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Bei der Gedenkfeier anlässlich der Novemberpogrome 1938 wird ein Davidsstern aus weißen und blauen Kerzen gebildet - Alle Fotos: Martin Engel

FULDA Eine Inflation des Hasses

Gedenkfeier aus Anlass der Novemberpogrome des Jahres 1938

11.11.25 - In Gebeten und Gedichten, mit Musik und Reden wurde am Abend des 9. November der Pogromnächte des Jahres 1938 im Museumshof gedacht. Die bewegende Gedenkfeier wurde zu einem eindrucksvollen Moment des Innehaltens und Erinnerns.

Jutta Hamberger, die Vorsitzende der Fuldaer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ, sagte in ihrer Begrüßung: "Egal, wieviel ich über diesen Tag lese, egal wie viel ich weiß, egal wie intensiv ich mich mit dem 9. November auseinandersetze – mich überkommt jedes Mal aufs Neue das Grauen." Der Publizist Alfred Wiener habe von einer "Inflation des Hasses" gesprochen. Dann listete sie die nackten Zahlen des Grauens auf: 1.400 zerstörte Synagogen, 7.500 zerstörte Geschäfte, 10.000 demolierte Wohnungen, bis zu 2.000 ermordeten Juden, über 30.000 festgenommene jüdische Männer: "All das fand vor aller Augen statt. Mitten in der Gesellschaft. Man konnte wissen, was da geschah." Dass es nach der Shoa in Deutschland wieder jüdisches Leben und jüdische Gemeinden gäbe, bezeichnete Hamberger als Geschenk an uns alle.

Kranzniederlegung: OB Dr. Wingenfeld für die Stadt sowie Marliese Heiligenthal ...

Bella Gusman zwischen Elizabeth und Ethan Bensinger, die aus Chicago angereist waren ...

Florentine Schlereth und Laura Heil bei ihrem bewegenden Vortrag

Jutta Hamberger, Vorsitzende der GCJZ, begrüßt

Diese Angst werden Sie nie vergessen

Wie im vergangenen Jahr lag die Verantwortung für die musikalische Gestaltung der Gedenkfeier in den Händen Natalya Oldenburgs, der Leiterin der Fuldaer Musikschule. Die beiden Schüler der Musikschule Ferdinand Wehner (Saxophon) und Erik Oldenburg (Klavier) trugen drei Musikstücke vor: Die Aria für Altsaxophon von Eugéne Bozza (1905-1991), den Mittelsatz aus dem Oboenkonzert in d-moll von Alessandro Marcello (1673-1747) und das Stück "If" von Michael Nyman (*1944) – wehmütig-traurige Klänge, die zum in sich hineinhören und still werden beitrug.

Ein emotionaler Höhepunkt war der Redebeitrag von Florentine Schlereth und Laura Heil. Beide vergegenwärtigten die Pogromnächte des Jahres 1938. "Ich möchte Sie einladen, sich Folgendes vorzustellen: Eines Nachts werden Ihre Fensterscheiben eingeschlagen. Tagsüber wird in der Schule Ihrer Kinder eingebrochen und randaliert. Ihr Haus ist nicht das Einzige in der Straße, dessen Fenster eingeschlagen wurden. Der Friedhof, auf dem Ihre Vorfahren ruhen, wird verwüstet. Niemand unternimmt etwas dagegen. In der Nacht darauf wird Ihr Gotteshaus vorsätzlich angezündet. Es wird niederbrennen, denn es wird nicht gelöscht. Ihr Geschäft wurde beschädigt und ausgeraubt. Sie werden durch die Straßen gejagt. Schreie aus umliegenden Häusern gehen Ihnen durch Mark und Bein. Die Angst, die Sie in diesen Tagen verspüren, werden Sie nie vergessen."

OB Dr. Heiko Wingenfeld bei seinem Dankwort

Viele Menschen hatten den Weg in den Museumshof gefunden und trotzten dem nasskalten ...

Die Kränze der Stadt Fulda und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ...

Jutta Hamberger, Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez und Dekan Dr. Thorsten Waap ...

Wir können unser persönliches Umfeld beeinflussen

Es falle schwer, sich all das bezogen auf die eigene Stadt vorzustellen: "Wir reden uns ein, dass die Täter andere waren, dass die Pogrome an anderen Orten stattfanden als jenen, die wir Heimat nennen. Und schließlich reden wir uns ein, dass wir, wenn wir damals gelebt hätten, bestimmt nicht zu Tätern geworden wären, nicht weggesehen hätten."

Die Eintragungen aus dem Polizeibuch der Stadt Fulda vom 09./10. November 1938 zeigen minutiös auf, was in Fulda geschah. Beide Mädchen schlossen mit der Bitte, den Blick auch auf die Gegenwart zu richten, in der jüdische Menschen Angst haben, ein Mann einen Messerangriff auf Juden plant oder ein Journalist klagt, wenn die Opfer des 7. Oktober 2023 als wehrlose Juden dargestellt werden. Verfolgten und schikanierten Jüdinnen und Juden helfe man am besten durch aktives Handeln – heute, hier und jetzt. Wer schweigt, müsse wissen, dass er sich damit schuldig macht.

