistert und dankte Wolfgang Bosbach und Hans-Jürgen van der Gieth mit lang anhaltendem Beifall.
(Jutta Hamberger) +++