12.11.25 - Ethan Bensinger kommt seit 2017 regelmäßig nach Fulda - die Heimat seiner Vorfahren. Denn Ethan Bensinger ist ein Nachfahr der Familien Kamm, Trepp und Sichel, jüdischer Familien, die Fulda mehr als 500 Jahre ihre Heimat nannten. Dann aber kam die Reichspogromnacht 1938 - und mit ihr das Ende jeglicher Existenzgrundlage für Juden in Deutschland. In Fulda besuchte er in diesen Tagen einige Schulen und führte ein Zeitzeugengespräch im Rahmen des Programms der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ.
Stephanie Mosler aus dem Vorstand der GCJZ moderierte das Gespräch mit Ethan Bensinger souverän und sehr zugewandt. Im Hintergrund sah man Familienfotos- und solche von wichtigen Stationen in Bensingers Leben. In wunderbarem Deutsch erzählte Bensinger aus seinem Leben und dem seiner Familie. Zwar hatte er anfangs noch damit kokettiert, doch lieber Englisch sprechen zu wollen, aber mit jeder Minute des Gesprächs fühlte er sich in seiner Muttersprache wohler.

Stephanie Mosler moderiert den Dialog zwischen Ethan Bensinger und den Schülerinnen ...
Schmerzliche Liebe zur ehemaligen Heimat
Sicher eine der zentralen Fragen für alle im Kanzlerpalais war die Frage danach, wie er sich in Deutschland fühle. Ethan Bensingers Antwort war ehrlich, und schmerzhaft: In Deutschland leben könne er sich nicht mehr vorstellen. Gerade, wenn er über Land fahre und an den vielen kleinen Dörfern und Städten vorbeikäme, in denen einst auch jüdische Familien gelebt hätten, empfände er die Beklemmung besonders: "Jetzt ist da alles ‚judenrein‘". Er habe auch jahrelang nicht mit deutschen Zügen fahren können.
"Ich bin die zweite Generation", sagt er. "Ich habe mit meiner Mutter nicht viel über die NS-Zeit gesprochen, ich habe keine Fragen gestellt. Das war kein Thema bei uns." Eine Erfahrung, wie sie typisch ist für die Angehörigen der zweiten Generation - das Grauen war noch so gegenwärtig, dass man lieber schwieg und die Kinder nicht belasten wollte. Die Traumata aber wurden vererbt. Ethan Bensinger reiste in diesem Sommer erstmals nach Riga und besuchte das Holocaust-Museum und die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki. An der Gedenkwand des Holocaust-Museums las er auch die Namen seiner hier ermordeten Verwandten. "Eine schwere Reise war das. Auf der Wand der Opfer stehen 132 Namen Fuldaer Juden, auch von meiner Familie."
Eine Familie starker Persönlichkeiten
Ethan Bensinger ist ein Nachfahr Lipman Trepps - den der Fuldaer Abt Hartmann 1514 zu seinem Arzt bestellte. Die Familie baute sich in der Nähe der Synagoge ein Haus und nahm den Namen "Uff der Treppen" an, der später zu Trepp verkürzt wurde. Auch im Familienzweig der Sichels gab es interessante Persönlichkeiten. Jacob Sichel, sein Urgroßvater, hatte ein Geschäft in der Karlstraße 42, das sich auf handgefertigte Anzüge und den Verkauf von Leinen spezialisiert hatte. Die Familie mit allen acht Kindern lebte im Stockwerk darüber. "Immer wenn ich in Fulda bin, gehe ich als erstes dort vorbei", erzählt er. "Das Haus sieht noch fast genauso wie früher aus."
Jacobs Sohn Hugo spielt eine besondere Rolle in der Bensinger’schen Familien-Historie, denn er schenkte seinem christlichen Freund Paul Römhild Ende der 1930er Jahre zwei Tischdecken. Die Römhilds hielten die Decken in Ehren - und 2019 übergab Pauls Tochter Hedi Schuhej sie Ethan. "Jetzt ruhen sie nicht mehr still in einem Buffett, sondern schmücken die festlich gedeckte Tafel an den hohen jüdischen Feiertagen", so Ethan Bensinger. Diese wunderbar-beglückende Geschichte erzählt er auch in seinem Film "Der Gerechte aus Fulda".
Ein weiteres Original war Großvater Willy Kamm. Der verkaufte bäuerliches Zubehör und war ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Mit seinen christlichen Freunden traf er sich regelmäßig im Café Thiele. Vermutlich hat er es einem dieser Freunde zu verdanken, dass er kurz vor der Reichspogromnacht Deutschland noch verlassen konnte - er emigrierte nach Palästina. "Willy wuchs in einer orthodoxen Familie auf, aber man sagt über ihn, er habe niemals auch nur einen Fuß in eine Synagoge gesetzt", lacht Ethan. Der im übrigen sehr traurig darüber war, diesmal keinen Besuch im Café Thiele machen zu können, denn das wird ja gerade umgebaut.