Michael Brand, MdB

OB Dr. Wingenfeld im Gespräch mit Dekan und Weihbischof

Weihbischof Diez spricht ein Gebet

Wo sind wir, wenn es gilt, die Stimme zu erheben?

Die Religionsvertreter der Katholischen und Evangelischen Kirche, der Ahmadiyya Gemeinde und der Jüdischen Gemeinde sprachen Gebete und erinnerten daran, dass alle Religionen Gebote der Menschlichkeit in sich tragen, mit deren Umsetzung Menschen sich oft schwertun. Weihbischof Prof. Dr. Karheinz Diez erinnerte an "die Menschen, an die Grabsteine auf dem Friedhof in Fulda erinnern, und an die vielen aus unserer Stadt, von denen keine Grabsteine zeugen, die verschleppt und dann umgebracht wurden, Menschen, die die meisten von uns nicht persönlich gekannt haben, deren Schicksal uns aber beschäftigt und umtreibt." Wie Diez ein christliches Gebet so umwandelte, dass darin das jüdische Gottesverständnis deutlich wurde, war beeindruckend.

Dekan Dr. Thorsten Waap fragte: "Du Hüter Israels, bis heute fragen wir uns, wo war Deine Kirche, als jüdische Nachbarn verschwanden, fliehen mussten oder abgeholt wurden zum Transport in den Tod? Und jetzt fragen wir, wo sind wir, wenn es gilt, für bedrohte Menschen einzutreten, Hassparolen zu widersprechen?" Imam Janjua erinnerte daran, dass auch der Islam Respekt vor anderen Religionen und deren Gotteshäusern fordere – so stehe es im Koran. Abschließend betete Roman Melamed das El Male Rachamim, das jüdische Gedächtnisgebet für alle Verstorbenen.

Dekan Waap spricht ein Gebet

Imam Janjua spricht ein Gebet

Roman Melamed betet das El Male Rachamim

Erinnern und Gedenken sind bitter notwendig

Bewegend war Marliese Heiligenthals Vortrag des Gedichts "Poem – Ich will leben" von Selma Meerbaum-Eisinger, die nur 18 Jahre alt wurde, bevor sie 1942 in einem Zwangsarbeiterlager an Fleckfieber starb. Ihr Gedicht ist Aufruf, Wehklage, Anklage, Freude und Leid gleichermaßen.

Nach der Kranzniederlegung ergriff Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld das Wort. Er dankte allen und sprach von der "lebendigen Erinnerungskultur in Fulda, die breit getragen sei von vielen Akteuren, Vereinigungen und Einzelpersonen, die sich engagieren". Besonders beeindruckt zeigte er sich von den Worten Florentine Schlereths und Laura Heils. "Sie haben gesagt, worum es an diesem Novemberabend geht – und das erfüllt mich mit Demut", denn normale Fuldaer und Fuldaerinnen hätten Schuld auf sich geladen, und leider hätten auch Institutionen und die Stadtverwaltung versagt. "Die Novemberpogrome haben sehr konkret hier bei uns stattgefunden, nicht irgendwo."

Roman Melamed, OB Dr. Wingenfeld und Elizabeth Bensinger

Ferdinand Wehner (Saxophon) und Erik Oldenburg (Klavier) sorgten für die musikalische ...

Marliese Heiligenthal trägt Selma Meerbaum-Eisingers Gedicht „Poem – Ich will ...

Anja Listmann, Florentine Schlereth und Jutta Hamberger vor dem aus Kerzen gebildeten ...

Digitale Rekonstruktion der Fuldaer Synagoge

Den Abschluss des Gedenkens bildete ein Vortrag von Clemens Rudolph, der eine digitale Rekonstruktion der Fuldaer Synagoge zeigte. Ungefähr 60 Menschen hatten den Weg vom Museumshof ins Kanzlerpalais gefunden und lauschten dem Vortrag gebannt. Denn wer kennt schon die ehemalige Synagoge, wer weiß schon, wie man technisch an eine digitale Rekonstruktion herangeht, wenn es als Basis dafür nur wenige schwarz-weiß-Fotos und Pläne gibt? Die digital auferstandene Synagoge machte in schmerzlicher Schönheit klar, was durch die Shoa alles verloren ging.

Ein eindrucksvoller Abend, der einmal mehr klarmachte: Gemeinsame Gedenkfeiern sind nicht überflüssig, sondern bitter notwendig. Denn sie sind Selbsterinnerungen daran, Ausgrenzung und Hass in jeglicher Form nachdrücklich entgegenzutreten. (red)+++

Weihbischof Diez begrüßt Imam Janjua

Weihbischof Prof. Dr. Diez, Jutta Hamberger, Dekan Dr. Thorsten Waap, Bella Gusman und Roman Melamed ...

Weihbischof Diez und Jutta Hamberger

Jutta Hamberger mit den Beamten der Fuldaer Polizei, die für die Sicherheit der Gedenkveranstaltung ...

Jutta Hamberger und Barbara Weiler

Ethan Bensinger im Gespräch mit OB Dr. Wingenfeld


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