Mutter Fanny - eine leidenschaftliche Zionistin
Ethans Mutter Fanny Kamm verlebte eine glückliche Kindheit in Fulda. "Sie hat immer erzählt, wie schön sie es hatte", so Ethan. Sie besuchte das Private Evangelische Lyzeum in Fulda, spielte Klavier und engagierte sich in vielen Theaterstücken. Fanny hatte christliche und jüdische Freunde, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten aber wurde sie antisemitisch beleidigt und diffamiert. Anders als ihr Vater Willy ging sie zur Synagoge, ihr Gebetbuch mit dem Adresseintrag ‚Kanalstraße 27 in Fulda‘ besitzt Ethan bis heute. Die politischen Veränderungen in Deutschland machten Fanny zur leidenschaftlichen Zionistin.
1935 reiste sie von Fulda nach Triest und bestieg dort ein Schiff nach Palästina. An Bord traf sie Ernst Bensinger, der ihr wenig später schrieb: "Liebes Frl. Kamm! Ich hoffe, Sie sind gut in Jerusalem angekommen und haben dort eine angenehme Unterkunft gefunden. Ich werde geschäftlich in Jerusalem sein und würde Sie gern zum Lunch einladen. Bitte hinterlassen Sie im Büro der Sabena, ob Sie das möglich machen können. Shalom, Ernst Bensinger." Es funkte zwischen beiden - und schon am 16. Januar 1936 heirateten Fanny und Ernst in Tel Aviv. "Die beiden waren nicht nur Ehepartner, sondern auch Geschäftspartner", so Ethan. Sie importierten Stoffe aus Europa und fuhr oft zu Kunden nach Amman, Damaskus und Beirut. "Das kann man sich heute mit der veränderten politischen Lage gar nicht mehr vorstellen."
Nur in Israel bin ich kein Fremder
1949 kommt Ethan zur Welt - man lebt in einem schönen, wenn auch kleinen Haus in Holon, einem Viertel Tel Avivs. Schon 1955 beschließt die Familie, in die USA auszuwandern. Man ließ sich in Washington Heights nieder, wo viele deutschstämmige Juden lebten. Fanny, die sich nun Rachel nannte, war dort unglücklich. "Sie vermisste ihren Garten, die Rosen, ihre Terrasse und die schöne Aussicht." 1958 zog die Familie nach Chicago um.
1971 kehrte Ethan das erste Mal nach Israel zurück und pendelte von da an regelmäßig zwischen beiden Ländern. "Bevor ich in diesen Tagen nach Fulda kam, war ich in Israel, das erste Mal seit zwei Jahren. Es war erschreckend. Ich habe viel gesehen, was wir - zensurbedingt - vorher nicht sehen konnten, etwa die durch iranische Raketen zerstörten Wohnhäuser in Israel", so Ethan. Zieht Ethan denn ein Leben in Israel in Betracht? "Nur in Israel bin ich kein Fremder", sagt Ethan Bensinger. "Überall sonst auf der Welt bin ich als Jude ein Fremder. Aber wenn Du nicht in der Armee warst oder in einem Kibbuz gelebt hast, bleibst Du in Israel doch immer Gast."
Meine Heimat ist da, wo meine Familie ist
Wo also ist heute seine Heimat? Seine Antwort kommt schnell: 2Meine Familie lebt in Chicago. Schauen Sie, das war doch auch in den 1930er Jahren das große Thema: Die Eltern oder Großeltern verlassen, alleine auswandern? Das fiel damals vielen schwer und verhinderte für viele die rechtzeitige Auswanderung. Mir geht es auch so: Ich bin da zuhause, wo meine Familie ist." Das sagt er, obwohl ihm die aktuellen politischen Entwicklungen in den USA große Sorgen machen und auch er bei den "No Kings Protesten" am 18. Oktober 2025 mit dabei war.
Vor wenigen Tagen habe jemand ein Zitat in den Sozialen Medien gepostet: "Schreckliche Dinge passieren draußen. Arme, hilflose Menschen werden aus ihren Häusern gezerrt. Familien werden getrennt, Männer, Frauen und Kinder werden getrennt. Die Kinder kommen aus der Schule nachhause und sehen, dass ihre Eltern verschwunden sind." Das Zitat passt auf Chicago oder Portland 2025 - aber es stammt aus Anne Franks Tagebuch, es ist der Eintrag vom 13. Januar 1943. Die Parallelen sind unübersehbar - und sie machen einen schaudern. Auch das ist ein Grund dafür, dass Ethan Bensinger Schulen besucht und mit jungen Menschen redet: "Die sind so klug, diese jungen Leute. Sie stellen die richtigen Fragen - und das macht mir Hoffnung für die Zukunft." Mit viel Beifall und Sympathie bedankten sich die Besucher für den intensiven Abend. (Jutta Hamberger) +++